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Periodical volume 20. November 1897, No. 47

Full text: Der Bär Issue 23.1897

— 556 
Die Berlinerin. 
Von 
Mit 
drei Ab 
bildungen. 
Sl-ift 
u Die fragt Berlinerin des alten Berlin. 
Zeichnung von Friedrich Stahl. Probe-Illustration ans dem 
Werke: „Die Berlinerin". (Verlag der „Concordia" in Berlin.) 
äßt sich die Geschichte Berlins auch bis in den An 
fang des 13. Jahrhunders verfolgen, als Welt 
stadt ist die deutsche Reichshauptstadt neben Peters- 
die jüngste Europas, und erst seit zweihundert 
Jahren ist 
Berlin eine 
Stadt, „von 
der die 
Menschen 
sprechen" — 
die Hohen- 
zollern 
haben es 
dazu gemacht. „Bis dahin war es eine kleine märkische 
Landstadt in dürftiger Gegend, zwischen Wasier und Kiefer- 
heiden, ohne bedeutenderen Handel und Gewerbefleiß, ohne 
stattliche Kirchen mit kostbaren Reliquien oder wunderlhätigen 
Heiligenbildern." Mit dem Auftauchen aus dem Dunkel der mär 
kischen Landstadt entwickelten sich die „ersten zarten und unschein 
baren Keime und Ansätze der Berliner Gesellschaft und Ge 
selligkeit." Besonders günstig für die Entwickelung der 
selben waren die französischen Refugiös, die der Große Kur 
fürst ins Land rief. „Die französischen Verbannten waren das 
Korn Salz für den märkischen Boden. Sie kamen aus einem 
gesegneteren Erdenfleck, aus einer reicheren Kultur in das 
Land Moab, wo rauhere Lüfte wehten, der Boden unfrucht 
barer und das Leben härter war ... Wie fest die französische 
Gemeinde zunächst auch noch zusammenhielt, an den mannig 
faltigsten, täglich sich erneuernden Beziehungen und Verbindungen 
mit der Bürgerschaft konnte es nicht fehlen ... Das französische 
Element verbreitete sich darum in der ganzen Bevölkerung der 
Stadt und teilte allen von seinem Fluidum mit. „Ein bißchen 
Französisch ist doch wunderschön!" Von jenen Tagen kann man 
das geflügelte Wort herleiten, in dem sich der Bildungseifer und 
die Bildungseitelkeit, die Bewunderung des Fremdländischen und 
die Vornehmthuerei des Berlinertums so naiv ausspricht." — 
Mit diesen Worten charakterisiert Karl Frenzei -in dem 
Einleitungskapitel der „Berlinerin"*) die Anfänge des 
Rich. George. 
V 
*) Die Berlinerin. Bilder und Geschichten von G. v. Beaulieu, 
Georg Ebers, Georg Engel, Ulrich Frank, Karl Emil Franzos, Karl 
Frenzel, Max Grube, Max Kretzer, Fritz Mauthner, Alexander Mosz- 
kowski, Ludwig Pietsch, Alexander Baron von Roberts, Julius Roden 
berg, Julius Stcttenheim, Julius Stinde, Heinz Tovotc, I. Trojan, 
Ernst Wichert, Ernst von Wtldcnbruch, Ernst von Wolzogen, Fedor von 
Zobcltitz. Herausgegeben von Ulrich Frank. Mit 90 farbigen Text- 
Illustrationen und einem Dreifarbendruck-Umschlag von Friedrich Stahl. 
Berlin 1897. Concordia Deutsche Verlagsanstalt. Pr. geh. ö M., geb. 6 M. 
Die Berliner!«. 
typischen Berlinertums, als dessen „unverwüstliche Bestand 
teile" er Witz, Ironie, Spottsucht und Bosheit." „das Gast 
geschenk Voltaires" hervorhebt. Diese Charakteristik ist freilich 
sehr einseitig: Witzig, ironisch, spottsüchtig find die Berliner; 
sie haben in der That eine „scharfe Witterung für alles 
Lächerliche, Unvernünftige, Verstiegene" — aber boshaft? 
Da thut Karl Frenzel den Berlinern unrecht, boshaft find 
sie nicht, im Gegenteil, ihre Spottsucht ist der Ausfluß eines 
im Grunde harmlosen Gemütes, und die „Atmosphäre Voltaires" 
hüllt zum Glück lediglich die Oberfläche des Berliners ein — 
im Kerne wohnt doch ein edlerer Geist als der Voltaires! — 
Der Typus des Berliners hat sich erst im Laufe des 
18. Jahrhunderts herausgebildet, noch viel jünger, ein Kind 
unseres Jahrhunderts, ist der Typus der Berlinerin, und es 
erscheint auf den ersten Blick als ein kühnes Unternehmen, 
ein Buch zu veröffentlichen, welches ausschließlich der Berlinerin 
gewidmet ist. „Unser Buch", sagt Karl Frenzel, „will die 
Berlinerin in ihrem Heim und auf der Straße, bei der Arbeit 
und in ihren Vergnügungen aufsuchen. Durch alle Stufen, 
alter, die ganze soziale Leiter hinauf begleiten wir sie ... . 
durch den bunten Wechsel des Lebens. Neben den Freundinnen 
der Musen, der Virtuofin und der Malerin, der Schriftstellerin 
und der Schauspielerin, stellen sich die Frauen der Gesellschaft, 
aus den Hofkreisen und aus der Handelswelt; Offiziersdamen 
begrüßen sich mit der kunstvoll nach dem Range des Gatten 
modellierten Verbeugung. Die arbeitenden Frauen verleihen 
in allen Großstädten dem Straßenbilde einen charakteristischen 
Zug; in ihrem Gang und Wesen, ihrer Haltung und Sprache 
kommt mit der Volksart auch die geistige Atmosphäre der 
Stadt zur Geltung. Ueberall begegnen dem Beobachter 
originale Erscheinungen, die in dieser Form und in diesem 
Ausdruck kein anderer hauptstädtischer Boden gezeitigt hat." 
Die Aufgabe, die sich Herausgeber und Verlagshandlung 
bei der Veröffentlichung dieser „Naturgeschichte der Berlinerin" 
gestellt 
haben, war 
somit für- 
wahr keine 
leichte: galt 
es doch, „die 
gemeinsamen und die indi 
viduellen Züge der Berliner 
Frauenwelt" darzustellen. Die 
Lösung dieser Aufgabe hätte 
die Kräfte eines einzelnen 
überschritten, und es ist ein Stab von 
Schriftstellern vereinigt worden, die jeder das 
ihnen besonders in der Feder liegende Gebiet 
bearbeitet haben. Leider fehlt Theodor 
Fontane, der Altmeister der Berliner Autoren, 
der sich noch jüngst in den „Poggenpuhls" 
als ein begnadeter' Schtlderer Berliner 
Lebens und Denkens erwiesen hat. 
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Zeichnung von Friedrich Stahl. Probe-Illustration aus dem Werke: 
(Verlag der „Concordia" tu Berlin.)
        
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