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Periodical volume 13. November 1897, No. 46

Full text: Der Bär Issue 23.1897

Marie Seebach. 
Die darstellende Kunst hat vor kurzem abermals einen 
erheblichen Verlust erlitten. Marie Seebach, die unvergleichbare 
„Stella", das lieblichste „Gretchen", die poetischste „Julia" 
— ist von uns geschieden. In wie vielen der älteren 
Generation mag bei der Nachricht ihres Todes noch einmal 
helleuchtend die Erinnerung erwacht sein an jene holde 
Mädchenerscheinung, die wie der lebendig gewordene 
Traum unsterblicher Meister einst vor ihnen gestanden! — 
Mil welcher Begeisterung erzählen jene, denen es noch 
vergönnt war. Marie Seebach bei ihrem ersten Auftreten in 
Berlin vor 40 Jahren zu sehen, uns Kindern einer neuen 
Zeit von der großen Küustlerin! 
Aber wenn auch in den letzten Jahren das Alter seinen 
Tribut gefordert, wenn die Heimgegangene auch nicht mehr 
als Gleichen und Klärchen die Welt entzücken konnte, ihre 
herrliche Sprache, die Reinheit ihrer Seele, den Blick ihrer 
durchgeistigten Augen — und vor allem ihr großes, edles 
Herz, das hatte sie sich bewahrt bis zum letzten Atemzuge. 
Nicht nur der unvergessenen Künstlerin — nein, mehr, viel 
mehr noch der edlen Frau galten die Thränen, die auf 
ihren Sarg fielen. — 
Marie Seebach war eine echte, wahre Künstlerin, und 
zu dieser gehört ein edles Herz. — Nun wohl, das hat 
sie besessen, das hat sie sich bewahrt, wenngleich es ihr zu 
allem Erfolg und Ruhm auch viel Leid und Kummer ge 
bracht. Die Liebe zu den Ihren führte sie einst auf die 
Bühne, auf der ihr Vater sie so wenig gern sehen wollte, und 
die Liebe zur Kunst ließ sie alle Schwierigkeiten, welche die 
Bühnenlaufbahn mit sich bringt, überwinden. Liebe zu den 
Nebenmenschen beseelte sie in hohem Maße, davon zeugen die 
vielen Briefe dankbarer Menschen, deren Thränen sie oft 
heimlich getrocknet, davon sprechen die freiwilligen Benefiz. 
Vorstellungen, die sie zum Besten von Waisenhäusern, Blinden 
instituten u. s. w. gab. 
Und als ihre aus warmer Neigung geschloffene Ehe 
getrennt werden mußte, da klammerte sich ihr aus Wunden 
bitterster Enttäuschung blutendes Herz an ihren Sohn, bis 
auch er ihr entrissen wurde, und sie nun den armen Kollegen 
ihre Liebe zuwandte, für die sie das Marie Seebachstift 
in Weimar gründete, dem bis zum letzten Atemzuge ihr 
Sorgen und Schaffen galt, und in dem sie sich das schönste 
Denkmal gesetzt hat. 
Die letzten zehn Jahre ihres Lebens brachte sie wieder 
in Berlin zu, nachdem sie wohl auf allen bedeutenden Bühnen 
gespielt hatte, und als sie in St. Moritz, ihrem geliebten 
alljährlichen Sommeraufenthalt, entschlafen, geleitete ihre treue 
jüngere Schwester die Leiche der Verklärten nach Berlin, da 
mit sie an der Seite des teuren Sohnes die letzte Ruhe finde. 
Ueberaus zahlreich war die Beteiligung bei der Bei 
setzung. Unter den herrlichen Kränzen, die ihren Hügel be 
decken, befinden sich auch solche von dem deutschen Kaiser- 
paare, der Königin und den Prinzessinnen von Hannover, 
dem Herzog von Cumberland, dem Herzog von Sachsen-Koburg 
Gotha, der Herzogin Alexandrine von Koburg (mit der Marie 
Seebach, ebenso wie mit der Königin von Hannover treue 
Freundschaft verband), der Prinzeß Moritz von Sachsen-Alten- 
burg, dem Großherzog Carl Alexander von Sachsen- 
Weimar u. s. w. Die Beileidsbezeugungen, die von den 
Höchsten der Erde der vereinsamten, tiefgebeugten Schwester 
gesandt wurden, sie gelten nicht nur dem Andenken an die 
unvergessene Künstlerin, die in der Geschichte der deutschen 
Kunst unsterblich geworden, sie gelten auch dem edlen Frauen 
herzen, das Liebe geerntet, da es nur Liebe gesäet. W. 
Kleine Mitteilungen 
Eine Biographie Kaiser Wilhelms I. auf wiffenschaftlicher 
Grundlage. Die bairische historische Kommission, welche das große 
Sammelwerk, die „Allgemeine deutsche Biographie" herausgiebt, 
hat nach dem Tode Heinrich von Sybels den Artikel über Kaiser 
Wilhelm I. dem Leipziger Historiker Erich Marcks übertragen. Ob 
gleich dem letzteren nicht viel mehr als ein Jahr zur Erfüllung dieser 
Aufgabe zur Verfügung stand, hat er die erste Biographie Wilhelms I 
geliefert, die durchweg auf wissenschaftlicher Grundlage beruht und nicht 
den Charakter einer Festschrift trägt. Die Darstellung fußt auf dem ge 
samten gedruckten Materiale, namentlich auf Sybels Gcschichtswerk; sie 
ist eine durchaus selbständige Bearbeitung des Quellenstoffs. Erich 
Marcks hält sich von jeder Tendenz fern; er erklärt es aber für eine 
„falsche und unhistorische Pietät", nicht auch die „Reversseiten glänzender 
Zeiten" der Mit- und Nachwelt zu zeigen. Im Lichte der kritischen 
Forschung gewinnt die ehrwürdige Gestalt Wilhelms I., dessen hohen 
Herrscherlugenden, dessen edlen Charaktereigenschaften, dessen eminenter 
Begabung auf militärischem Gebiete der Verfasser überall in vollstem 
Maße gerecht wird. 
In der zweiten Hälfte der Biographie nimmt naturgemäß die Dar 
stellung der Beziehungen König Wilhelms zu Bismarck einen breiten 
Raum ein. Eine gerechte Abwägung des Anteils, der dem ersteren an der 
Gestaltung der deutschen Verhältnisse gebührt, hat bisher kein Historiker 
geliefert. Im Frühjahr 1858 wies der Prinz-Regent nach einer Ueber 
lieferung den Gedanken, Bismarck die Geschäfte zu übertragen, mit dm 
scharfen Worten zurück: „Das fehlt jetzt gerade noch, daß ein Mann 
das Ministerium übernimmt, der alles auf den Kopf stellen wird." 1859 
erklärte Fürst Hohenzollcrn, so weit sei man denn doch noch nicht, „den 
Bock zum Gärtner einzusetzen". Der Entschluß, Bismarck zu berufen, 
wurde König Wilhelm auch 1862 noch sehr schwer. „Seine eigne, vornehme, 
gerade Art," sagt Marcks S. 194, „allem Dämonischen so ganz fremd, 
männlich aber milde, von jener Reinheit, die sich niemals beflecken kann, 
aber eben deshalb auch nicht dazu fähig ist, im harten Zusammenstoße 
des Weltlichen, im Gemenge der Politik das Große selber zu thun, das 
nun einmal nicht ausgeführt werden kann, ohne den Griff auch in den 
Ruß und in den Schmutz hinein, ohne die Freiheit einer sich selbst daran 
setzenden, verwegenen Entschließung — diese sittlich empfindliche Natur, 
die überdies die eigene, monarchische Würde sehr bestimmt empfand: sic 
wurde von Bismarcks dämonischer Kraft zurückgestoßen; ste mußte sich 
selber erst überwinden, ehe ste sich ihm anheimgab." — Den Anteil 
König Wilhelms an dem Werke der deutschen Einigung, sein Verhältnis zu 
seinen Paladinen charakterisiert Marcks an anderer Stelle: „Er hat es 
verstanden, die Großen zu finden und sie zu halten — das ist die 
populäre Ansicht. Diese Ansicht ist richtig, aber ste ist unvollständig. 
Wahrlich, schon das Verdienst, das sie dem Herrscher zuweist, ist über 
groß und jeder Ehrfurcht wert. Aber Wilhelm I. hat weit mehr gethan. 
Er hat nicht nur die natürliche Eifersucht — soweit er sie etwa besessen 
hätte — nicht nur die negativen, sondern gerade die positiven Kräfte 
seines eigensten Innenlebens überwinden müssen, um Bismarcks Thaten 
zu ertragen, und er hat sie überwunden. Darin liegt sein innerliches 
Heldentum. Mochte er das eigentlich Entscheidende schon im Herbst 1862 
gethan haben, als er Bismarcks Hand endlich ergriff — der Gegensatz 
der Charaktere war doch immer wieder hervorgebrochen, und immer glaubt 
man die stille Abneigung zu spüren, die der König der Art seines 
riesenhaften Mitarbeiters entgegengesetzt." Schwer ist dem Könige der 
Krieg 1866 geworden, schwer die Selbstbeschränkung, die er sich bei dem 
Friedensschluß von Nikolsburg auferlegen mußte. „Der Sieg von 
Nikolsburg war nicht der einzige, den er damals über sich selber 
davontrug." 
Besonders lichtvoll ist die Darstellung, welche Marcks von den 
Vorgängen in Versailles, von den Geburtswehen des deutschen Kaiser 
tums und von den Reibungen zwischen Bismarck, Moltke und Roon 
entwirft. Der Verfasser wird dabei in vollstem Maße den positiven 
Leistungen König Wilhelms gerecht. „In heftigen Reibungen arbeiten 
diese starken Kräfte, in deren ureigner Gewalt und voller Thätigkeit die 
Möglichkeit des Erfolges begründet war, jede von ihnen auf das äußerste 
angespannt, voll leidenschaftlichen Dranges zur That, zur Selbstent 
faltung; sie sind zu mächtig, um nicht hart aneinander zu stoßen . . . 
Aber freilich, über ihnen mußte ein Herrscher stehen, der dafür sorgte, 
daß dem streitenden Wetteifer nicht die Unordnung entspringe, daß in 
dem unvermeidlichen Ineinandergreifen und Uebcrgreifen der einzelnen
        
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