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Periodical volume 13. November 1897, No. 46

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Elbe in der Priegnitz und Uckermark, über die Oder hin 
aus und bis nach Mecklenburg und Vorpommern an den Ostsee 
strand bezeugt einen Kolonisationszug des aitmärktschen Adels 
in das Slaventum hinein und bis hoch nach Preußen hinauf, 
einen Kolonisationszug, welcher auch durch die Wiederkehr 
altmärkischer Wappenbilder in jenen Landen auf das bestimmteste 
bewiesen wird. 
Die Genealogie enthält manchen langweiligen Stoff, besitzt 
aber doch hochinteressante Seiten. Hier blüht eine Familie 
in einer ganzen Reihe von Linien und jede derselben in einer 
größeren Zahl von Personen. In der nächsten Generation, 
wie man es zumal wenige Jahrzehnte nach dem 30 jährigen 
und siebenjährigen Kriege und nach den Befreiungskriegen, 
wo die Söhne des deutschen Adels im kräftigsten Jünglings- 
uud Mannesalter ihr Leben verbluteten, finden kann, stirbt 
sie ab. Der Stammbaum eines 
anderen Geschlechts dagegen pflanzt 
sich mühsam durch zwei Jahrhunderte 
hindurch in einem einzigen Aste fort. 
Auf einmal schlägt derselbe in eine 
große Zahl von Zweigen aus, deren 
jeder mit 8 oder 10 oder 12 Sproffen 
besetzt ist. 
Die Söhne und Töchter aus 
den vornehmsten Fürsten- und 
Grafengeschlechtern sinken hin und 
wieder zu Abenteurern und Spiel 
leuten oder Coupletsängerinnen 
herab, dagegen hinterläßt ein armer 
Mann des Bürgerstandes einen 
adeligen Sohn, einen freiherrlichen 
Enkel und gräfliche Urenkel, welche 
mit den vornehmsten, auch fürstlichen 
Geschlechtern des Landes sich ver- 
fippen, wie dies bei zwei hochange 
sehenen Grafenfamilien der Provinz 
Sachsen der Fall ist. 
Aber eine viel bedeutungs 
vollere Seite der Genealogie ist dies: 
die nähere Beschäftigung mit der Ge 
schichte auch nur eines einzigen älteren 
Geschlechtes vom norddeutschen Adel 
macht mit der Sitten- und Kulturgeschichte der Zeiten vertraut, 
sie führt uns in die blutigen Fehden der Städte und der 
Klöster mit dem benachbarten geharnischten Ritter, in die ein 
fachen Verhältnisse deutscher Edelleute — zu dem reichgefalteten, 
steifkragigen Mantel der Resormationszeit, in verwüstete Dörfer 
und ausgebrannte Schlösser — zu dem Federhut und Lederkollet 
des großen Krieges, an deutsche und außerdeutsche Fürstenhöfe 
zur Allongen-Perrücke und steifen Grandezza des Grand-Muske- 
tair, zum schlichten Soldatenrock und Haarbeutel des großen 
Königs und auf die blutigen Schlachtfelder von Leipzig und 
Waterloo. Dazu kommt, daß auch in der untergeordnetsten 
Sippe des deutschen Adels zum mindesten zwei oder drei 
Männer auf dem Felde friedlicher Verwaltung oder auf dem 
Gebiete militärisch-kriegerischer Führung sich ausgezeichnet haben. 
Ein näheres Eingehen in ihre persönlichen Lebensverhältnisse 
läßt zuweilen einen ahnungsvollen Blick thun in die Beweg 
gründe zu welterschütternden Ereigniffen. 
Was die Ahnentafeln anbetrifft, so ergeben sich aus den 
selben zuweilen sehr überraschende Resultate. Zum Beispiel 
ist Philipp Melanchtbon durch eine seiner Enkelinnen der Ahn 
herr fast sämtlicher pommerscher Geschlechter. Franz v. Sickingen 
findet sich auf den Ahnentafeln der Ledebur, Alvensleben, 
Stechow rc. Unter den Ahnen der Grafen v. d. Schulenburg 
auf Burgscheidungen figuriert Philipp der Großmütige von 
Hessen, Kaiser Barbarossa, König Heinrich, der seiner Gemahlin 
Agnes Schloß Schiedungen als Witwenfitz zuwies, Karl der 
Große und Klothar von Franken, welcher mit der Zerstörung 
des Königsschlosses Scidingi an der Unstrut dem alten 
Thüringischen Reiche, welches sich im Süden bis zur Donau 
erstreckte, ein Ende setzte. Von Eleonore d'Emiers, der Ge 
mahlin des Herzogs Wilhelm von Celle, stammen sämtliche 
Fürsten Deutschlands ab. Unter den Ahnen des Mannes, 
welcher dem deutschen Reiche seinen 
Rock zugeschnitten hat, findet sich 
der berühmte Schneidermeister Derff- 
linger. Die Vorfahren des Fürsten 
waren ganz ausgezeichnete Männer. 
Das jüngst erschienene Buch „Schön 
hausen und die Familie von Bis 
marck" führt uns seine Vorväter als 
lauter kernige Gestalten vor die 
Augen. Aber der Gedanke liegt 
nahe, daß sein staalsmännisches 
Talent und seine diplomatische Kunst 
als ein Erbteil seines mütterlichen 
Großvaters, nämlich von Aanastasius 
Mencken, auf ihn übergegangen ist. 
Nach altgenealogischem Grund 
satz erlischt die Ahnenreihe dann. 
wenn in die Reihe der Vorfahren 
eine Dame unbekannter Herkunft oder 
bürgerlicher Geburt eintritt. Aus 
diesem Grunde läßt sich die Ahnen 
tafel Kaiser Wilhelms I. nicht über 
die Eltern der bereits genannten Ele 
onore d'Emiers hinausführen, deren 
Vater als Alexander d'Olbreuse, 
deren Mutter als Jaquette de Vigean 
bekannt ist. Kaiser Friedrich III. 
hatte eine bedeutend geringere Ahnenzahl, weil unter den 
Vorfahren seiner Mutter die Kaiserin Katharina II., die Tochter 
eines lettischen Leibeigenen, anzutreffen ist. Unser jetziger 
Kaiser darf der doppelten Ahuenzahl sich rühmen, weil zu 
den Ahnen seines Vaters diejenigen seiner Mutter hinzutreten. 
Nach der von den Lebensversicherungen geübten Praxis, 
nach welcher die Beitragshöhe des Aufzunehmenden sich nach 
dem Durchschnittsalter seiner Vorfahren richtet, müßte den 
Ahnentafeln ein hoher biologischer Wert zuerkannt werden. 
Dies trifft jedoch in einzelnen markanten Fällen nicht zu. 
Die vorstehenden Ausführungen mögen zum Beweise 
dienen, wie eine Beschäftigung mit den einschlagenden Fragen 
der Wappen» und Geschlechterkunde nicht nur eine Sache der 
Spezialliebhaberei ist, sondern vielmehr zu einer Angelegenheit 
von allgemeinstem Jntereffe sich gestalten kann. 
Wie Tölnengruppe bor dem Lrriminulgcrichr 
in Moabit. 
Aus: Herrmann Müller-Bohu, „Die Denkmäler Berlins". 
(Dt Auerbach Verlag, Steglitz-Berlin.)
        
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