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Periodical volume 13. November 1897, No. 46

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Mensch allgemein beliebt, und sein Tod im Jahre 1812 
erregte nicht geringe Trauer. 
Von den deutschen Kapellmeistern find Johann Friedrich 
Reichardt und Heinrich Himmel hervorzuheben. 
Reichardt, bedeutend nicht nur durch musikalische, sondern 
auch durch allgemeine Bildung, war schon 1770 in die Dienste 
Friedrichs des Großen getreten und von defien Nachfolger 
in seiner Stellung bestätigt worden. Er entfaltete eine außer- 
ordentliche Thätigkeit, indem er nicht nur viele Opern, Oratorien 
und Lieder komponiere und theoretische Werke schrieb, sondern auch 
das sogenannte „Concert spirituel“ schuf, in welchem von 
den vereinigten Kapellen der Oper und des Königs Instrumental- 
werke aufgeführt wurden. Auch gründete er 1791 die erste 
mufikalische Zeitschrift unter dem Titel „Musikalisches Wochen 
blatt" in Berlin, in der er seine eigenen Werke ebenso sehr 
herauszustreichen wie die seiner Kollegen und anderer Kom 
ponisten herabzusetzen pflegte. So führten seine beständigen 
Angriffe gegen Alleffandri dessen Sturz herbei. Himmel be 
handelte er wie einen Schulknaben. Selbst Mozart meisterte 
er aufs heftigste und schrieb einst wörtlich über ihn: „Das 
Gemozarte hat jetzt schier kein Ende. Man sehe nur in Con 
certs, wie sich die Köpfchen der Damen wiegen, gleich Mohn 
köpfen auf leichtem Stengel, wenn das unsinnige Ding gesungen 
wird: „Mann und Weib und Weib und Mann" — netto 
vier — „reichen an die Gottheit an."" Kein Wunder war 
es daher, wenn das Blatt schon nach zwei Jahren einging. 
In den Zeiten der französischen Revolution machte sich 
Reichardt durch seine unverhehlten republikanischen Gesinnungen 
in Berlin unmöglich. Er mußte Preußen verlassen und 
schmollte in Hamburg und Stockholm, bis ihn. nach dem 
Tode Friedrich Wilhelms, sein Nachfolger wieder in Gnaden 
aufnahm. 
Friedrich Heinrich Himmel, 1765 zu Treuenbriezen ge 
boren, war recht eigentlich von Friedrich Wilhelm II. entdeckt 
worden, der den jungen Kandidaten der Gottesgelahrtheit einst 
auf einer Reise in einem Gasthause Klavier spielen hörte und 
dabei seine hohe Begabung erkannte. Er gewährte ihm die 
Mittel zu seiner höheren musikalischen Ausbildung in Dresden 
unter Naumann und in Italien. 1795 wurde Himmel an 
Reichardts Stelle königlicher Kapellmeister und zeigte sich auch 
als Komponist von zwar nicht tiefer, aber anmutiger Begabung 
sehr thätig. Sein Liederspiel „Fanchon" wurde nicht weniger 
als hundertfiebenundzwanzigmal in Berlin aufgeführt, und 
seine Lieder, von denen „An Alexis" und „Es kann ja nicht 
immer so bleiben" heute noch nicht vergessen sind. waren 
äußerst beliebt. Der geniale, hochmufikalische Prinz Louis 
Ferdinand schätzte Himmel sehr und eignete ihm eines seiner 
bedeutendsten Werke zu. 
Nach Reichardts Rückkehr 1798 entbrannte die Fehde 
zwischen den beiden Meistern aufs neue. worüber Louis 
Schneider in seiner „Geschichte der Berliner Oper" Ergötzliches 
berichtet. Jeder der beiden hatte für denselben Karneval eine 
neue Oper komponiert, Himmel „Vasco di Gama", und Rei 
chardt „Rosmonda". Jeder hoffte den andern zu besiegen. 
Fast hätte sich in Berlin der Kampf der Gluckcisten und 
Piccimisten erneuert, der unlängst ganz Paris in Aufregung 
versetzt hatte. Dcs Publikum nahm lebhaft Partei, ebenso Kapelle 
und Sänger für oder gegen die eine oder andere Seile, und 
der Intendant. Baron von der Reck, hatte Mühe und Not, 
um offenen Streit zu verhindern. Nach den Aufführungen 
tobte der Kampf in den Zeitungen weiter, bis der witzige 
Einfall eines Rezensenten ihn durch Lächerlichkeit tot machte. 
Himmel hatte nämlich in seiner Oper eine Janitscharenmufik 
auf die Bühne gebracht Reichardt, um ihn zu überbieten, 
einen von Reitern geblasenen Marsch. Nun hieß es, Himmel 
habe für die Infanterie, Reichardt für die Kavallerie geschrieben. 
Die beiden Rivalen starben in demselben Jahre, 1814. 
Wie sein großer Oheim wohnte auch Friedrich Wilhelm 
zuweilen den Opernproben bei, doch nicht, um, wie jener, dieselben 
zu leiten, sondern um im Orchester als Violoncellist mitzuspielen, 
was ihm das größte Vergnügen machte, und wobei er sich 
Allissandris unverschämtes „Bravo!" gefallen ließ. 
Hervorragende Künstler hielt und belohnte der kunstsinnige 
Monarch hoch, wußte aber auch ebenso gerecht wie geistreich 
zu strafen, wenn Ursache dazu gegeben wurde. So bezog 
Concialini, einer der ersten Sänger der italienischen Oper, 
ein sehr beträchtliches Gehalt, das er durch das Vorgeben, 
er gebe jährlich sechshundert Thaler für Unterstützung seiner 
armen Verwandten in Italien aus, noch zu erhöhen verstand. 
Als nun sein Landsmann Filistri, der Hofpoet für die italienische 
Oper, mit dem er nicht auf dem besten Fuße stand, auf ein 
Jahr nach Italien ging, suchte er dort die armen Verwandten 
des Sängers auf. Wie er es kaum anders erwartet, erfuhr 
er von diesen, daß sie nicht nur nicht die geringste Unter- 
stützung erhielten, sondern daß ihre Bitten um eine solche mit 
den härtesten Ausdrücken abgeschlagen worden waren. Der durch 
Filistri aufgeklärte König richtete nunmehr das folgende 
Schreiben an Concialini: 
„Da Ihr, nach Euren Aussagen, Euren armen Ver- 
wandten in Summa jährlich sechshundert Thaler Unterstützung 
gebt, so will ich Euch als einen Beweis meines Wohlgefallens 
künftig die Kosten und Weitläufigkeiten der Uebersendung 
ersparen und habe befohlen, daß von jetzt an diese sechs 
hundert Thaler von Eurem Gehalt abgezogen und direkt durch 
meinen Gesandten ausgezahlt werden sollen." 
Der weit verbreitete Ruf von des Königs Kunstliebe und 
Kunstverständnis zog die ausgezeichnetsten Künstler aller Länder 
mächtig an. So erschien 1788 Mozart in Berlin. Da dessen 
Aufenthalt daselbst bereits früher im „Bär" in einem besondern 
Artikel „Mozart in Berlin" eingehend geschildert worden ist, so 
beschränken wir uns, hier nur festzustellen, daß Mozart mit 
größter Huld vom König aufgenommen wurde, aber dessen 
Anerbieten, ihn mit sehr hohem Gehalt an die Spitze seiner 
Kapelle zu stellen, aus Anhänglichkeit an den Kaiser Joseph 
ablehnte. 
Ein Jahr später, 1789, kam Dittersdorf auf Einladung 
des Königs nach Berlin, wo mehrere seiner Opern, nament 
lich auch „Der Doktor und der Apotheker", sowie sein Oratorium 
„Hiob" durch zweihundertfüufzig Mitwirkende im Opernhause 
aufgeführt wurden, wodurch er einen Reinertrag von 4750 Gulden 
erzielte. Uebrigens war dies der erste Fall. wo die Plätze 
verkauft wurden, welche bisher, nach fridericianischem Her 
kommen, unentgeltlich verteilt worden waren. Auch noch vom 
König reich beschenkt, verließ Dittersdorf sehr befriedigt die 
preußische Residenz. 
Eine besonders merkwürdige Episode im Berliner Musik 
leben unter Friedrich Wilhelm II. bildete der wenig bekannte
        
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