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Periodical volume 30. Januar 1897, No. 5

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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„den Vater eines jungen Mannes kennen zu lernen, der sich 
meine volle Sympathie erworben hat." 
„Ich muß die Herren Bitten, einstweilen hier vorlieb zu 
nehmen, bis die Damen sichtbar find." 
Damit öffnete der Baron weit die Thür des uns schon 
bekannten Wohnzimmers. 
„Nur keine Umstände, alter Freund!" rief Oppen. „Gerade 
in diesem Zimmer habe ich die gemütlichsten Stunden bei Dir 
verlebt." 
„Es würde mir äußerst schmerzlich sein, Herr Baron." 
setzte Finkenstein hinzu, „wenn wir die geringste Störung in 
Ihrer Hausordnung verursachen sollten. Das Glück, die Damen 
begrüßen zu dürfen, wird uns schon noch werden." 
„Ich werde sie sofon benachrichtigen laffen. Johann!" 
rief er zur Thür hinaus. „Johann! Wo der Schlingel nur 
wieder steckt? Er ist sonst ziemlich dienstwillig, allein, wenn 
man sie nötig hat, ist diese Art immer nicht zu haben. Das 
werden Sie in Berlin anders gewohnt sein." 
„Nun, die Zuverlässigkeit unserer Dienstboten könnte ich 
nicht gerade besonders hervorheben. Da find Sie hier auf 
dem Lande gewiß doch bester dran. In den vornehmen 
Häusern lungern ja immer eine ganze Anzahl herum. Allein 
sie thun auch nichts weiter, als daß sie sich untereinander 
und ihre Herrschaft verklatschen." 
Ja, wo war Johann oder Jean, wie er sich lieber 
nennen hörte? 
Der war schleunigst nach dem Stall gesprungen, wo der 
Reitknecht mit Hilfe eines Knechtes die Pferde untergebracht 
halte. Als er die Thür öffnete, rief ihm der Reitknecht 
grinsend entgegen: 
„Na, Hanne! wat machst Du denn hier? Du hast Dir 
ja höllisch 'rausgemustert!" 
Jean begnügte sich damit, ihm einen bezeichnenden Blick 
zuzuwerfen und die Finger auf den Mund zu legen. 
„Nanu? Wat is mich denn det? Du bist hier man 
bloß so incognito?" 
„Gottlieb!" rief Jean, „Will Er denn den Pferden nicht 
erst ein bißchen Heu holen?" 
„Gleich, Mosjö Jean!" erwiderte der Knecht, der in 
zwischen den Pferden die Zäume abgenommen und Halftern 
angelegt hatte. Dann sprang er die Leiter hinauf nach dem 
Boden. 
Jean trat schnell auf den Reitknecht zu und flüsterte ihm 
zu: „Dummkopf! Du darfst mich hier nicht kennen! Ich machte 
Dir doch ein Zeichen!" 
„Ach mal! Zeichen hin, Zeichen her! Ick wundere mir 
bloß, det Du wieder oben auf bist." 
„So schweig doch! Du sollst ja alles erfahren, wenn 
wir allein find. Jetzt darfst Du mich unter keinen Umständen 
kennen!" 
„Na. det is jut! Haste denn Deine Frau ooch mit hier?" 
„Stille doch!" flüsterte Jean mit grimmigem Gesicht, 
denn der Knecht stieg eben mit einem Arm voll Heu wieder 
herab. Laut setzte er hinzu: „Also Mosjö, wie heißt Er doch?" 
„Louis Bolle!" 
„Also, Mosjö Louis, wenn Er Seine Pferde besorgt hat. 
so lasse Er Sich von Gottlieb die Gefindestube zeigen! Da 
werden wir nähere Bekanntschaft mit einander machen." 
Dabei nickte er herablassend und lief, so rasch er konnte, 
nach dem Schlöffe. ' 
„Na. so wat! Da werde der Deuwel aus klug!" murmelte 
Louis Bolle vor sich hin. Dann begann er, mit dem Knechte 
die Sättel abzunehmen und die warm gewordenen Reitpferde 
mit Strohwischen abzureiben, bevor er ihnen die Decken auf 
legte. 
Als Jean ins Schloß getreten war. beeilte er sich, die 
Zimmerthür leise zu öffnen und mit niedergeschlagenen Augen 
zu lispeln: „Haben der gnädige Herr vielleicht nach mir 
verlangt?" 
„Natürlich! Wo warst Du denn so lange?" 
„Ich trug Sorge, daß die Reitpferde der Herren gut 
untergebracht würden." 
,.Na ja, mußte ja auch sein! Aber jetzt benachrichtige 
'mal meine Frau, daß angenehmer Besuch eingetroffen ist. 
Ich ließe sie bitten, uns bald die Ehre zu geben." 
Die Herren hatten sich's inzwischen bequem gemacht, die 
Galanteriedegen, ohne die damals kein Mann von Stand 
ausging, abgelegt und die dreieckigen Hüte aufgehängt. 
Der Herr von Oppen war ein Landedelmann, der in 
der Nachbarschaft einige Güter besaß. Er war nur wenige 
Jahre jünger als der Hausherr, von kurzer, untersetzter Gestalt, 
mit offenem, ein wenig gerötetem Gesicht, dazu etwas zwanglos 
in seinem Benehmen. Von seiner Scholle war er nie weit fortge 
kommen, hatte es sich aber angelegen sein lassen, in treuer 
Pflichterfüllung das Wohl seiner Leute und sein eigenes zu 
fördern. Der ächte Typus eines märkischen Edelmanns. 
Die Bezeichnung „märkischer Junker" hat in neuerer Zeit 
für manche einen etwas unangenehmen Beigeschmack erhalten. 
Mit Unrecht. Mag auch der märkische Edelmann zu größerem 
geschichtlichen Glanze — mit wenigen Ausnahmen — nicht 
gerade bestimmt erscheinen, so glänzt er doch durch seine 
Königstreue bis in den Tod; seine Söhne haben auf allen 
Schlachtfeldern geblutet oder in den Kanzleien, meist gegen 
geringen Lohn, ihr Leben verzehrt. Von prunkloser, ächter 
Frömmigkeit, hängt er treu an dem heimischen Boden, dem 
er trotz des größten Fleißes oft nur kärgliche Beträge 
abgewinnt. 
Vor seinem Freunde von Krummensee hatte Herr von 
Oppen den größten Respekt; er schenkte ihm bei seinen aus 
gebreiteten Kenntutffen und seiner großen Wellerfahrung un 
bedingtes Vertrauen. 
Herr von Finkenstein war ein Mann von ungefähr dreißig 
Jahren und seit längerer Zeit in Berlin im Finanzmiiusterium 
angestellt. Als jüngerer Sohn eines in Ostpreußen angesessenen 
Geschlechts hatte er den Staatsdienst erwählen müssen. Hoch und 
schlank gewachsen, war er eine durchaus vornehme Erscheinung. 
Die Damen des Hauses hatten längst, bevor Jean kam. 
Kunde von dem Eintreffen des Besuchs erhalten und ihre 
Toiletten danach eingerichtet. Während Frau Sophie ihr 
einfaches Hauskleid nur mit einem besseren vertauschte, wendete 
Frau Melanie alles Raffinement der damaligen Zeit an. um 
möglichst geschmackvoll zu erscheinen. Dem Gesicht wurde 
mit dem weißen Poudre de Biz und dem feurigen Karmin 
rot ein möglichst jugendliches Aussehen gegeben. Ein paar 
feine schwarze Striche unter den Augenlidern sollten den Augen 
mehr Glanz verschaffen, dem kühnen Schwung der Augen 
brauen wurde mit Tusche nachgeholfen, und das Ohrläppchen,
        
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