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Periodical volume 30. Januar 1897, No. 5

Full text: Der Bär Issue 23.1897

zurückkam, wurde gegen seinen Willen nach Potsdam zu den 
Oberen des Rosenkreuzerordens, dem er selbst angehörte, 
gebracht und mußte hier ein strenges Strafgericht über sich 
ergehen lassen. Zum Schluß schwor er, den intimen Umgang 
mit der Mamselle Enke aufzugeben. Halle sich aber vorher 
ausbedungen, daß sie seine Freundin bleiben dürfe. Die Enke 
wußte übrigens auch hierfür Rat. Sie schlug eine Scheintrauung 
mit dem Kammerdiener Rietz vor, nachdem sie und der Kron 
prinz sich zuvor mit ihrem beiderseitigen Blute schriftlich gelobt 
hatten, sich niemals zu verlassen. Die Trauung wurde in 
Szene gesetzl, der Umgang mil der Mamselle Enke wurde 
aufgegeben, aber der mil der Madame Rietz fortgesetzt. Später 
wurde Madame Rietz sogar zu einer Gräfin von Lichtenau 
erhoben, und ein Sohn und eine Tochter von ihr erhielten 
.den Tllel eines Grafen und einer Gräfin von der Mark. Die 
gestrengen Ordensbrüder mußten sich darein finden. Bischofs 
werder durfte, da er selbst Maitressen unterhielt, nicht zu 
scharf aus die Befolgung der Ordensregel bei andern dringen. 
Der Kronprinz war in erster Ehe mil Elisabeth Christine 
Ulrike, Prinzessin von Braunschweig, vermählt gewesen. In 
folge seines Verhältnisses zur Rietz vernachlässigte er seine 
Gemahlin aber gänzlich, wofür sich diese auf ihre Weise schad- 
los hielt. Da sie ihrem Gemahl nur eine Tochter geboren 
halte und sich beharrlich weigerte, mit dem Kronprinzen weiter 
zusammenzuleben. König Friedrich II. aber Bedacht auf die 
Thronfolge glaubte nehmen zu müssen, so wurde diese Ehe 
auf Befehl des Königs getrennt, und dem Kronprinzen wurde 
vier Jahre später eine zweite Gemahlin in der Person der 
Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt gegeben. Als trotzdem, 
auch als Friedrich Wilhelm König geworden, das Ver 
hältnis mit der Madame Rietz dasselbe blieb, suchte man den 
König den Netzen dieser Dame zu entziehen, indem man ihm 
eine Verheiratung mil einem Fräulein von Voß vorschlug. 
Diese aber war nur unter der Bedingung dazu zu bewegen, 
daß die Königin sich einverstanden erklärte und auch die Kirche 
ihren Segen zu dem Bündnis erteilte. Die Königin, längst 
an die Untreue ihres Gemahls gewöhnt, war leicht durch das 
Versprechen, daß ihr Nadelgeld erhöht und ihre Schulden 
bezahlt werden sollten, gewonnen. Es kam ihr hauptsächlich 
daraus an. den König aus den Banden der Rietz zu befreien. 
Das Königliche Konsistorium erklärte unter Berufung ruf 
Luiher und Melanchlhon eine Ehe zur linken Hand für zu 
lässig, und so wurde Fräulein von Voß untcr Ernennung 
zur Gräfin Jugenheim die zweite Gemahlin des Königs neben 
und unter der Königin. Ihr Bruder wurde Staatsminister, 
und ihre Verwandten erhielten angesehene Hof- und Staais- 
ämter. 
Die Rietz aber wartete. Sie wußte, der König werde 
doch zu ihr zurückkehren. Die Gräfin Jngenheim starb bald 
nach der ersten Entbindung an der Schwindsucht, und die 
Hofkreise waren darauf bedacht, ihr eine Nachfolgerin zu geben. 
Die Aufmerksamkeit des Königs wurde auf eine junge, aus 
gezeichnet schöne Dame, die Gräfin Dönhoff, gelenkt. Die 
Königin willigte abermals ein. und die Hofprediger segneten 
auch diese zweite Ehe zur linken Hand ein. 
Die Gräfin Dönhoff besaß die Gunst des Königs nur 
einige Jahre. Sie maßte sich Hoheitsrechte an und mischte 
sich in die Politik. Hierdurch wurde sie dem Könige unan 
genehm, und er kehrt- zu seiner alten Jugendfteundin zurück. 
Der Kammerdiener Rietz war inzwischen zum Schatzmeister 
ernannt worden. 
So waren die Zustände damals am preußischen Hofe. 
Sie erscheinen uns widerwärtig und beleidigen unser 
sittliches Empfinden. Man darf aber nicht außer Acht lassen, 
daß sie nach den Anschauungen der damaligen Zeit nicht so 
unberechtigt waren. Man hatte sich daran gewöhnt, daß den 
Regierenden gestattet sei. was gewöhnliche Menschenkinder sich 
nicht erlauben durften. War es doch auch an anderen, selbst 
kleineren Höfen noch ungleich schlimmer. In Preußen wurde 
wenigstens kein Zwang ausgeübt, und in der inneren Ver 
waltung machte sich die straffe Zucht des frideiicianischen 
Regiments immer noch bemerkbar. 
* * 
* 
Als Jean an der Freitreppe des Schlosses, wie das 
Herrenhaus trotz seiner Einfachheit von den Dorfbewohnern 
genannt wurde, ankam, stiegen eben drei Neuer von den 
Pferden. Zwei von ihnen trugen herrschaftliche Kleidung, und 
sie warfen dem dritten, einem Reitknechte, die Zügel ihrer 
Pferde zu. Der eine der beiden Herren war ein Herr von 
Oppen, ein benachbarter Gutsbesitzer, und der andere ein 
fremder Kavalier. Zu seinem Schrecken hatte Jean den Reit- 
knecht erkannt, der ihn vertraulich angelächelt hatte. Er machte 
ihm schnell heimliche Zeichen, die dieser jedoch nicht zu 
verstehen schien. Mil tiefen Verbeugungen empfing er dann 
die beiden Herren und führte sie die Freitreppe hinauf ins 
Schloß. 
Sie betraten zuerst eine weite, mit glatten Steinfliesen 
belegte Halle, die von den zwei Fenstern neben der Thür 
kaum genügend erhellt wurde. 
An den mit nachgedunkeltem Eichenholz getäfelten Wänden 
waren Hirschgeweihe und Rehbockshörner befestigt, große 
massive Schränke, mit blankem Messing beschlagen, standen 
zwischen den Thüren, und der Eingangsthür gegenüber ließ 
eine vom Boden bis zur Decke reichende Wanduhr im dunklen 
Gehäuse ihr langsames, einförmiges Ticktack ertönen. Ueber 
einem schweren, altväterischen Eichentisch in der Mitte des 
großen Raumes hingen die Erntekränze der letzten Jahre. 
Denn hier wurden die Erntefeste gefeiert und zu Weih 
nachten der Christbaum für das Gesinde aufgebaut. Im 
Sommer war es hübsch kühl daselbst, und die Familie ver 
weilte an heißen Tagen oft und gern in dem einfachen, alt 
modischen Raum. 
Als die Gäste eingetreten waren, kam ihnen der Hausherr 
schon auf der Schwelle der Wohnstube entgegen. Indem er 
sich noch den Schlaf aus den Augen rieb — das Pferde 
getrappel hatte ihn aus der Mittagsruhe geweckt — rief er er 
freut: „Ah. mein lieber Oppen! Tausendmal willkommen! Schon 
lange habe ich Sehnsucht nach Dir gehabt. — Und wen bringst 
Du mir da?" 
„Ich erlaube mir, Dir Herrn von Finkenstein vorzustellen. 
Kommt direkt von Berlin und bringt Dir Grüße von Deinem 
Karl." 
„Ebenfalls herzlich willkommen, mein Herr! Doppelt 
willkommen, da Sie. wie ich hoffe, der Ueberbringer guter 
Nachrichten find." 
„Es gereicht mir zur hohen Ehre. Herr Baron." erwiderte 
Herr von Finkenstein mit einer formvollendeten Verbeugung
        
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