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Periodical volume 30. Oktober 1897, No. 44

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Der jüngste Hoheiizoller dankt und trinkt. Ein ganz vortreffliches > 
Bonmot Sr. Majestät Kaiser Wilhelms II. teilte kürzlich der „Berl. > 
Lok-Anz." aus dem Munde des verstorbenen Reisenden Ehlers, der in 
Bonn mit beni Kaiser im Corps zusammen war und auch später von 
diesem stets hoch geschätzt wurde, mit k„Jm Corpsleben", heißt es im „L. A.", 
„bestand und besteht bei feierlichen Kommersen auch jetzt noch die Sitte des 
Zutrinkens von Corps zu Corps. Dies gezchieht in der Weise, daß sich 
z B. der erste Chargierte des Corps „Palaiia" erhebt mit den stereotipen 
Worten: „Ich habe die hohe Ehre und das Vergnügen, auf das Wohl 
des Corps „Borussia" einen Ganzen zu trinken." Der erste Chargierte 
der „Borussia" erhebt sich sodann und erwidert: „Das Corps „Borussia" 
daukt und trinkt." Gelegentlich der Geburt eines Prinzen sandte nun 
Ehlers an den Kaiser ein Glückwunschtelegramm mit den Worten: „Ich 
habe die hohe Ehre und das Vergnügen, auf das Wohl des jüngsten 
Hohenzollern einen Ganzen zu trinken." Umgehend kam des Kaisers 
Antwort: „Der jüngste Hohenzollcr dankt und trinkt." 
Der sparsame Prinz und der üppige Ehlers. Zur Zeit, da 
Kaiser Wilpelm II. als Prinz Wilhelm mit dem kürzlich verstorbenen 
berühmten Reisenden Ehlers in Bonn zusammen studierte, ruderten 
beide öfter miteinander ein paar Stunden auf dem Rhein. Eires Tages 
war der kleine Kahn festgefahren; die Insassen mußten einen Fischer zu 
Hülfe rufen, der das Fahrzeug flott machen half und natürlich ein 
Trinkgeld erwartete. Prinz Wilhelm zog seine Börse und sagte, als er 
als kleinste Münze einen Thaler darin fand: „Ehlers, können Sie 
wechseln?" Ehlers zog seine Börse, gab dem Fischer einen Thaler und 
sagte: „Königliche Hoheit, geben wir nur einen Thaler! Der dritte 
Mann im deutschen Reich muß nobel auftreten." Der Prinz sah ihn 
scharf an, schwieg und ruderte am nächsten Tage nicht mit Ehlers, 
sondern mit dem Grafen P Der gute Graf P aber, 
glücklich über die ihm widerfahrene Ehre, wollte sich als vorzüglicher 
Ruderer zeigen und strengte seine Kräfte so gewaltig an, daß alsbald 
ein Ruder zerbrach. Die Situation wurde noch unangenehmer als tags 
zuvor. Am dritten Tage forberte der Prinz Ehlers wieder zum Rudern 
auf und schien dessen dreiste Bemerkung vergessen zu haben. AIs aber 
viele Jahre später der berühmte Afrikareisende dem deutschen Kaiser 
Wilhelm II. die Gesandten eines afrikanischen Volksstammes aus den 
deutschen Schutzgebieten zuführte, überreichte ihm der Kaiser für jeden 
der fremden Gäste ein Geschenk, darunter einen prachtvollen, sehr kost 
baren Brillantring für den Häuptling. „Majestät", meinte Ehlers, „die 
Leute sind ja mit jeder Kleinigkeit zufrieden. Ein Ring ist ein viel zu 
kostbares Geschenk." — Da hob der Kaiser lachend den Finger und sagte: 
„Na, na, Ehlers! Sie waren doch in Bonn immer so üvpig. 
Sind Sic jetzt sparsam geworden?" B. Lok. Anz. 
Ei» Berliner Scharfrichter als Arzt. Im Jahre 1529 beobachtete 
Meister Hans, der Scharfrichter von Berlin, drei Krüppel, die bettelnd 
an der Kirchthür saßen und durch ihre Gebrechen das allgemeine Mitleid 
in Anspruch nahmen. Aber Hans heilte sie im Nu mit einer Knoten 
peitsche. linier dem Jubel des herzuströuienden Volkes peitschte er sie, 
die plötzlich gehen gelernt hatten, vom Kloster zu Köln über die lange 
Brücke bis zum Georgenthor. Kurfürst Joachim I. wurde auf dieses 
Schauspiel aufmerksam, er lachte, ließ Meister Hans kommen und sagte 
zu ihm: „Bist Du ein solcher Mann, daß Du Lahme gehen machen 
kannst, so muß ich Dich wohl besser halten!" D. 
Die Roßbacher Franzosen, — Wenig Kriegszucht herrschte unter 
den Franzosens Willi 11 3u4)¥<' r l757 zur Schlacht bei Roßbach zogen. 
Es liegen uns darüber Berichte vor. Ohne Ordnung marschierten sic 
auf die Wache, der Tambour ging acht, bis zehn Schritte nebenher und 
trommelte nur mit einem Klöpfel. Sie standen Posten in der Mütze. 
Bei der Kavallerie trugen viele Offiziere, auch mancher Wachtmeister 
Haarbeutel und kleine Galanteriedegen. Ausnahmsweise wurde einmal 
ein Franzose, der gestohlen hatte, mit Spießrutenlausen bestraft. Aber 
es dauerte zwei Stunden, bis ein Adjutant mit Mühe und Not eine 
Gasse von 300 Mann formiert hatte. Als der Prinz Soubisc einmal 
in Erfurt bei der Hauptwache vorbeiritt, und die Wache ins Gewehr 
trat, nahm sich der Tambour nicht die Mühe, die Trommel von der 
Erde aufzunehmen, sondern schlug mit einem Klöpfel den Marsch, 
während die Trommel aus dem Boden lag. Daraus „wurde aber gleich 
wohl nichts gemacht." Der Graf von Saint Germain, damals französischer 
Generallieutenant, schrieb am 11. November: „Ich führe eine Bande von 
Dieben, von Meuchelmördern, die bei dem ersten Flintenschuß Kehrt 
machen würden und immer bereit sind, sich zu empören. Niemals hat es 
etwas dergleichen gegeben. Der König hat die schlechteste Infanterie, 
die es unter dem Himmel geben mag. und die undisziplinierteste." 
v. 
Denksteine an das. Geseckl-LeOWIttstock. Am 17. August 1813 
erhielt det "französische 'Marschall Oudinot den Befehl, gegen Berlin 
vorzurücken. Er überschritt am 22. August 1813 unter hartnäckigem 
Widerstand der 4. Division unter dem Befehl des Generalmajors von 
Thümcn bei Wittstock die Nutheniederung. An das Gefecht bei Wittstock 
erinnern verschiedene Denksteine. Bei dem Dorfe steht ein nachgeahmter 
abgebrochener Baumstamm. Dieser trägt auf einer Metallplatte die 
Inschrift: „Zur Ehre Gottes des Allerhöchsten und zum Ruhme preußischer 
Waffen fanden diese Krieger im Gefecht bei Wittstock den 22. August 
1813 den Heldentod. Ehre ihr Andenken und ehre Dich!" Davon 5!) 
Meter abseits steht ein Sandsteinkreuz, auf dessen Sockel steht: „Hier 
ruhet die Asche. W. Busch, Adjutant der Uckermärkischen Landwehr- 
! Cavallerie, starb den Tod fürs Vaterland den 22. August 1813." Nebenbei 
! steht eine niedrige Mauer, welche eine Grabstätte einschließt. Auf der 
Steinplatte steht: „Otto von Dargitz und Karl Graf zu Dohna, gefallen 
bei Wittstock, den 22. August 1813." Rechts von der Chauffee steht eine 
abgebrochene Säule, welche einen Helm trägt. Rund herum erkennt man 
die Reste einer Schanze. 
Mumifizierte alte Gernlmicu.»- Eine besondere Abteilung des 
ichleswig-holstemlfJM^MMKWvaterländischcr Altertümer in Kiel 
bilden die Moorfunde. Bei dem Reichthum des Landes an Mooren ist 
das nicht auffällig. Das Moor hat, wie die „Germ." ausführt, die an 
genehme Eigenschaft, nichts verwesen zu lassen. Die Humussäurcn der 
Moorsubstanz wirken fäulniswidrig, und so mumifizieren organische 
Stoffe im Moore, auch ganze Leichen. Dieser Umstand bietet einige 
Hoffnung, einmal zur Kenntnis der Körperbeschaffenheit der alten Germanen 
zu gelangen. Bekanntlich verbrannten diese ihre Toten, und die dabei 
übrig bleibenden veraschten Knochen wurden obendrein noch zerschlagen, 
um bequemer in die Urnen gethan werden zu können. Daraus crgiebt 
sich die Unmöglichkeit, nachzuweisen, wie unsere ältesten Vorfahren ge 
wachsen waren, welche Schädelform sie besaßen ec. Wenn aber ein solcher 
Germane im Moore verunglückte oder etwa als Opfer eines Tot 
schlags im Moore versenkt wurde? Die Auffindung von Moorleichen 
ist so zu sagen die letzte Hoffnung der Anthropologen hinsichtlich der 
somatischen Erforschung der Germanen, und das Kieler Museum birgt 
solch eine mumifizierte Moorlciche, die als germanisch angesprochen wird. 
Der betreffende alle Herr wurde vor einiger Zeit im Rendmührcr Moore 
gefunden. Die Leute, die auf die Leiche stießen, dachten zunächst an ein 
Verbrechen, brachten den Fund in das Spritzenhaus des Ortes und be 
nachrichtigten die Polizei. Der Polizeiarzt wurde gerufen, die Sektion 
begonnen. Eine Verletzung des Schädels führte zu dem llntcrsuchungs- 
ergebnis, daß hier jemand, vermutlich ein slowakischer Topsbindcr — 
denn ein unbekannter Fremder mußte cs schon sein, weil man sonst nie 
mand vermißte — erschlagen und im Moore versenkt worden sei. All 
mählich aber fiel cs auf, daß die Leiche garnicht verwesen wollte. Man 
rief, um Aufklärung zu erhalten, endlich einen als Altertumsforscher 
bekannten Arzt, und der erklärte: „Ja, meine Herren, ein Verbrechen 
liegt hier wahrscheinlich vor. Da cs aber schon vor mindestens 
2000 Jahren begangen ist, so sind Ihre Bemühungen ganz überflüssig. 
Der Slowake ist einer Ihrer Urahnen und gehört ins Kieler Museum." 
— Eine weitere Sehenswürdigkeit von allgemeinerem Interesse sind die 
Schiffe und Boote, die im obersten Stock des Museums Aufstellung ge 
funden haben, namentlich ein großes Wikinger Schiff von fast 23 Meter 
Länge aus dem Nydamer Moore bei Flensburg, 4 Meilen von der Küste 
entfernt. Das 3'/ 4 Meter breite und 2^/ 4 Meter hohe Fahrzeug ist ver 
hältnismäßig gut erhalten, noch besser ein 12 1 /* Meter langer Einbaum 
aus dem Vaalcr Moore. 
Maas Kolli! Bekanntlich schloß der deutsche Kaiser seine Festrede 
bei GeUgenWk^M" im Gürzenich abgehaltenen Festmahles am 18. Juni 
d. I. mit den begeistert aufgenommenen Worten: „Alaaf Köln!" Durch 
die Presse gingen verschiedenartige Erklärungen dieses altkölnischen 
Schlachtrufes, keine befriedigte. Auf eine an ihn gerichtete Aufrage 
hat nun der Oberbürgermeister von Köln geantwortet, „daß eine ge 
nügende Erklärung des Wortes Alaaf überhaupt nicht 
existiert." 
Zugleich legte derselbe seiner Antwort etliche der bisherigen Er 
klärungsversuche bei, welche auch hier folgen mögen. Nr. 1 ist dem 
Wörterbuch der Kölner Mundart von F. Hönig S. 36 entnommen, 
welches sich wieder auf das Alftersche Wörterbuch der niederrheinischen 
Mundart stützt, verfaßt etwa 1800 und handschriftlich niedergelegt im 
Kölner Stadtarchiv. Nr. 2 entstammt der „Kölnischen Zeitung" vom 
18. August, Nr. 3 derselben Zeitung vom 2b. August 1844. 
Nr. 1. 
Allaff, ein sehr altes bey den Kölneren annoch im schwang 
gehendes wort, welches als eine interjcction gebioucht wirbt, da bey 
den gastcrcien, gesundheits trinken, auch in Vergleichung gegen andere 
städte das Allaff Cöllcn beständig ausgesprochen wird. Von bedeutung 
dieses Worts sind unterschiedliche Muthmaßungen: etliche wollen es 
herleiten von dem alten al-lofe, alles lobe Köllen; andere von 
all-after, alles vmß Köllen weichen. Gnug daß diese redensart als 
ein kleiner nazional stolz in betracht ihrer voriger glücksceligen ein 
richtungsforme von den Köllner beständig im munde geführct worden. 
Nr. 2. 
Alaf Köln! Jedem Kölner ist die Sinnbedeutung dieses beliebten 
Ausrufs vollkommen bekannt; soll er aber über die Wortbedeutung 
Auskunft geben, so wird es ihm wahrscheinlich eben so schwer werden, 
wie es dem Schreiber dieses bisher geworden ist. An einer Stelle 
aber, wo man die Wortbedeutung gar nicht sucht, steht sic gedruckt, 
nämlich in Leos Rezension von Waitz's „Deut'cher Verfassungs 
geschichte" in den „Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik, Nr. 107, 
1844". Sie werde hier um so lieber ganz wörtlich mitgeteilt, als 
dadurch das Wort „Alaf" erst recht ehrwürdig wird. Nachdem Leo 
von keltischen Wortformen gesprochen hat, die sich in der mittelalter 
lichen deutschen Sprache erhalten haben, sagt er: „Es lassen sich einige 
Beispiele beibringen, wie lange unter dem Volke der westdeutschen 
Gegenden keltische Wörter in aller Ursprünglichkeit gehaftet haben. 
Wir haben in neuester Zeit oft gehört „Alaf Köln!", ja, man hat
        
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