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Periodical volume 30. Oktober 1897, No. 44

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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nicht der Bürgermeister dazwischen getreten wäre. „Laßt ab 
von ihm, er ist dem Stadtgericht verfallen!" rief er mit 
gebietender Stimme; doch konnte er die wütenden Weiber erst 
beruhigen, als er versprach, das strengste Gericht über den 
Uebelthäter abhalten zu wollen. 
Und nun der arme Mathis. Er zählte seine langjährigen 
Verdienste um die Stadt auf und bat winselnd um Gnade, 
aber niemand hörte ihn an. 
Das Gericht wurde gehalten, und der seltsame Urteils 
spruch lautete: „Hans Lüddecke und Mathis sollen beide auf 
den Wartturm gebracht werden; wer den andern hinunter 
wiift, geht frei aus. Der Heruntergeworfene wird dem 
Henker übergeben, falls ihn der Fall nicht getötet hat. Dem 
Ritter soll eine Hand gebunden und dadurch sein Uebergewicht 
genommen werden." Lüddecke hörte den Spruch mit Hohn 
lachen an. Mathis jammerte und bat. man möge ihn doch 
lieber hängen oder köpfen, als mit dem bösen Lüddecke auf 
Leben und Tod zusammenbringen. Nichts da! Der Spruch 
wurde vollzogen. 
Der Turm war dicht umlagert von einer schaulustigen 
Menge, die auf den Kampf der beiden wartete. Jetzt erschienen sie 
aus der Plattform, und zwar friedlich neben einander. Lüddecke, 
dem man wegen seiner Widersetzlichkeit beide Arme gebunden 
hatte, war frei. Wer anders als Mathis hatte ihm die 
Fesseln gelöst? Alles stutzte. Was würde nun werden? 
Nichts wurde. Lüddecke gebrauchte seinen losen Mund zu 
frechem Hohn und Spott, brach auch Steinslücke los und warf 
damit auf die Umstehenden. Das Volk sah sich in seinen 
Erwartungen betrogen und murrte über den Urteilsspruch. 
Die Frauen, die besonders erbost waren, gaben ihren Un 
willen kund, indem sie die Gerichtsherren mit nicht gerade' 
schmeichelhaften Titeln bedachten. Doch das Urteil ließ sich 
nicht umstoßen. Es wurde Abend, die Menge verzog sich, 
nur die gestellte Wache blieb. Am zweiten und dritten Tage 
dasselbe nicht befriedigende Schauspiel. Aber man tröstete 
sich: der Mundoorrat, den Mathis hatte, mußte bald verzehrt 
sein, und dann werde der Wendepunkt schon kommen. 
Am vierten Tage war wiederum viel Volk um die 
Warte versammelt; auch der Rat war vollzählig da. Man 
erwartete mit Spannung das Ende des Schauspiels. Da er 
scholl Trompetenstoß; ein Zug Reiter in glänzender Rüstung 
kam auf der Ruppiner Straße dahergezogen und hielt in 
einiger Entfernung an. Ein Herold kam auf die Menge zu 
und sprach mit lauter Stimme: „Mein Herr und Fürst, der 
gute und große Markgraf Waldemar, hat durch Boten, die er 
in Eure Stadt gesandt, erfahren, daß die guten Bürger von 
Gransee samt dem Rate allhier versammelt seien. Von langer 
Pilgerfahrt, die er nach dem gelobten Lande unternommen, 
kehrt der Fürst in sein Land zurück, um sein geliebtes Volk 
von Not und Elend zu befreien." Der Herold schwieg, als 
erwarte er den Eindruck seiner Kundgebung. Die Menge ver 
harrte jedoch in fast lautloser Stille und sah bald auf den 
Herold, bald auf die Ratsherren. Da trat der Bürgermeister 
vor mit den Worten: „Das Gerücht vom wiedergekommenen 
Waldemar ist bereits zu uns gedrungen; aber wir haben be. 
schlossen, unserm Markgrafen Ludwig treu zu bleiben." Kaum 
waren diese Worte gesprochen, als aus dem Reitertrupp ein 
Mann in Eisenrüstung, den Fürstenmantel um die Schultern, 
heivorritt und rief: „Andreas Grote, erkennst Du mich? Auf 
dem Felde da unten rettetest Du, obgleich am Kopf ver 
wundet und mit Blut überströmt, mir das Leben. „„Helfe 
Dir Gott, mein Herr, so alle Tage als heute in Deinen Nöten"", 
so sprachst du. als Du mich aufhobst." Grote starrte den 
Mann an, erkannte die kennzeichnende Narbe über Stirn und 
Wange und fiel aufs Knie mit dem Ausruf: „Er tst's, er 
ist's!" Da brach die Menge in lauten Jubel aus. umringte 
den wiedergekommenen Waldemar und führte ihn im Freuden 
rausch zur Stadt hinab. 
Den eben beschriebenen Auftritt, der die Aufmerksamkeit 
aller auf sich zog, wußte Lüddecke zu benutzen. Unter dem 
Reilertrupp erkannte er einige Freunde und Genossen. Er 
rief sie um Beistand an und sah sich bald aus seinem Gefängnis 
befreit. Außer sich vor wilder Freude über seine Befreiung 
und sinnlos vor unbändiger Lust, sich zu rächen, rannte er 
dem zur Stadt ziehenden Haufen nach, tobte, schimpfte und 
fluchte auf das Volk ein. Waldemars Ritter schienen Vergnügen 
daran zu finden, wurden aber entrüstet, als er auch den 
Markgrafen schmähte und ihn einen Betrüger nannte. Sie 
wollten sich auf ihn stürzen, doch Waldemar wehrte ihnen, 
faßte den Lüddecke scharf ins Auge und rief ihm zu: „Hast 
Du die Wunde vergessen, die Deine Hand hier bei Gransee 
mir schlug? Judas, es ist Dein Fürst und Herr!" Lüddecke 
bebte am ganzen Leibe, fiel nieder und flehte: „Gnade, 
Gnade!" Waldemar gebot den Rittern, ihn in die Stadt zu 
bringen, wo er Gericht über ihn halten werde. So geschah 
es, und der Waldemarsche Urteilsspruch lautete: „Die mehr 
tägige Einsperrung ist für Hans Lüddecke Strafe genug. Er 
schwört Urfehde und wird Gransee nicht wieder belästigen." 
Die Granseeer stimmten dem Urteil, das sie als ein weises 
anerkannten, allseitig bei. 
Mathis, der sich bereits aus dem Staube gemacht hatte, 
wurde auf Weisung Waldemars aus der Stadt und ihrem 
Gebiete verbannt. — 
Wir stiegen langsam von der hohen Warte herab. 
Freund H. citierte: 
„Schweigend in der Abenddämm'rung Schleier 
Ruht die Flur, das Lied der Haine stirbt; 
Nur daß hier im alternden Gemäuer 
Melancholisch noch ein Heimchen zirpt. 
Hier auf diesen waldumkränzten Höhen, 
Unter Trümmern der Vergangenheit, 
Wo der Vorwelt Schauer mich umwehen, 
Sei dies Lied, o Wehmut, Dir geweiht!" 
„Halt!" riefen wir, „nur keine Wehmut!" und schuilten 
damit dem Freunde Matthiflonscher Dichtung das Wort ab. 
Vor uns lag das Ruppiner Doppelthor. Der eine Thorein 
gang, das sogenannte Waldemarthor, war bis zum Jahre 
1818 vermauert. Es wird erzählt: Alle Städte, darunter 
auch Gransee, mußten die Thore, durch welche sie dem wieder 
gekommenen Waldemar, der als ein Betrüger erkannt und der 
falsche Waldemar genannt wurde, Einlaß gewährt halten, 
zumauern. 
Uns blieb in Gransee noch übrig der Gang zum Luisen 
denkmal. Auf einem Steinsockel ruht ein Sarg; darüber ist 
ein von Säulen getragener Baldachin. Am Kopfende steht 
die Inschrift: „Dem Andenken der Königin Luise August« 
Wilhelmine Amalie von Preußen, geboren den 10. März 1776,
        
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