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Periodical volume 23. Oktober 1897, No. 43

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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standen, weil sie sich von ihm zurückgesetzt glaubten. Die 
Sonne stand schon lief. und roch immer lobte der Kampf. 
Waldemar, den Seinen voran, war mitten im Getümmel. 
Da wurde sein Pferd von einem Lanzenstich getroffen. Es 
bäumte sich hoch auf, stürzte nieder und begrub den Reiter 
unter sich. In demselben Augenblick jagte ein Ritter in 
schwarzer Rüstung heran, schrie dem Gefallenen zu: „Gieb 
dich!" und fuhr mit dem Degen nieder, der des Fürsten 
Stirn und Wange streifie. „Judas, es ist Dein Herr und 
Fürst!" rief Waldemar. Da wandte der Schwarze, ein 
Märker war's, sein Pferd und jagte davon. Aber andere 
Feinde kamen heran, und der hülflose Markgraf wäre sicherlich 
gefangen genommen, wenn nicht der brave Bürgermeister von 
Gransee, Andreas Grote, mit seinen schlagfertigen Bürgern 
herbei geeilt wäre. Grote, dessen Gesicht mit Blut überströmt 
war, da ein Pfeilschuß seine Stirn gestreift hatte, bahnte sich 
den Weg zu seinem Herrn und hob ihn auf mit den Worten: 
„Helfe dir Gott. mein Herr, so alle Tage als heute in deinen 
Nöten!" Waldemar wurde jubelnd zu den Seinen zurück 
gebracht. Der Kampf entbrannte aufs neue und endete erst 
am späten Abend. In der Nacht zogen sich die Brandenburger 
zurück, und die Feinde, die auf dem Schlachtselde blieben, 
schrieben sich den Sieg zu. Sie hatten aber so schwer ge 
litten. daß sie mit dem heldenmütigen Waldemar nicht weiter 
anbinden mochten und den schon erwähnten Frieden schlossen. 
Leider starb Waldemar, in dem all das Feuer seines 
hochsinnigen Geschlechts in ganzer Glut noch einmal auf 
loderte, schon am 14. August 1319 im Aller von 28 Jahren 
zu Bärwalde. Seine Gebeine ruhen in der Klosterkirche zu 
Chorin. 
Armes Land Brandenburg, mit dem letzten Ballenstädter 
sank deine Wohlfahrt ins Grab! Von allen Seiten fielen die 
Nachbarn wie Raubtiere in das verwaiste Land. Als es im 
Jahre 1323 wieder einen Herrn bekam, war es ein neun 
jähriger Knabe, der Sohn des Kaisers Ludwig. „Wehe dem 
Lande, des König ein Kind ist," sagt der weise Salomo. 
Zwar übernahm der Kaiser die Vormundschaft über den jungen 
Markgrafen, aber seine Hand hatte wichtigere Geschäfte zu be 
sorgen, als sich um die abgelegene, sandige Mark zu be 
kümmern. Wer vermag die Flut von Unglück und Elend zu 
schildern, die sich über das Land ergoß? Kein Wunder, wenn 
sich die Märker nach den glücklichen Zeiten der Ballenstädter 
zurücksehnten, wenn sie es lief beklagten, daß der große 
Waldemar so früh zu seinen Vätern gegangen war. Ach. 
wenn doch der verehrte Fürst wieder aus seinem Grabe erstände! 
Es war im Jahre 1348. Markgraf Ludwig war längst 
ein Mann geworden, der das Land wohl hätte regieren und 
beglücken können. Aber er war ein stolzer, genußsüchtiger 
Herr. Was bot ihm die Mark mit ihren dürren Sandfeldern, 
ihren eintönigen Heideflächen und düstern Kiefernwäldern! 
„Wäre sie eine muntere Dirne gewesen mit roten Lippen und 
von warmem Blute, er hätte sie in seinen Armen gehalten 
und ritterlich verteidigt. Aber sie dünkte ihn alt und kalt 
und welk." Da lobte er sein Bayern und Ttrol mit den 
üppigen Matten und stolzen Bergen, wo sein Pfeil die flüchtige 
Gemse trifft und sein Blick die schmucke Sennerin. Dort zu 
weilen, war seine Lust. Arme Mark! Nicht allein Fremde 
kamen zum Rauben und Plündern, auch im Lande gab es 
Raubgesellen aller Art. Von ihren festen Schlöffern zogen die 
Raubritter herunter und machten mit ihren Knechten die 
Straßen unsicher und überfielen Städte und Dörfer. Die 
Stadt Gransee hatte schlimme Nachbarn dieser Art. Da 
waren die Ouasts und Winterfelds und besonders Hans 
Lüddccke vom roten Haus. Zwar war die Stadt gut bewehrt, 
wovon noch jetzt die starke Mauer rings herum mit ihren 
Lughäusern, Türmen und Thoren Zeugnis ablegt; aber trotz 
dem galt es. jederzeit auf der Wacht zu sein, damit nicht 
draußen das Vieh von der. Weide weggeholt werde oder ein 
lüsterner Haufe verwegener Raubgesellen sich Eingang in die 
Stadt verschaffe. Spotiweise nannte Hans Lüddecke die Gran- 
seeer seine Ochsenjungeu, aus deren Herden er sich nach Bedarf 
versorgte. Die Stadt zu überrumpeln, war jedoch, abgesehen 
von der starken Befestigung, nicht so leicht. Da standen auf 
hervorragenden Höhen in einiger Entfernung von der Stadt 
zwei Wartlürme, der eine im Osten, der andere im Westen. 
Der letztere ist noch vorhanden und macht sich schon aus 
weiter Entfernung bemerkbar. Man könnte ihn für einen 
Fabrikschornstein halten. Als wir bei unserer Ankunft in 
Gransee fragten, was das für ein Turm sei, antwortete man 
uns mit wichtiger Miene: „Das ist die Warte; versäumen 
Sie nicht, da hinauf zu gehen!" Wir gingen und fanden 
einen Rundiurm von etwa 30 m Höhe. Er ist aus Feld- 
steinen erbaut und hat sogenannte Rippen aus Backsteinen. 
Auf diesem Turme saß im Jahre 1348 der alte Wächter 
Mathis. Seine Ausgabe war. zu spähen und zu horchen 
auf alles, was im engeren Umkreise vor sich ging. Bemerkte 
er etwas Verdächtiges, so hatte er durch Zeichen seine Meldung 
zu machen. Denn Hans Lüddccke war die Warte mit ihrem 
wachsamen Wächter, dessen treues, scharfes Auge ihm schon 
manchen Handstreich verdorben hatte, verhaßt. Er sann auf 
eine List, den Alten da oben unschädlich zu machen. — 
Ellies Tages fuhr auf der Landstraße, die unweit der Warte 
vorüberführte, ein mit Fäffern beladener Wagen. Mathis 
dem nichts entging, sah. wie der Wagen plötzlich durch einen 
Stoß ein Rad verlor, auf die Seite schlug und ein Faß nach 
dem andern herunterrollte. Der Fuhrmann jammerte und 
rief zur Warte hinaus um Beistand. Maihls stieg hinab und 
brachte mit dem Fuhrmann alles wieder in Ordnung. Dieser 
war erkenntlich, schlug von einem Faß den Reifen zurück, 
bohrte es an und bot seinem Helfer einen Labetrunk mit dem 
Bemerken: „Trink nur! Hans Lüddecke, für den die Ladung 
bestimmt ist, genießt auch oft, was ihm nicht gehört." Mathis, 
dem heute die Kehle so recht trocken war. ließ sich nicht lange 
nötigen. Als er sich zur Genüge gütlich gethan hatte, holte 
er auf Weisung des Fuhrmanns noch Gefäße herbei, die ihm 
dieser füllte. Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedeten 
sich beide. 
(Schluß folgt.)
        
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