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Periodical volume 16. Oktober 1897, No. 42

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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perlte ihm von der Stirn. Er lief hin und her und starrte 
dann wieder in die Nacht hinaus. Halt! Da fiel ihm der 
alte Klosterschäfer ein. dessen Schlauheit ihm bekannt war. 
Schnell lief er zu ihm, rüttelte ihn aus dem Schlaf und klagte 
ihm seine Not. Der Schäfer machte ein verschmitztes Gesicht 
und meinte: „Noch ist's Zeit. Dem Teufel wollen wir ein 
Schnippchen schlagen; ich stelle die Turmuhr eine gute Viertel 
stunde vor." — In banger Spannung stand der Mönch in 
seiner Zelle. Da erhob sich über dem See ein mächtiges 
Brausen; es war der Teufel. In demselben Augenblicke schlug 
die Turmuhr eins. Der Teufel, so nahe seinem Ziel, stieß 
ein schreckliches Geheul aus und warf die Muränen in den 
See. Seit der Zeit lebt dieser beliebte Fisch im Wandlitzer See.*) 
So weit der Seekrugwirt. Als wir uns wunderten, wie 
man gegen ein Fischgericht seine Seele einsetzen könne, er 
widerte er: „Nun, hat nicht Esau um ein Linsengericht seine 
Erstgeburt verkauft?" Der Vergleich war nicht übel. Wir 
bedankten uns für das Gehörte und setzten in fröhlicher 
Stimmung unsere Reise fort. 
II. 
Durch lachende Auen und segensvolle Felder gings weiter 
über die Dörfer Stolzenhagen und Zehlendorf. Beim letzteren 
Orte fuhren wir ins tiefliegende Havelland hinein. Die Räder 
rollten die abfallende Chaussee hinab, und bald nahm uns 
das tiefschattige Kreuzbruch aus. Unwillkürlich mußte ich alter 
Zeiten gedenken. Vor meinem Auge stiegen die wilden, 
trotzigen Gestalten der Quitzows und ihrer Mannen auf, wie 
sie im Oktober des Jahres 1412 dieses Bruch und den an 
grenzenden Wald durchzogen, sich im Lager bei Liebenwalde 
mit den Pommern vereinigten und dann dem ersten Hohenzoller 
am Kremmener Damm eine Niederlage beibrachten. Wie stolz 
flatterten ihre Helmbüsche, wie siegesbewußt tummelten sie ihre 
Rosse! Doch Uebermut thut selten gut. Der neue Landesherr, 
dieser gering geschätzte „Nürnberger Tand", wußte ihre Macht 
zu brechen. 
Nachdem wir das freundliche Städtchen Liebenwalde 
verlassen hatten, erinnerte uns der zur Hasel fließende Döllen- 
bach, über den die Chaussee führt, wieder an die Quitzows. 
Es war am Tage nach Martini des Jahres 1407. Dietrich 
Quitzow und sein Bruder Johann hatten sich mit dreißig 
berittenen Knechten in dem mit hohem Ellerngebüsch bewachsenen 
Bruchlande, nahe der kleinen Brücke, die über den Döllen 
führte, versteckt. Da nahte ein Reitertrupp. Kaum hatte der 
vorderste der Reiter die Brücke überschritten, so stürzten auch 
schon die Quitzows mit geschwungenen Schwertern auf ihn los 
und schrien ihm zu: „Herzog Johann, ergebt Euch!" „Ich, 
der Herzog von Mecklenburg-Stargard, Hauptmann der Mark, 
soll mich ergeben?" erwiderte mit trotzigem Stolz der Reiter. 
„Wer seid Ihr?" Unter wildem Hohnlachen schlug Dietrich 
sein Visier in die Höhe und rief: „Kennt Ihr mich? Gedenkt 
Ihr des Tages von Kremmen (zwischen Nauen und Ketzin), 
wo mein Unstern mich in Eure Hände gab? Wie stolz hieltet 
Ihr auf der Walstatt und übergabt mich dem Markgrafen 
Jobst, dem ich ein schweres Lösegeld zahlen mußte." „Es 
war ehrlicher Krieg", entgegnete der Herzog, „und kein tückischer 
Ueberfall, und hier ist der Geleitsbrief des Markgrafen Jobst, 
der mich zu sich nach Berlin berufen hat. Gebt den Weg 
*) Bekanntlich wird dieselbe Sage vom Madui-See in Pommern 
erzählt. 
frei!" „Nichts da!" rief Dietrich. „Euer Stücklein Pergament 
gilt uns nichts, wir zerfetzen es mit unserem Schwerte. Klinge 
gegen Klinge. Zieht die Enrige, wenn Ihr sie zu führen 
versteht!" Da riß der Herzog sein Schwert aus der Scheide, 
und ihm nach lhaten's seine Leute. Das Gefecht wurde auf 
beiden Seilen hitzig geführt. Die beiden Quitzows fochten 
gegen den Herzog. Da rief dieser: „Zwei gegen einen, das 
ist nicht Rcklerfilte." „Wüßtet Ihr Ritterfitte," entgegnete 
Johann von Quitzow, „so hättet Ihr Euch nicht in unsere 
Streitsache gemischt. Ergebt Euch! Eure Leute Habens bereits 
gethan." Dem Herzog blieb nichts weiter übrig, als der 
Aufforderung zu folgen. Er senkte das Schwert mit den 
Worten: „Nun denn, wie Gott will!" Dietrich nahm ihm 
das Schwert ab, und Johann gab einem Knecht den Befehl, 
dem Herzog die Hände zu binden. „Unerhört!" stieß dieser 
hervor. „Habe ich es mit Strauchdieben und gemeinen Räubern 
zu thun? Genügt Euch inein ritterliches Wort nicht? Wie 
wollt Ihr Euer ruchloses Thun vor Eurem Landesherrn ver 
antworten?" Johann lachte hell auf und sagte: „Nur immer 
zu, Herr Herzog, macht Eurer Wut Luft! Hier hören's doch 
Menschen. Wenn Ihr erst im Turm meines Schlosses Plaue 
fitzt, müßt Ihr den Mauern Euer Klagegeheul vorsingen. 
Euer Markgraf Jobst ist ein Fremder in unserer Mark; wir 
märkische Edelleute scheren uns den Teufel um ihn, und Ihr, 
Herzog Johann, hättet besser gethan, die Finger von unseren 
Angelegenheiten zu lassen." „Ich handelte als Hauptmann 
der Mark." erwiderte der Herzog, „und that meine Pflicht, ich 
wollte Eurem Raubwesen steuern." „Raubwesen?" fuhr Johann 
auf. „Wir führen Kriegszüge wie Ihr. Als freigebornen 
Männern steht uns das Fehderecht zu wie Euch, und Eure 
Hauptmannschaft hat für uns keine Bedeutung. Doch nun 
genug. Es ist zu kalt, um weitere Reden zu führen." Der 
Herzog biß die Zähne zusammen und schwieg. Ihm wurden 
die Hände gebunden, und so wurde er über Bötzow (jetzt 
Oranienburg) nach Plaue gebracht. Hier und später in Bötzow 
schmachtete er 137 2 Monat in schmählicher Gefangenschaft. 
Und was that Markgraf Jobst? Er forderte die Quitzows 
auf, nach Berlin zu kommen, um sich wegen ihrer That zu 
verantworten. Die Brüder kamen, und Jobst verlangte von 
ihnen, den gefangenen Herzog sofort frei zu geben. Dietrich 
erwiderte jedoch sehr ruhig: „Herr Markgraf, Ihr besitzt zwar 
das Schloß in Liebenwalde, die Stadt wird jedoch vermöge 
einer alten Psandschaft von Mecklenburg in Anspruch genommen. 
Es ist also streitig, ob wir den Herzog in Eurem Lande oder 
in Mecklenburg gefangen haben." Jobst ließ von seiner 
Forderung ab. Er war wieder einmal in großer Geld 
verlegenheit, und das ging ihm mehr zu Herzen als die 
Gefangenschaft des Herzogs. Daher fragte er die Quitzows, 
deren Reichtum ihm bekannt war. ob sie ihm einen Vorschuß 
gegen Pfand geben könnten, und als das bejaht wurde, lud 
er sie in freundlichster Weise bei sich zu Tische. 
III. 
Wir waren aus dem Barnim über die Grenze der Ucker 
mark gekommen und fuhren auf Zehdenick zu, wo wir Rast 
hielten. Die Uckermark war zur Zeit der Quitzows ein Zank 
apfel zwischen Brandenburg und Pommern. Die uckermärkischen 
Städte, darunter auch Zehdenick, sahen wiederholt die Pommern 
herzöge und die mit ihnen verbündeten Quitzows in ihren 
Mauern. Zehdenick macht den Eindruck eines aufstrebenden,
        
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