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Periodical volume 16. Oktober 1897, No. 42

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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deutschen Landen! Und mit welcher Jmpietät, ja Frechheit 
lehnt man sich vielfach wieder auf gegen diejenigen, die nach 
Gottes Ordnung die Leitung des Staatswesens in Händen 
haben! Nun, wir wollen, trotz allem und allem, an der 
Seele und an der Zukunft unseres Volkes nicht irre werden. 
Die Jugend lag hinter ihm, Georg war ein ernster 
Mann geworden. Was er verloren, war unwiederbringlich 
dahin, und er fand sich darin. Er mußte zurückkehren dahin, 
wo nun seine Heimat war; aber Deutscher wollte er erst recht 
in der Fremde bleiben, deutsche Sitte, deutsche Zucht, deutsche 
Ehre hochhalten, für sie leben, und wenn es not that, sterben 
— das gelobte er sich. Und seine Kinder sollten Gleiches 
thun! Wenn seine Arbeit gethan, seine Stunde gekommen 
war, sollten sie fortfahren, wo er aufgehört: so wollte er die 
Schuld seiner Jugend sühnen. — 
Ruhe und Frieden kamen in sein Herz. Zum zweiten 
Male zog er über das Meer: ein schönes, reiches, großes 
Arbeitsfeld lag vor ihm. 
„So wende nach außen, so wende nach innen die Kräfte 
Jeder, dann ist es ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein." 
Eine Stahlroß-Tour in -er Mark. 
Von G. Ehreckc. 
I. 
„Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen; es grünten 
' und blühten 
Feld und Wald; auf Hügeln und Höh'n, in Büschen 
und Hecken 
Uebten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel; 
Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen, 
Festlich heiler glänzte der Himmel und farbig die Erde." 
So besingt der Altmeister Goethe die Pfingstherrlichkeit 
der Natur. Ein Blick zum Thor hinaus genügt, anzulocken, 
weit hinaus zu locken, auch über die nächste Umgebung hinweg. 
Und wie leichl ist's, heutzutage zu reifen! 
„Das Stahlroß blinkt, die Glocke Hingt, fort saust der 
flinke Reiter; er grüßt die Au', des Himmels Blau und fingt 
sein Liedchen heiter." 
Als ich mich vor drei Jahren aufs Stahlroß setzte, zählte 
ich bereits zu den Alten; ich hatte 55 Jahre auf dem Nacken. 
„Alter schützt vor Thorheit nicht," sagten kopfschüttelnd meine 
Kollegen, und Gevatter Schulz im Nachbardorfe stand spöttelnd 
an der Dorsstraße. wenn ich hoch zu Roß vorbeikam. und 
rief: „Je öller, je döller." Jetzt schweigen die Spötter, da 
auch manch anderer Graubart auf beflügeltem Stahlroß 
dahin jagt. 
„O Jüngling, der den Wafferkothurn 
Zu beseelen weiß und flüchtiger tanzt, 
Laß der Stadt ihren Kamin! Komm' mit mir. 
Wo des Kristalls Eb'ne dir wink:!" 
Mit diesen Worten ruft Klopstock den Schlittschuhläufer 
auf die Eisbahn. Was ist aber der Eislauf in kalter Winters 
zeit über eintönige Flächen gegen eine Radfahrt im holden 
Lenz. wenn die Naiur im Brautschmucke prangt! — Doch 
nun zur Fahrt! 
Gute Freunde aus Berlin langten am zweiten Pfingst- 
tage schon in aller Frühe in Bernau an. Ich mußte eine 
Stunde daran setzen, den lieben Genossen die historischen 
Merkwürdigkeiten des Husfitenstadtchens zu zeigen: die gut 
erhaltene Stadtmauer, von welcher im Jahre 1432 die wackeren 
Bernauerinnen den heißen Brei auf die anstürmenden Husfiten 
sollen gegossen haben, das Königsthor mit den wild blickenden 
Husfitenköpfen, die mit erbeuteten Husfitenwaffen gefüllte Rüst 
kammer u. s. w. Durchs Mühlenthor verließen wir auf unsern 
flinken, fein geputzten und mit kleinen Pfingstmaien geschmückten 
Stahlrossen das Städtchen. Wogende Kornfelder begrüßten 
uns. fröhliche Festausflügler, darunter viele Radlergenossen, 
riefen uns ein wohlgemeintes „All Heil" zu. Nach zehn 
Minuten nahm uns der kienduflende Kiefernwald auf, und 
eine halbe Stunde später waren wir im prächtigsten Buchen 
wald. Wir bogen in einen gutgebahnlen Waldweg ein und 
fuhren langsam durch die hohen Buchenhallen, um an den 
seitwärts von der Chaussee gelegenen Liepnitzsee zu gelangen. 
„Golden floß ins Laub der Tag; Vöglein sangen Gottes 
Ehre, fast, als ob's der ganze Hag wüßte, daß es Festtag wäre." 
Da blitzte die helle Seefläche durchs Grün. O du schöner, 
blauer See! 
„Er liegt so still im Morgenlicht, so friedlich wie ein 
fromm Gewissen. Wenn Weste seinen Spiegel küssen, des 
Ufers Blume fühlt es nicht." 
Wir lagerten uns unter den hohen Buchenkronen am 
westlichen Ufer und ließen uns den von einer holden Maid 
aus dem Forsthause dargereichten Gerstensaft munden. Dabei 
schweifte unser Blick hinüber nach der einsamen Insel mitten 
im See, wo eine Kuhherde weidete und das harmonische Ge 
läut ihrer Glocken ertönen ließ. Das südliche Seeufer ist mit 
Laubholz dicht umsäumt, das nördliche zeigt hohe Kiefern, 
untermischt mit jungen Schonungen. Der See plätscherte leise, 
im Röhricht lispelte es geheimnisvoll, über unsern Häuptern 
flüsterten die Baumkronen. Ich erzählte den Genossen von 
dem alten Dorfe Liepnttz, das einst hier gestanden, und dessen 
im See versunkene Glocken in stiller Mitternachtsstunde aus 
der Tiefe heraufklingen sollen. 
„Wohlauf. Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!" rief 
unser Fahrwart, und im Nu saßen wir im Sattel. Bald war 
die Berlin-Prenzlauer Chaussee erreicht, auf der wir uns nach 
Norden wandten. Da glitzerte uns der Wandlitzer See. um- 
rahmt von wallenden Fruchtfeldern, ins Auge, und der ein 
same Seekmg lud uns zu einer kurzen Rast ein. Aus dem 
Munde des gesprächigen Wirts, der es als seine Aufgabe be 
trachtete. seine Gäste zu unterhalten, hörten wir folgende Sage: 
An den Ufern des Sees stand in alten Zeiten ein Kloster, 
dessen Trümmer noch bis vor wenigen Jahren vorhanden 
waren. Unter den Mönchen war ein Italiener, der die kost 
baren Genüsse, die ihm sein Heimatland geboten, nicht ver 
gessen konnte. Besonders groß war sein Verlangen nach einem 
Gericht Moränen. Zur Mitternachtsstunde stand er wieder 
einmal in seiner Zelle, den Blick nach Süden gerichtet, und 
seufzte: „Ach, alles wollte ich drum geben, wenn ich nur ein 
Gericht Muränen hätte!" Da erschien ihm der Teufel und 
versprach ihm die leckere Speise, „aber," fügte er hinzu. „Du 
mußt mir Deine Seele verschreiben." Der Mönch ging darauf 
unter der Bedingung ein, daß die Maränen vor dem Schlag 
der nächsten Siunde, also bis ein Uhr, zur Stelle seien. Der 
Teufel meinte, die Aufgabe sei schwer bei dem weiten Wege, 
doch wolle er es versuchen. Kaum war der Teufel fort, da 
wurde es dem Mönch schwül ums Herz, der Angstschweiß
        
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