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Periodical volume 9. Oktober 1897, No. 41

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Vie „Wacht am Wein" in ihrer ursprünglichen Fassung. 
Facsimile der Original-Niederschrift von Max Schneckenbiirger ans dem Jahre 1840. 
Aus Hans Krämer, „Deutsche Helden aus der Zeit Wilhelms des Großen" (Deutsches Verlagshaus Bong u. Co.) 
die jungen Prinzen besitzen Ponies in allen Größen und üben sich im 
Reiten und Selbstkutschieren, bis ihre Fähigkeiten es ermöglichen, kleinere 
Reitpferde zu besteigen und zu bemeistern, wie solches zur Zeit seitens 
der ältesten Prinzen in Plön geschieht. Selbstverständlich müssen auch 
die Pferde des Gefolges in vollstem Gehorsam und desgleichen Haltung 
sein, um allen Anforderungen zu entsprechen und allen Vorkommnissen 
bei Terrainschwierigkeiten gewachsen zu sein. Der Laie mag sich wohl 
deshalb kaum eine Vorstellung machen können, wie mühevoll und ver 
antwortungsvoll die Aufgabe ist, einen solchen Marstall zn leiten und 
in Ordnung zu halten. Parole. 
Eine Bataillonsvorstellung im Jahre 1813. — In jetziger Zeit, 
wo Regiment--RkffMMEWU'-M°NiSper-iM«rSckte und eine Parade 
der andern folgte, ist es nicht ohne Interesse, einmal zurückzublicken auf 
die Zeit unserer Großväter und einer Bataillonsvorstellung im Jahre 
1813 heizuwohnen. Ein Zögling des Berliner Kadettenhauses, von 
Franckenberg-Ludwigsdorff, hatte 1807 an der Belagerung Danzigs teil 
genommen, war nach dem Tilsiter Frieden aus dem preußischen Heere 
ausgetreten, nahm'dann 1809 kurhessische, 1810 österreichische Dienste 
und ließ sich 1813 in ein Bataillon als Lieutenant einreihen, das in 
Berlin gebildet und der russisch-deutschen Legion des Generals Grafen 
von Wallmoden angehörte. Eine buntere zusammengesetzte Mannschaft 
hatte die Well bis dahin noch nicht gesehen. Sie war eine Musterkarte 
von den Truppen des russischen Feldzuges des Jahres 1812: Portugiesen, 
Spanier, viele Italiener, Deutsche aller Staaten, Holländer, Schweizer, 
Dänen, Schweden und sogar Franzosen. Die Uniform bestand aus 
einem schwarzen Waffenrocke, der mit Schnüren besetzt war, schwarzen 
Beinkleidern und einem Tschako, dessen schwarzer Haarbusch bei den 
Offizieren an einer silbernen „Tulpe", bei den Gemeinen an einer 
weiß-wollenen „Rose" befestigt war. So buntscheckig wie die Mannschaft 
war auch das Osfizierkorps des Bataillons. Der Chef war ein mit 
Oberstlieutenantsrange wieder eingetretener preußischer Major; ein 
Holländer, der längere Zeit Adjutant eines französischen Generals 
gewesen, wurde Major, Hauptleute zwei Oestcrreicher, ein Schweizer, ein 
Preuße und ein Hannoveraner. Letzterer hatte Jura studiert, sich bei 
dem Dörnbergischen Aufstande in Westphalen beteiligt, war nach 
Oesterreich geflohen, Ulanenritimeister geworden und jetzt in die russisch 
deutsche Legion eingetreten. Er hieß A. von Bothmer. Nachdem die 
Offiziere sich gegenseitig darüber verständigt hatten, die Exercitien nach 
dem preußischen Reglement zu handhaben, und das Bataillon in fünf 
Kompagnien abgeteilt, auch ein tüchtiges Musikkorps angestellt worden 
war, ging es nach Dömitz an der Elbe. Die Solvaten waren zwar 
alle gediente Leute, aber nicht nach demselben Reglement ausgebildet, 
und das preußische kannte eigentlich nur der Lieutenant von Franckenberg 
genau. Run traf das Bataillon auf deni Marsche seinen Höchst - 
kommandierenden, den General Grafen von Wallmoden. Erfreut üher 
die stramme Haltung der alten Schnurrbärte, machte dieser dem 
Oberstlieutenantsein Kompliment 
und fragte ihn, ob denn das Ba 
taillon auch schon im Stande 
sei, Evolutionen zu machen. 
Stolz über die ihm gewordene 
Anerkennung erwiderte der Führer 
der Truppe: Excellenz brauche 
nur zu befehlen, was für ein 
Manöver vorgenommen werden 
solle. Wallmoden, ein gelernter 
Kavallerist, überlegte einen 
Augenblick und bat, da ihm 
nichts anderes einfiel, ihm 
einen Frontmarsch vorzuführen. 
Ohne eine Miene zu verziehen, 
gab der Oberstlieutenant seinem 
Gaul die Sporen und galop 
pierte zu dem in der Mitte des 
Bataillons aufgestelltem Fahnen- 
zugc. Mit wichtiger Miene teilte 
er hier mit, was für ein Manö 
ver auszuführen sei, und sah sich 
dann nach einem Point de vue, 
nach einem Punkte um, der dem 
Bataillon die Richtung angeben 
sollte. Zufällig saß in einiger 
Entfernung ein Bauer auf seinem 
Pfluge und frühstückte. Diesen 
erwählte er zum Point de vue 
und schnitt die bescheidene Be 
merkung des Fahnenträgers, daß 
der Punkt doch ein wenig zu 
unsicher gewählt sei, mit den 
barschen Worten ab: „Schweig' 
Er, ich habe keine Zeit, mich 
mit Ihm zu unterhalten!" 
Dann zog er den Degen und 
kommandierte: „Hintere 
Glieder, schließt euch auf 
die Spitz' vom Säbel!" 
Die Soldaten stutzten, den 
meisten war das Kommando 
Völlig unbekannt, ein leises Zischeln, das sid, wie: „Was hat er gesagt?" 
anhörte, durchflog ihre Reihen, die wenigen Preußen unter ihnen traten 
an, die übrigen blieben stehen, aber auch die beiden Vorderen Glieder 
gerieten in Bewegung. Wie das Weiter sauste der alte Oberstlieutenant 
hinter die Front und ordnete mit höchsteigner Hand die ungeschickten 
Leute. Nachdem dies geschehen, ritt er wieder Vor die Fahnenabteilung 
und schrie: „Ganzes Bataillon, Frontmarsch!" Anstatt aber nun im 
Parade- oder „Kadenzier"-schritt zu marschieien, fielen die alten Soldaten 
unwillkürlich in den Geschwindschritt. Kaum bemerkte das der Oberst 
lieutenant, als er mit dem Degen das Tempo angab und dabei aus 
Leibeskräften brüllte: „Ein — und — zwanzig, zwei — und zwanzig!" 
Seine Anstrengungen halfen nichts, plötzlich nahm sogar Vas Bataillon 
eine ganz andere Richtung an, jetzt wieder eine andere, bis endlich alles 
bunt durcheinander marschierte. Was war geschehen? Der Point de vue, 
jener Bauer, war mit Frühstücken fertig geworden, hatte seinen Acker 
pflug ergriffen, und zog wieder langsam Furche auf Furche. Bedächtig 
folgte der boshafte Fahnenträger seinen Bewegungen, denn er war ihm 
ja als Point: de vue Vorgeschrieben. Der Verzweifelte Oberstlieutenant 
geriet mitten unter seine durcheinander geratenen Leute und rief mit 
kläglicher Stimme, um einen letzten Versuch zu machen, das Chaos zu 
entwirren: „Tambour! Tambour!" Der Tambourmajor, ein in 
Schlachten ergrauter Schnauzbart, deutete die heftigen Gcberden des 
Kommandeurs falsch und schrie: „Schlagt an! Sturmschritt!" Ein 
lautes „Hurra!" war die Antwort, und, Gewehr an der Seite, stürmte 
das ganze Bataillon auf den General Wallmodcn und seinen Stab zu. 
Im Nu war die ganze glänzende Suite gesprengt, Pferde bäumten sich, 
Offiziere wurden sattellos, Flüche, Kommandos und neue Hurras 
tönten wild durcheinander. Nur mit größter Mühe gelang es dem 
verzweifelten Oberstlieutenant, seine aufgeregten Leute wieder zum Stehen 
zu bringen, dann ritt er langsam zum General. Geduldig ließ er dessen 
Zorn über sich ergehen und verlangte statt aller Antwort seinen Abschied. 
Als er diesen erhallen hatte, sagte er mit Thränen in den Augen seinem 
Bataillon Lebewohl, ohne auf den Major zu hören, der ihn immer wieder 
zu einem Zweikampf mit dem General Wallmoden wegen Beleidigung auf 
stacheln wollte. So endete dieses tragi-komische Manöver von anno 1813. 
Nach einigen Wochen wurde das Bataillon in die englisch-deutsche 
Legion eingereiht, erhielt rote Uniform und das englische Feldzeichen, 
nahm das englische Exercier-Reglement an und wurde fortan von 
englischen Offizieren und Unteroffizieren kommandiert. Der Brigade des 
Oberstlieutenants Halkott zugeteilt, griff cs in der Schlacht am Göhrder 
Walde im Sturmschritt unter Hurra die Franzosen an, sprengte, mit 
den Kolben dreinschlagend, mehrere Vierecke und schlug die Feinde, 
unterstützt von den Congrewschen Raketen, die hier zum erstenmale 
auf deutschem Boden in Anwendung kamen, unwiderstehlich in die Flucht 
— diesmal war das Manöver gut gelungenl 
W. Domderg in der „Parole".
        
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