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Periodical volume 9. Oktober 1897, No. 41

Full text: Der Bär Issue 23.1897

der Mark Brandenburg und der angrenzenden Gebiete. 
Unter Mitwirkung von 
vr. Ernst G. Darderf, Dr. A. Küringnier, Professor vr. Droctzc-r.-, Dr. H. Drendicke. Ti,eodc>r Fontane, 
Stabtrat G. Friedet, Richard George, Ferd. Mener, vr. Wg. Schmidt, Gyninafialbirektor a. D. vr. WI. Schwccvh 
imb G. v. Mitdendrrnii 
herausgegeben von 
Friedrich ZMessrn. 
XXIII. | Der „Bär" erscheint wöchentlich am Sonnabenb unb ist burcd jebe poftanftalt <No 809), Buchhaibliina tmb Zeitungs- j| g. ®|jiobft 
Zahrgang. ]; spebition für ZMk.60ps. vierteljLhrl. ,u be,ieken. Auch bieGeschäftsstelle — BerlinN.58,Schönh.Allee 141 — nimmt I! 
A° 41, || Bestellungen entgegen. Jnseraten-Aufträge sinb an bie letztere zu richten. Die viergesp. Petitzeile kostet 40 Ps. 
Line Geschichte aup dem „tollen" Jahre 1848. 
Nach bem Leben erzählt von C. R- 
(1. Fortsetzung.) 
ine nennenswerte Kraft beim Einexercieren der Bürger 
garde war Georg Werdau, des Tierarztes einziger 
Sohn. Er halte als Gefreiter in Berlin bei der Garde gestanden, 
kannte Reglement und Dienst aus dem Grunde und war, wie 
sein Vater, Feuer und Flamme für die Bürgerwehr. Der 
Tierarzt wurde „Herr Hauptmann" genannt, Georg hieß sein 
„Adjutant". Fuhr der Tierarzt in Sachen seiner Praxis auf 
die benachbarten Güter, so kamen die Edelleute gewiß allemal 
herunter zu ihm, begrüßten ihn und sprachen freundlich mit 
ihm, luden ihn auch wohl zum Frühstück ein; in unruhigen 
Zeiten konnte es nur gut sein, einen so populären und an 
gesehenen Mann für sich zu haben. Kurz, der Herr Haupt 
mann war der Held des Tages geworden in Neustadt und 
Umgegend, und das war es, was ihm zusagte. „Mir geht 
nichts über mich!" dachte der Tierarzt Werdau. — 
Georg hatte seines Vaters Fach zu seinem Berufe gewählt- 
Er hatte eine Tierarzneischule besucht und arbeitete und lernte 
nun weiter bei seinem Vater, um dereinst sein Nachfolger zu 
werden. Der Bildungsgang der Tierärzte war damals noch 
ein anderer als heute; aus den Tierarzneischulen find in 
zwischen Hochschulen geworden. 
Georg war verlobt mit Gertrud, der Tochter des Musik 
direktors Bieland zu Neustadt. Die Verlobung war nicht 
nach Wunsch seiner Eltern; lange, sehr lange hatten sie sich 
ablehnend verhallen, und erst seit etwa Jahresfrist hatten sie 
ihre Einwilligung gegeben. Namentlich Georgs Mutter hatte 
viel gegen Gertrud einzuwenden. Sie war ihr zu „fein 
erzogen", auch zu putzsüchtig, und sie traute ihr nicht zu, daß 
sie jemals eine fleißige, tüchtige Hausfrau werden würde; eine 
solche aber müsse Georg haben, wenn er vorwärts kommen wolle 
und der Hof in guter Ordnung bleiben solle; sie wisse, wie 
sie habe arbeiten müssen. Etwas Wahres war daran; Gertrud 
war von ihren Eltern von jeher als die Schönheit der Familie 
angesehen worden; man erwartete von ihr. daß sie infolge 
ihrer Schönheit eine glänzende Partie machen werde, und 
glaubte sie am besten darauf vorzubereiten, indem man sie 
allerlei, aber nichts Rechtes lernen ließ. Sie trommelte etwas 
Klavier, hatte mittelmäßigen französischen Unterricht erhalten, 
machte niedliche überflüssige Handarbeiten, überlegte mit ihrer 
Mutter stundenlang, was ihr am besten stand, und brannte 
sich ihre blonden Haare oftmals am Tage; daneben liebte und 
küßte sie ihren Georg. Auch ihren Eltern war die Verlobung 
mit Georg nicht so ganz nach dem Sinne gewesen, obgleich 
sie nicht so sehr dagegen waren wie Georgs Eltern. Sie 
vermeinten nur, in der naiven Bewunderung ihres schönen 
Kindes, daß sich eigentlich für Gertrud ein ganz anderer 
Bewerber hätte finden müssen. Das Verhältnis der beider 
seitigen Eltern war somit kein warmes, ohne gerade unfreundlich 
zu sein. 
Das Unglück wollte nun, daß der Tierarzt Werdau 
einige Pferde nach Berlin zu liefern hatte und auf den 
Gedanken kam. seinen Sohn Georg damit zu beauftragen. 
Der Junge hatte sich so prächtig, so überaus tüchtig gemacht, 
er wollte ihm eine Anerkennung zu teil werden lassen, ihm
        
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