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Periodical volume 2. Oktober 1897, No. 40

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Draußen auf dem Anger, wo sonst die Gänse geweidet, 
von dem sie aber nun unter lautem Geschrei geflohen waren, 
exercierte der Tierarzt die Bürgergarde ein. Die Wahrheit zu 
sagen, er ging höchst despotisch mit der Bürgergarde, überhaupt 
mit ganz Neustadt um; aber niemand nahm ihm das übel, er 
wußte ja so viel und so schön über die Freiheit zu sprechen, 
da ließ man es sich gefallen, hielt es wohl gar selbst für Freiheit. 
Einmal, an einem dunkeln, schwülen Sommerabend, hieß 
es: „die Harzer kommen, zu sengen und zu brennen". Wie 
das Gerücht entstanden, das wußte niemand. Ganz Neustadt 
war erfüllt von dem Geschrei der Frauen und Kinder, und 
es währte geraume Zeit, bis selbst die Löwenstimme des 
Tierarztes sich Gehör verschaffte. Werdau traf seine Bestim 
mungen, die Frauen mußten kochendes Waffer bereit halten, 
die Kinder große Steine zusammen tragen. Beides wurde 
auf die Hausböden geschleppt und sollte auf die „Harzer" 
herab geschleudert werden. Es wurde gerüstet wie im dreißig 
jährigen Kriege. Niemand fragte, was die Harzer — es 
waren doch auch Menschen wie die Neustädter, in ähnlichen 
Verhältnissen lebend — denn eigentlich in Neustadt wollten. 
Niemand — vielleicht meinen Vater ausgenommen — hatte 
so viel Nachdenken, die unsinnige Nachricht ihrer völligen 
Haltlosigkeit wegen abzuweisen. Die Harzer kamen natürlich 
nicht, aber Neustadt hatte das kostenlose Vergnügen großer 
Aufregung während eines Abends, einer ganzen Nacht gehabt. — 
(Fortsetzung folgt.) 
Eine Äotmi^ollern-AoH^it vor 
Im 16. Jahrhundert war es Sitte, stellenweise auch Un- 
fittle geworden, Familienereignlsse wie Hochzeiten, Kindtaufen, 
ja selbst Sterbefälle mit vieler Pracht und großem Aufwand 
zu feiern. Zu den glänzendsten Festlichkeiten dieser Art gehört 
die am 11. Oktober 1598 zu Hechingen gefeierte Vermählung 
des Grafen Johann Georg, des ersten Fürsten von Hohen- 
zollern-Hechingen, mit der Wild- und Rheingräfin Franziska, 
Gräfin zu Salm. 
Der Reutlinger Schulrektor Jakob Frischlin hat die ge 
samten Hochzeitsfeierlichkeiten in „Drey schöne und lustige 
Bücher" mit mehr als 4400 gereimten Versen beschrieben, die 
er also anhebt: 
Ich hab ein Lust, ein Freud und Mut, 
Dann mich beim Oh.en rupfen tut 
Apollo vom Berg Cyntho her, 
Führt mich auf ein Meer weit und ferr (fern), 
Von mir begehrt ein schön Gedicht. 
Drum ist mein Mut hier aufgcricht, 
Und treibt mich da am allermeist 
Mein sinnreich und Poeten Geist, 
Mein guter Mut und geneigter Will 
Gegen den Grafen gsinnet vil, 
Welcher sich Eitel Friedrich nennt, 
Den man im Römschen Reich wohl kennt; 
Denn er kommt von eim alten Stamm, 
Von Zollern her ganz lobesam, 
Daß ich seiner Gnad jungen Sohn, 
0 Aus: Hohenzolleni. Bilder aus der Gegenwart und der 
Vergangenheit der Stammlande des Deutschen Kaiserhauses. 
Von Hofrat Dr. K. Th. Zinglcr. Mit 20 Abbildungen. Stuttgart, 
Paul Reff Verlag. Preis gebd. 3 M. Wir bringen diese vorzügliche 
Schrift hiermit aufs neue in empsehlende Erinnerung. 
Von hohem Stamm geboren schon, 
Hans Georgen, welcher hat gestudirt, 
Dadurch er seinen Wappen ziert, 
Dann er Lateinisch ziemblich schreibt, 
Mit Büchern seine Weil vertreibt, 
Der Bräutigam zu dieser Frist, 
Welchem ein Hochzeit zugerüst, 
Ganz fürstlich schön mit aller Pracht 
Und Herrlichkeit sein Votier macht. 
Dieselbig ich da beschreiben will 
Mit schön Versen und Reimen viel, 
Der ganzen Hochzeit löblich Fest 
Und alle seine werte Gäst. 
In dieser Herbst Vacation (Ferien), 
Da ich sonst nichts zu schaffen han. 
Außer der ungemein genauen, wenn auch langatmigen 
Beschreibung Frischlins hat die Hochzeit auch der berühmte 
Baseler Arzt und Professor Felix Platter beschrieben, der im 
Gefolge des Markgrafen Georg Friedrich von Baden daran 
teilnahm. Beide Schilderungen geben ein merkwürdiges Bild 
von einer Hochzeit großen Stils, von der Prachtliebe des 
hohen Adels jener Zeit. Nach dem Hechinger „Generalfurier 
zettel" sind 984 Personen, Männer und Frauen, darunter 68 
„wohlgeborene", d. h. hochadelige Fürsten, Grafen und Frei 
herren, und 148 „vom Avel" in Hechingen beherbergt und 
„ausgespeist" worden. Hierzu kamen noch 865 Reit- und 
Fuhrpferde. Es ist kaum zu begreifen, wo diese große An 
zahl von Menschen und Pferden alle in dem kleinen Hechingen, 
das selbst nicht 1000 Einwohner zählte, untergekommen find. 
Allerdings war man in jenen Tagen etwas weniger anspruchs 
voll hinsichtlich des Wohnens und der Unterkunft als zu 
heutiger Zeit. Die vornehmsten und vornehmen Gäste wohnten 
in dem sehr stattlichen Refidenzschloffe, das schöne und viele 
Räume enthielt. 
Nachdem am 10. Oktober schon die Mehrzahl der Gäste, 
fast alle mit großem Gefolge, eingeritten war, fand am 
Hochzeitstage selbst, Sonntag, den 11. Oktober, der feierliche 
Einzug der Braut statt. Diese kam über Haigerloch von Sulz 
her. wo sie die Nacht zugebracht hatte. Nicht weniger als 
500 Bewaffnete, alle in neuen Kleidern, bildeten Spalier vom 
Schlosse abwärts. Graf Eitel Friedrich und fein Sohn, der 
Bräutigam, ritten mit einem Gefolge von 120 Pferden der 
Braut entgegen. 
Auf einer großen Wiese, unweit Hechingen. stieß man 
auf den Hochzeirszug. den Markgraf Georg Friedrich anführte. 
Felix Platter erzählt: 
„Da begegnete uns Graf Eitel Fritz zu Zollern, der 
Vater mit seinem Sohne, dem Hochzeiter. Grafen Johann 
von Zollern, samt etlichen Grafen. Herren und Adeligen mit 
120 Pferden. Sie ritten zierlich und herrlich geputzt unter 
den Fanfaren von sechs Trompetern um der Hochzeiterin 
Wagen, und es verteilten sich die Grafen und Herren, die 
Adeligen und Reisigen unter die übrigen, die vor dem Mark 
grafen und hinter demselben ritten. So rückten wir fort gegen 
das Städtchen Hechingen. Da schoß man ab (der Burg) Hohen- 
zollern mit großen Stücken (Kanonen), und es geschah der 
Eintritt des etliche Hundert starken Zuges um 5 Uhr in der 
oben beschriebenen Ordnung. In der Mitte des Zuges fuhr 
die Hochzeiterin, neben ihr die Markgräfin von Baden, ihre 
Schwester, in einem offenen, köstlichen Wagen und ließ sich
        
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