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Periodical volume 25. September 1897, No. 39

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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lichten Wiesenaue, am Rinnsal des Mühlenfließes, lag Lichte- 
now; am Stienitzsee lag Stienitz; am Stolp-, Kalk- und Flaaken- 
see hatten wendische Fischer ihre Fischerhütten, Keiza genannt, 
woraus Kietz entstanden ist; Köpernitz^lag zwischen Heidekrug 
und Liebeuberg, Prelanki zwischen Klein-Wall und Schmalenberg 
(großer Wall), beide im bienenreichen Walde an Wasser und 
Wiese. Natürlich war die Seßhaftigkeit noch nicht allzu groß. 
Ziemlich in der Mitte der beschriebenen Landschaft lag 
Baberow. Hier, am Baberowsee. war jedenfalls eine Stätte 
heidnischer Anbetung, ein Tempel, worauf der Name Baberow 
und ein bis zur Mille dieses Jahrhunderts sichtbar gewesenes 
Pfahlwerk hindeuten. Der Name baberow, babin, bedeutet 
nach Anficht Kloedens für die Slaven einen heiligen Ort. die 
Stätte der Anbetung der Göttin baba 2 ). Das slavische Wort 
baba ist zu übersetzen: altes Weib, Altmutter, Großmutter. 
Es bezeichnet im slavischen Volksaberglauben noch heute ein 
„göttliches" Wesen. In Böhmen z. B. 
werden schwere Regenwolken als baby be 
zeichnet; man sagt, die Altmütter erheben 
sich. es wird ein Gewitter kommen. 
J«,i russischen Volksglauben spielt eine be 
sondere Nolle die Baba-Sage. Die baba 
erscheint vereinzelt als hilfreiche Alte, 
die dem verirrten Burschen den Weg zeigt, 
ihn zu ihren Brüdern, dem Wind, 
der Sonne, dem Mond schickt; häufiger 
v"rtrilt sie die Stelle der Hexen im 
deutschen Märchen. Sie lebt tief im 
Walde und wohnt in einer Hütte, die 
auf Hühncrfüßen steht. 
In der Mark Brandenburg finden wir 
den Namen babin 3 4 ) noch zweimal. Im 
Kreise Königsberg i. N. führen zwei Vor 
werke diesen Namen. In der Westpriegnitz 
giebt es ein Dorf Boberow, das möglicher 
weise aufdenselbenUrsprung hinweist. Babels- 
berg. früher Baberow. Babcrtsberg. will 
man vom wendischen baber-Biber ableiten. 
Die im Baberowsee gefundenen Pfahl 
baureste hat man, obschon. wie auch 
Trinius ^) bemerkt, keine einleuchtenden 
Gründe dafür sprechen, in Verbindung mit der Mönchsan 
siedelung gebracht. Trinius neigt zu der Annahme, daß diese 
primitiven Kulluiüberreste weit sicherer auf eine viel frühere 
Epoche zurückweisen. Vielleicht wäre er in seinem Urteil 
noch weiter gegangen, wenn er statt des Namens Barbara 
(als Bezeichnung für den See) den richtigen Namen Baberow 
gehört hätte. Die Volksüberlieferung bringt übrigens durchaus 
nicht, wie so oft behauptet wird, Kloster und Pfahlwerk in Zu 
sammenhang. 
Manche wendischen Tempel lagen bekanntlich mitten in 
einem See, wie z. B. der zu Rethra in Mecklenburg, an 
dessen Stelle später die Prämonstratenser das Kloster Broda 
Pralln ücsien-Weeülatt. 
2 ) Vergleiche: K. Schwenk, Mythologie der Germanen und Slaven. 
— Meyers Konversations-Lexikon, baba. — Brofien, Geschichte der Mark 
Brandenburg im Mittelalter. 
3 ) Gcmcindelexikon für das Königreich Preußen, Band HI, Stadt 
kreis Berlin und Provinz Brandenburg. 
4 ) Trinius, Märkische Streifzüge, Band II, S. 157. 
errichteten. Das Heiligtum war meist ein einfacher Holzbau, 
der mit einem grell bemalten Dache bedeckt war. Die Bretter 
wände zeigten Verzierungen, die sich auf den Mythos der 
Gottheit bezogen. Der innere Raum war durch Vorhänge 
in ein Heiliges und ein Allerheiligstes geteilt; in des letzteren 
Mitte stand das Götzenbild. 
Vom besagten Pfahlwerk—mächtige in den See eingerammte 
Eichenstämme — ist. nachdem um die Mitte dieses Jahrhun 
derts die letzten Reste mit großer Mühe entfernt worden find, 
jede Spur völlig verschwunden. Der See sendet mit leisem 
Geplauder seine dunklen Wellen nunmehr über die einstmalige 
slavisch-heidnische Anbetungsstätte hinweg bis dicht an den Fuß 
eines bis zu 4 m über den Wasserspiegel sich erhebenden 
Hügels, welcher von luchigen Wiesen, den Rühlechen 3 ) und 
Klölchen, umsäumt wird. Es ist der Klosterhügel, die erste 
christliche Kulturstätte dieser Gegend, heute ein Kossäteuhof. 
Als die Nachkommen Albrechts des 
Bären sich in der ersten Hälfte des 13. Jahr 
hunderts in den Besitz des Barnim und 
Teltow setzten, waren die Slaven hiesiger 
Gegend, wie behauptet wird. dem 
Christentum noch abgeneigt 3 ); sie standen 
auch, als die Markgrafen über sie zur 
Herrschaft gelangten, noch unter keiner 
kirchlichen Inspektion. 
Indessen hat sehr wahrscheinlich ihr Be 
herrscher Jaczo schon die christliche Religion 
angenommen, und die Slaven haben, auf 
allen Seilen von Christen umgeben, sich 
unmöglich jedes Einflusses des Christentums 
auf ihre Denk- und Lebensweise erwehren 
können, weshalb sie auch, wie wir bald sehen 
werden, in kurzer Zeit ganz fromme 
Christen wurden. 
Bekannt ist. was die Sage von Jaczo 
berichtet?). Nach ihr soll er von Albrecht 
dem Bären geschlagen sein und sich 
plötzlich von den Seinen getrennt ge 
sehen haben. Da, so heißt es, gab er 
seinem Pferd die Sporen und j g c in 
wildem Lauf davon, bis er sich unverhofft auf 
einer Landzunge an der Havel bei Pichelsdorf befand, wo ihm 
jeder Rückweg abgeschnitten war. In höchster Lebensnot stürzte 
er sich mit seinem Pferde in die Flut. Mitten im Strome fühlte er. 
daß sein Pferd dem Sinken nahe war. Da rief er in seiner 
Todesangst: „Die Götter meiner Väter haben mich verlaffen, 
Gott der Christen, rette mich. so bin ich Dein ewiglich!" Er 
kam auch glücklich an das jenseitige Ufer. So ward die 
Havel selbst des Heiden Taufbecken. Wo er gelandet, hing 
er als Zeichen seiner Errettung seinen Schild an eine Eiche, 
an jener Stätte, die noch heut den Namen Schildhorn trägt. 
Nach dem Friedensschlüsse mit Albrecht dem Bären zog er sich 
in seine Residenz Köpenick zurück, lebte fortan als Christ und 
°) Abzuleiten von Ruhe, eine selten vorkommende Verkleinerung; 
die sich z. B. sprichwörtlich in der Bedeutung Schlaf findet in: „Ein 
gutes Rühle Geht über ein gutes Brühlc." Sanders, Wörterbuch der 
deutschen Sprache. 
°) Vergleiche: Riedel, die Mark Brandenburg im Jahre 1250. 
Band II, Seite 5-80. 
2 ) Vergleiche: Schwartz, Sagen und alte Geschichten der Mark 
Brandenburg, Seite 29.
        
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