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Periodical volume 25. September 1897, No. 39

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Preußen und das Kaiserliche Post-ZeitunLsamt 
Von B. E. König. 
In keinem anderen Kulturkande der Erde ist das Zeiiungs- 
wesen von seinem Entstehen an so mit dem Postinstitut und 
dessen allmählicher Entwickelung verschwistert gewesen, wie in 
Deutschland. Beide haben zusammen ihre Kindheit durchlebt 
und haben miteinander den gegenwärtigen hohen Grad ihrer 
Ausbildung erlangt. In Preußen war sogar im 17. Jahr- 
hunden das Wort Postmeister vielfach gleichbedeutend mit 
Zeitungsschreiber. In Brandenburg-Preußen entstand 
nämlich die erste politische Zeitung unter der Regierung 
des Kurfürsten Georg Wilhelm. Durch kurfürstliche Per. 
ordnung vom 23. Januar 1632 erhielt der Botenmeister 
(Postmeister) Beit Frischmann in Berlin den Druck und 
den Verlag der „Staats-Zeitung" übertragen. Diese Ueber- 
tragung begründete zugleich die Befugnis der Postbeamten 
zum Debit der Zeitungen. Derselbe erfolgte bis zum Jahre 
1820 für eigene Rechnung der Postbeamten. Zwar hatten sie 
aus der Einnahme gewisse Büreaubedürfnisse zu bestreiten; 
ihr Gewinn war aber immer noch ein erheblicher. Aus der 
Zeit des Kurfürsten Georg Wilh.Im datiert auch die Ent- 
stehung der postamtlichen Zeitungsberichte. Um nämlich 
von den Ereignissen in jener bewegten Zeit sofort unterrichtet 
zu werden, mußten die Postverwalter in Tangermünde, 
Havelbcrg, Rathenow und Spandau täglich Berichte einsenden. 
Ans dieser Anordnung entwickelten sich die postamtlichen 
Zeitungsberichte, welche seit 1782 allmonatlich dem General- 
Postamte zu Berlin zu erstatten waren. Sie find erst im 
Jahre 1848 aufgehoben worden. Den Postmeistern lag es 
ob, sich über die einschlägigen Verhältnisse des Orts und dessen 
Umgebung stets auf dem Lausenden zu erhalten, um möglichst 
zutreffende Berichte erstatten zu können. Letztere erstreckten sich 
auf Witterung, Zustand und Beschaffenheit der Landstraßen, 
Preise der Konsumtibilien, Höhe des Arbeitslohnes. Mortalität, 
Krankheiten, Viehseuchen. Unglückssälle, Beschaffenheit der 
Fabriken, der Gewerbe und des Handels, sonstige polizeiliche 
und Verwaltungsgegenstände, wichtige Militär- und Grenz 
sachen u. a. m. Diese Berichte, welche der „Staats-Zeitung" 
in Berlin zur Benutzung übergeben wurden, scheinen ursprüng 
lich den Zweck gehabt zu haben, dem Herausgeber derselben 
die Ausgaben für besondere Korrespondenten zu ersparen. 
Die Postmeister bezogen die bei ihnen abonnierten 
Zeitungen anfangs mit der Reitpost portofrei und erhoben 
von den Bestellern eine Provision in Form eines Zuschlags 
auf den Abonnementspreis. In einzelnen Fällen bezogen sie 
die bei ihnen bestellten Zeitungen direkt von den Verlegern, 
meist jedoch bedienten sie sich der Vermittelung der Postmeister 
an den Verlagsorten oder für ausländische Zeitungen der 
jenigen der Grenzeingangs-Postanstalten. Allgemach wurde es 
Regel, neben der schon erwähnten Provision noch einen Rabatt 
bis zu 25 Prozent vom Verleger zu beziehen. Den Post 
meistern war es überlassen, die Höhe der Provision zu be 
stimmen, doch sollte sie für inländische Zeitungen nicht mehr 
als die Hälfte und nur ausnahmsweise drei Viertel des Ein 
kaufspreises betragen. Im Jahre 1818 erging die Vorschrift, 
haß die Provision für inländische Zeitungen höchstens ein 
Drittel, für ausländische Blätter höchstens die Hälfte des 
Einkaufspreises betragen dürfe. Unter solchen Umständen er 
scheint es erklärlich, daß sich die Bezugspreise für ein und 
dieselben Blätter in den einzelnen Orten sehr verschieden 
stellten. So kosteten beispielsweise im Jahre 1818 aufs 
Vierteljahr die „Vossische" und die „Spenersche Zeitung" in 
Berlin je 28, in Cleve 38, in Cöln 40, in Aachen 48 und 
in Danzig 60 Groschen; die „Cölnische Ztg." in Cöln 20, 
in Halberstadt 22, in Aachen 27 und in Minden 40 Groschen, 
und die „Breslauer Ztg." in Breslau selbst 30, in Danzig 48, 
in Reiße 54 und in Paderborn 60 Groschen. 
Trotzdem erfolgte gegen Ende des vorigen Jahrhunderts 
der Zeitungsbezug nur im Postdebitswege, und die Post 
meister sahen sich thatsächlich im Besitz eines Monopols für 
den Zeitungsvertrieb. 
Gegen das Ende des zweiten Jahrzehnts des gegen 
wärtigen Jahrhunderts war die Zahl der von den preußischen 
Postanstalten debitierten Zeitschriften bereits auf 388 an 
gewachsen, unter welchen sich 145 politische Zeitungen und 
243 nichtpolitijche Blätter bestanden. Zu dieser Zeit machte 
sich der Mangel fester Vergülungssätze für den Postzeilungs- 
vertrieb immer fühlbarer, und es erfolgte in den Jahren 1820 
und 1821 eine Regulierung des Zeitungsprovisionswesens. 
Das Regulativ vom 15. Dezember 1821 bestimmte zunächst, 
daß jedermann das Recht habe. seine Zeitungen unmittelbar 
vom Verleger zu beziehen, und zwar unter Kreuzband gegen 
ein vom Verleger zu entrichtendes, auf alle Entfernungen 
gleich bleibendes Porto. Für die inländischen Zeitungen 
wurde letzteres auf 4 Pfennig für den ganzen. 2Vs Pfennig 
für den halben und 1^ Pfennig für den Viertelbogen (Bei 
blätter) festgesetzt. Für ausländische Blätter waren für den 
ganzen, halben und Viertelbogen die Sätze auf 5, 4 und 
2^/2 Pfennig bestimmt. 
Sodann regelte das Regulativ die Provision für die auf 
dem Wege des Postdebits bezogenen Zeitungen dahin, daß an 
Provision zu dem Einkaufspreise nicht mehr zugeschlagen 
werden dürfe, als das Porto nach den vorstehend angegebenen 
Einzelsätzen beiragen würde. 
Am 30. November 1821 wurde über die Verteilung der 
Provision bestimmt, daß dem Verlags-Postamt außer dem vom 
Verleger zu zahlenden Rabatt ein Drittel der Provision, dem 
Absatz-Postamt zwei Drittel derselben zukommen sollten. Vom 
1. Januar 1822 ab hatte jeder Postmeister, welcher mehr als 
100 Thaler jährlich an Zeitungsgebühr bezog, einen nach be 
stimmten Prozentsätzen steigenden Teil zur Postkasse zu ver 
rechnen. Von gleicher Zeit ab wurde die Einrichtung des 
„Zeitungskontors" in Berlin verfügt, welches unter der 
Oberleitung des General-Postamtes das Zeitungsgeschäft in 
Berlin für unmittelbare Rechnung der Postkasse verwalten sollte. 
Gegen Ende 1822 erschien der erste amtliche Zeitungs- 
Preiscourant. Er enthielt 474 Nummern, und zwar 160 
politische Zeitungen (darunter 73 in deutscher Sprache) und 
163 nichtpolitische Tages- und Wochenblätter (darunter 126 
in deutscher Sprache). 
Die Uebernahme des gesamten Zeitungsdebits auf Staats 
rechnung erfolgte am 1. Januar 1825. Die Zcitungsemolumente 
der Postbeamten wurden von diesem Tage ab aufgehoben und 
Zeitungsprovifionen und Rabatt zur Postkasse eingezogen. 
Von da ab wurde den« Zeitungswesen seitens der
        
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