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Periodical volume 18. September 1897, No. 38

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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reiche Geschäfte, das Münchener Bürgerbräu und das Cafe Kerkau in 
ihm Aufnahme gefunden. In der ersten Etage hat seit Anfang d. I. 
das „Kleine Journal" seine Hauptfiliale errichtet und gleichzeitig 
eine Menge von Wohlfahrtseinrichtungen (Lesehalle mit Zeitungen und 
Zeitschriften oller Art, auch den Adreßbüchern oller Städte, Annahme 
von kostenlosen Inseraten für Stellungsuchende u s. w.) veranstaltet. 
Unter anderem hat es die beiden Säle, über die cs verfügt, für Unter 
nehmungen, welche wohlthätige, gemeinnützige, künstlerische und litterarische 
Zwecke verfolgen, kostenlos zur Versügung gestellt. Dieselben sind denn 
auch schon vielfach zu Ausstellungen aller An (Professor Hertel, Max 
Rabes, Verein zur Verbesserung der Fraucnkleidung u. s. w.) und zu 
Konzerten in Anspruch genommen worden. Neuerdings ist die Filiale 
des „Kleinen Jourual" von dem Berliner Bär," einer Gesellschaft 
mit beschränkter Haftpflicht, an deren Spitze die Herren Alfred Stctten- 
heim und M. Kluge stehen, übernommen worden. Die Haupifilialc 
des „Kleinen Journal" bleibt bestehen, doch widmet sich dieses „Central- 
Büreau für Industrie. Gewerbe, Sport und Verlags- 
untcrnchmungcn" außerdem allen Ausgaben bezw Arbeiten, die in 
folgende Abteilungen fallen: Abteilung I: Permanente Industrie-, Ge 
werbe- und Sport-Ausstellnng. (Jeder Kunde des „Berliner Bäe" kann 
kostenlos ausstellen.) Abteilung II: Annoncen-Annahme für sämtliche 
Zeitungen der Welt. Abteilung III: Informationen über Bäder, Aus 
stellungen u. s. w. Abteilung IV: Centrale für alle Sportzweigc. Ab 
teilung V: Vcrlagsuntcrnchmungen aller Art. 
Bernhard von Bülow, Staatssekretär des Auswärtigen Amts 
(Mit Abbild, auf S. 453). An Stelle des Freiherrn Marschall von 
Bieberstein ist als Staatssekreiär des Auswärtigen Amts im Sommer 
d. I. der bisherige Botschafter in Nom, Bernhard von Bülow, ge 
treten. Derselbe, am 3. Mai 1849 geboren, ist noch verhältnismäßig 
jung, doch geht ihm ein bedeutender Nuf als Staatsmann und Redner 
voran. Nachdem er seine akademischen Siudieu (Rechts- und Staats- 
wisscnschaftr vollendet, wurde er Staatssekretär in Rom, dann in Peters 
burg und Wien. Während des russisch-türkischen Krieges 1871 u. 78 
war er Geschäftsträger in Athen, wurde nach Beendigung desselben dem 
Sekretariat des Berliner Kongresses beigcgebcn und war 1879—1884 
zuerst zweiter, dann erster Botschaitssekrctär in Paris. Im Jabre 1884 
wurde er zum Botschaftsrat in Petersburg und im Jahre 1888 zum 
Gesandten in Bukarest ernannt. Während er in Bukarest war, wurde 
der deutsch-rumänische Handelsvertrag abgeschlossen. Im Dezember 1893 
erfolgte seine Ernennung zum Botschafter in Rom. Hier nahm er bei 
Hofe sowohl wie auch in der sonstigen Gesellschaft, zu der er durch seine 
Gemahlin, eine Stieftochter des verstorbenen italienischen Staatsmannes 
Minghrtti, intime Beziehungen hatte, eine sehr angesehene Stellung ein. 
Viel b.merkt wurde sein Besuch in Fricdrichsruh beim Fürsten Bismarck 
in Begleitung des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe. Aus demselben 
glaubt uian folgern zu dürfen, daß er die Absicht habe, in seiner Amts 
führung an die Traditionen des alten Kurses anzuknüpfen. 
Zwei merkwürdige Dörfer in der Mark. Von dem märk.schcn 
Touristenklub sind in bet Mark, südlich von Lübbenau, zwei merkwürdige 
Dörfer entdeckt worden. Er berichtet darüber in seinen neuesten Mittei 
lungen: Das eine Dorf ist Klein-Klessow, es zählt nur vier 
Nummern mit im ganzen vier Familien. Von den vorhandenen vier 
Hauswirten bilden drei die Ortsbchörde: einer ist Gemeinde-Vorsteher, 
die beidin anderen sind die Schöffen, und der letzte mit seiner Familie 
bildet das „Volk". — Während nun dieser Ort keine Gastwirtschaft 
hat, besitzt das nicht viel größere Dorf Groß-Klessow deren zwei 
mit voller Schankgerechtigkeit. Bei der geringen Einwohnerschaft (etwas 
über 200, darunter also höchstens 40 trinkfeste Männer) würden beide 
Wirtschaften zu gleicher Zeit nicht gut bestehen können, die Inhaber 
wechseln daher von Jahr zu Jahr mit der Ausübung ihres Gewerbes 
ab, so daß immer nur eine der beiden Gastwirtschaften offen ist. 
In der Sylvcsternacht Punkt 12 Uhr wird dann diese geschlossen, und 
die vorhandenen Gäste siedeln nach der anderen Schänke über. Der 
auf ein Jahr „zur Disposition" gestellte Wirt von Nr. 1 wird dann 
Gast des zweiten und so weiter abwechselnd. 
Uerelns - U achrkchte u. 
Gesellschaft für Heimatkunde der Provinz Brandenburg zn Berlin. 
Außerordentliche Versammlung am 4. September. 
Im Saale der BerlinerSchützengilde zu^Mnbolzltnttcn sich die 
Mitgliedcrder „Brandenburgia" und deren Gäste rcchrznywnch eingefundcn. 
Gegen 5 Uhr wurde die Sitzung vom Herrn Gehcimrat Friede! in dem 
„seit 1884 neuen Heim der alten Gilde" eröffnet, und dem Gildevorstand 
der Dank für den bereitwilligst gestatteten Besuch ausgesprochen. 
Hierauf verbreitete Herr Kustos Buchholz sich zunächst über die 
Vergangenheit von Schönholz. Eine der irrigen Annahmen läßt das 
dortige „Schloß" für die „schöne Gießerin Anna Sydow" erbaut worden 
sein. Dagegen gewährt Nicolai einen sicheren Anhalt in seiner Be 
schreibung von Schloß und Park Nieder-Schönhausen, dem Besitztum der 
Gemahlin Friedrichs des Großen. Nachdem er berichtet, daß in dem 
nach Beendigung des siebenjährigen Krieges wiederhergestellten Park ver 
schiedene Gewächs- und Treibhäuser errichtet und auch einige Zimmer 
für den Seidenbau bestimmt wurden, fährt er fort: „Zu dem letzten 
Endzwecke war bereits 1743, am Ende der vom Schlosse abgehenden 
Charlottenburgischen Allee, im Walde eine weitläufige, eingehegte 
Plantage von vielen Maulbeerbäumen gepflanzt worden. In dieser 
Plantage wurden zugleich allerlei schöne Sorten Obstbäume gepflanzt 
und, nach der eigenen Angabe der Königin, innerhalb derselben ein sehr 
anmutiges Lustwäldchcn von allerlei wilden und zum Teil fremden 
Bäumen angelegt zwischen welchen drei Weinberge befindlich sind. Die 
in mannigfaltiger Richtung angelegten Alleen sind nunmehr oben zusammen 
gewachsen und stellen natürliche Bogenlauben vor. Dieses Lustwäldchen 
ist besonders int Juni, wenn die vielen darin angelegten wilden Rosen 
sträuche und Bäume und die Akazien blühen, äußerst anmutig." 
Jene Anlage, von der Spuren noch vorhanden sind, führte ursprüng 
lich die Bezeichnung „Königin-Plantage" und war uni 1772 mit zwei 
Kolonisten angesessen; 1808 tritt der Name Schönholz zum ersten Mal 
auf. Das dortige Schloßgebäude, dessen Alter sich auf 100 Jahre bc- 
ziff.rn läßt, wurde 1814 renoviert. Nicht erwiesen ist die Annahme, 
daß hier eine politische Unterredung der verewigten Königin Luise mit 
Hardenberg stattgefunden hat. Seil 1884 ist Schönholz in nähere 
Verbindung mit der Schützcnaildc getreten. die eine halbtausendjährigc 
Geschichte hat. 
Bezüglich der Entstehung der Schützengilden sei aus des Redners 
Vortrag nur hervorgehoben, daß dieselben ursprünglich keine geschlossenen 
Vereinigungen bildeten, auch ist die Entstehungszeit der „Pfeilbrüder- 
schastcn" nicht bekannt. Gegen Ende des elften Jahrhundens stifteten 
sie bereits Kirchcnaltäre, Geistliche gehörten zu ihren Mitgliedern, wie 
sie auch besonderer Vorrechte sich erfreuten. Das Ziel des Bogenschusses 
waren anfänglich lebendige Vögel; mit der Armbrust schoß man nach 
einem hölzernen „Papagey", an dessen Stelle später der Adler trat. 
Der Berliner Schüwni'childe acschiebt zuerst in dem „Wochcnbuch 
des Rathes" vom Jahre 1504 Erwähnung, und zwar bei einer Aus 
gabe von 1 Schock und 22 Groschen für Wein und Bewirtung des 
Kurfürsten Joachim I. und seines Hofgesindes bei dem „Schntzcnbome, 
da nian hat nach dem Vogel geschossen." Sicherlich bestanden die 
Berliner und die gesonderte Köllnsiche Schützengilde schon um die Mitte 
des 15. Jahrhunderts. Das Wcttschicßen veranlaßte dann die Ver 
bindung mit auswärtigen Gilben. So erging 1510 seitens des Berliner 
Rates eine Einladung an den Brandenburger Rat zu einem gemeinsamen 
Schießen. Als Preise waren ein Ochse und andere „Klcinodia" aus 
gesetzt. Letztere bestanden, wie aus einer Notiz im Jahre 1524 hervor 
geht, aus „16 Hoscntüchern" zu je 32 Groschen. Im Jahre 1540 ge 
schieht eines Altars der Köllnischen Gilde in St. Peter (Pctrikirche) Er 
wähnung, und drei Jahre später erhielt diese Gilde eine „neue Ordnung". 
Danach sollte der Schützenkönig ein goldenes Ringelein und zwei Schock 
Geldes erhalten, auch bei feierlichen Gelegenheiten mit dem silbernen 
Königsvogcl dem Gottesdienste in der Kirche beiwohnen. Von der 
„Ordnung" der Berliner Gilde hat sich nur ein Peigamcntdcckel vor 
gefunden, auf dem jene als „erneuerte" bezeichnet ist 
Der Berlinische Schützenplatz, an den die „Alte Schützcnstraße" 
noch erinnert, lag zwischen den nach Bernau und Prenzlau führenden 
Heerstraßen (der jetzigen Neuen Königs- und Prenzlauerstraße). Da 
eines Schützengrabens Erwähnung geschieht, scheint ein früherer Platz 
am alten Stadtgrab.n in jener Gegend vorhanden gewesen zu sein. Der 
Köllnische Schützenplatz befand sich auf der sogenannten Mecklingswiese 
in der Lindcnstraßc; ihm verdankt die Schützenstraße ihren Namen. 
Während des dreißigjährigen Krieges hörten auch die Festlichkeiten 
der Schützengildcn auf — ihre sämtlichen Kleinodien wurden einge 
schmolzen. Erst 1654 fand die Wiedereinführung beider Gilden statt, 
aus welchem Jahre die noch vorhandenen beiden Siegel stammen. 
Dann hob König Friedrich Wilhelm I, welcher das „Schützcnspicl als 
Müßiggang" betrachtete, im Jabre 1727 beide Gilden auf. bis Friedrich 
der Große unterm 20. Juli 1747 die Errichtung der neuen und einzigen 
Berliner Schützengilde genehmigte. 
Aus jener Zeit waren die beiden Scheiben ausgestellt, noch denen 
(laut Umschrift) am 10. und 21. September das KLnigsschicß.'n zuerst 
abgehalten wurde. Die erste Scheibe zeigt das aufrecht stehende Wappen 
tier der Stadt, eine kleinere Scheibe uni den Mittelpunkt der großen mit 
seinen Tatzen haltend. Zur Linken steht ein von Bienen umschwärmtcr 
Korb. Die andere Scheibe zeigt den Königsadler mit Servier und 
Reichsapfel, auf dem der Scheibenmittelpunkt markiert ist. Von den be 
kannten drei kleinen Broncegeschützen stammen zwei aus der Zeit d.s 
großen Kurfürsten her. Ausgestellt waren u. a. noch die goldene Schützen 
kette und das prächtige Banner mit dem Motto „Vertrauen giebt Kraft" 
— ein Geschenk König Friedrich Wilhelms IV. zur Jubiläumsfeier 1847. 
Nunmehr erfolgte unter Führung des Herrn Gildevorstchers, Bank- 
assessor Wolff, und der beiden älteren Gildcmitglieder Fittbogen und 
Würth eine Inaugenscheinnahme der Schützenhalle, deren Wände ebenfalls 
von Scheiben mit den mannigfachsten, oft auf politische Begebenheiten 
bezüglichen Inschriften und bildlichen Darstellungen bedeckt sind. Von 
den Schießständen aus trat die Versammlung einen Rundgang durch die 
„Wildnis" an. d. h. durch den für Hochwild umzäunten Uebcrrcst der 
alten Waldung, deren Nicolai erwähnt. 
Hieran schloß sich ein geselliges Verweilen im Schützenhaus- 
Restaurant. F- Nt. 
Mch erlisch. 
Sechs deutsche National- und Kaiserhyinncil. Preiskompositioncn. Aus 
gabe für Pianosorte mit Text 1,50 M. Hannover, Louis Oertel. 
Von den 6 Liedern hat nur das erste, die „deutsche National- 
(Friedens-) Hymne" von Hugo Hartmann (Text von Julius 
Sturm) den weihevollen Schwung, jenes Eigenartige in Stimmung 
und Rhythmus, das man bei einer Hymne im eigentlichen Sinne er 
wartet. Davon abgesehen, sind auch die übrigen 5 Lieder schwungvoll,
        
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