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Periodical volume 11. September 1897, No. 37

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Der Schwan in der Mark. 
Von A. M. Witte. 
Jede Volksdichtung ist echte Poesie. Ueberall wird sie 
verstanden, weil sie überall lebt. So ist denn auch die Schwanen 
sage fast überall verbreitet. Die meisten Länder kennen 
den Schwanenritter, der aus unbekannten Ländern kommt und 
für die gute Sache siegt. Die Gründung des Hauses Bouillon 
durch den Schwanenritter ist der Mittelpunkt niederrheinischer 
Sagen. Die irische Sage von den Kindern Lirs. die in 
Schwäne verwandelt wurden, das Clevische Volkslied: „Er 
lenkte an der Hand den Schwan", die Oper Lohengrin, der 
Schwanensee bei Weimar, der Hohenschwangau in Bayern, 
die verschiedenen Schwäne als Wappenzeichen — sie alle 
weisen auf den gleichen Ursprung hin. 
Sogar in die großen Bewegungen evangelischen Lebens 
flicht sich das Bild des Schwans. Soll doch Huß (böhmische 
Uebersetzung des Namens Gans) auf dem Scheiterhaufen aus 
gerufen haben: „Heute tötet Ihr die Gans, aber aus der 
Asche fliegt der Schwan empor!" — eine Hinweisung auf 
Luther. 
Der Schwan verbindet britannische und fränkische Dichtung. 
Der Schwanenritter ist ein Meeresheld, wie im Beowulf-Liede 
das Meer der Schwanenpfad heißt. Die uralte Sage von 
dem zu Schiff gekommenen Helden hat durch das Bild des 
Schwans die romantische Verklärung erhalten, die sie in der 
Dichtung trägt. Am Niederrhein und in den Niederlanden 
werden häufig Einwanderungen fremder Meereshelden erwähnt, 
und in Geschichte und Sage berührt sich England häufig mit 
den Ländern des Rheins. — 
Ob Kurfürst Friedrich II, dem Eisernen, als er zu Ehren 
der heiligen Jungfrau 1540 den Schwanenorden stiftete, die 
Sage vom Schwanenritter vorschwebte, auf den z. B. der 
Clevische Schwanenorden hinweist, ist nicht festgestellt. Viel 
leicht aber dachte der Kurfürst daran, daß sein Vater, dem 
Schwanenritter gleich, aus der Ferne in die Mark kam, um 
mit siegreichem Schwerte Ordnung zu stiften, Unrecht zu be 
kämpfen und Zwietracht zu bannen. — 
Jedenfalls kam mit dem Herrschergeschlecht der Hohen- 
zollern aus dem Stammlande der Schwanensage — aus 
Franken — auch die Schwanensage in der Mark zur höheren 
Geltung. Das erhabene Geschlecht, das vom Fels bis zum 
Meer seinen Flug nahm, hat auch den Vogel des Lichts als 
eins seiner Symbole gepflegt. In der Urkunde des Schwanen 
ordens heißt es: 
„Damit wir unser Ende, gleich dem Schwane, zuvor be 
denken und uns darnach richten sollen, also, daß wir in 
dem Gewand der Unschuld befunden werden;" 
und Kurfürst Albrecht Achill sagt in einem Diplom 1484: 
„So wir Markgrafen von Brandenburg dasselbe Kurfürsten 
thum. auch das Fürstenthum des Burggrafenthums Nürn 
berg in dem heil. röm. Reich als freiedel Sachsen und 
Franken löblich hervorgebracht haben, also haben wir von 
desselben und solcher Freiheit wegen, zu einer Figur einen 
Schwan, einen freien und unbezwungenen Vogel, so er 
seiner Freiheit halber Frank genannt wird, mit an diese 
unsre Gesellschaft hängen lassen." 
„Der Franke ist frei", hieß es immer; ob „frank und 
frei" damit zusammenhängt, ist nicht sicher erwiesen. Be 
merkenswert aber ist, daß der Schwan, der eine neue Heimat 
auf den Havelseen bei Potsdam fand, dort auch zuweilen 
„Frauki" gerufen wird. 
Der Wasserreichtum der Mark war der Schwanenzucht 
sehr förderlich. Von allen Gewäffern Europas sind Havel 
und Spree ohne Frage vom Schwan bevorzugt; ob der freie 
Vogel aber noch in der Mark weilte, wenn er nicht dnrch 
Amputation eines Gliedes des rechten Flügels gelähmt würde, 
ist doch vielleicht zu bezweifeln. — 
Wilde Schwäne giebt es in der Mark nur noch am 
Ueckersee bei Prenzlau. Die Jagd auf diese Schwäne gilt 
nicht für edel und war besonders Kaiser Wilhelm I. sehr 
zuwider. 
Die Gesamtzahl der Schwäne bei Potsdam und Berlin 
schätzt man auf 2000. Sie werden alljährlich auf dem 
Depothof zu Potsdam oder bei Schildhorn, wohin auch die 
Schwäne aus Berlin gebracht werden, von dem Königlichen 
Fischermeister und seinen Leuten gerupft. Die Federn, die in 
die Hofkammer wandern, geben die Ausstattungsbelten der 
preußischen Prinzessinnen. Jeder Schwan wird dabei von 
vier Mann gehalten, da die Flügelschläge der Tiere furcht 
bare Kraft haben. Ein schwarzer Schwan ist eine Seltenheit, 
i Lichtrein ist des Schwanes Art, besonders in unsrer Zone. Dem 
entspricht sein Spiegel in der Dichtung — denn weiß 
und rein ist jede Heldengestalt, an die sich die Schwanen 
sage knüpft. 
Kleine Mitteilungen. 
Die St. Simeons-Kirche zu Berlin (Mit Abbildung auf Seite 437). 
In kurzer Zeit — wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des November — 
wird abermals ein neues Gotteshaus in der Reichshauptstadt seiner Be 
stimmung übergeben werden. Es ist dies die in der Wasserthorstraße 
neu errichtete St. Simeons-Kirche. Länger als 25 Jahre hat 
sich eine Gemeinde von über 40 000 Seelen nach diesem Gotteshause ge 
sehnt. In großer Geduld hat sie sich mit einer aus Holzfachwerk er 
bauten, nur 500 Sitzplätze umfassenden Jnterimskirche begnügt, bis Ihre 
Majestät die Kaiserin, die Notlage der Gemeinde würdigend, vor 
4 Jahren das Protektorat eines Neubaus übernahm und der Königliche 
Baurat Schmechten mit der Ausführung desselben betraut wurde. In 
bekannter Meisterschaft hat dieser cs verstanden, der Kirche, die in der 
Straßenfront und in unmittelbarem Anschluß an die benachbarten Häuser 
erbaut werden mußte, gleichwohl ein imponierendes und würdiges 
Aeußere zu geben. Der Uebergang von den auf beiden Seiten ge 
legenen Häusern zum Hauptportal der Kirche und dem darüber empor 
ragenden Turm ist überaus geschickt durch ein den Turmeingang 
flankierendes, um etwa 3 Meter vor diesen vorspringendes, in alt 
kirchlichem Stil gehaltenes Gemeindehaus vermittelt worden. In dem 
selben sind Wohnungen für den Küster, den Kirchendiener, den Heizer 
und drei Diakonissinnen eingerichtet worden; auch wird der Mädchenhort 
der Gemeinde darin untergebracht. Das Innere der Kirche zeigt eine getäfelte 
Decke unv herrliche Malereien in altkirchlichem Stil. Durch Verkürzung 
des Langschiffs und Verlängerung der Kreuzarme ist bewirkt worden, drtz 
alle Kirchgänger den Pfarrer auf der Kanzel sehen können. Die Gesamt 
kosten des Baus (abgesehen von der inneren Ausschmückung und abzüglich 
der Kosten des Gemeindehauses) betragen 358 500 Mk. Von di.sen bestritt 
der Fiskus 138400 Mk. Der Rest mit 222 100 Mk. ist zufolge Reso- 
luts des Königl. Polizeipräsidenten vorläufig von der Stadt bezahlt, 
doch hat diese die Klage auf Zurückerstattung angestrengt. Die innere 
Ausschmückung der Kirche ist durch Stiftungen, Geldgaben u. s. w. fast 
ganz von den Gemeindegliedern bestritten worden. Nachdem 50 000 Mk. 
für diesen Zweck freiwillig aufgebracht sind, fehlen noch 16 000 Mk. 
Für die Kosten des Gemeindehauses (80 000 Mk.) hat die Gemeinde ein 
Kapital ausgenommen, dessen Verzinsung von der Stadtsynode garan 
tiert ist.
        
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