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Periodical volume 11. September 1897, No. 37

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Karl werden sie mir doch nicht nehmen können. Seiner Liebe 
bin ich zu gewiß — nicht wahr, mein Freund?" 
Und sie legte ihr Köpfchen an seine Brust und sah ihm 
von unten tief in die Augen. 
Karl hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt, küßte 
sie herzlich und sagte: „Ja, mein Lieb, wir gehören unauf 
löslich zusammen, bis in den Tod." 
„Bis in den Tod!" wiederholte Arabella. 
Dann standen sie auf und gingen weiter. 
Die Frau hinter der Mauer war bewußtlos zusammen 
gesunken. — 
Vor dem Dorfwirtshause hielt ein kleiner Bauernwagen. 
Mit demselben war eine fremde Dame gekommen, die, nach 
dem sie den Wagen verlassen hatte, in den Park gegangen 
war. Jetzt kam sie zurück, bleich wie der Tod; sie schleppte 
sich nur mühsam vorwärts, sie mußte krank geworden sein. 
Als sie das Wirtshaus erreicht hatte, wandle sie sich in ge 
brochenem Deutsch an die Wirtsfrau und sagte: 
„Ich habe soeben den Rittmeister von Krummensee mit 
einer Dame gesehen." 
„Den alten oder den jungen?" 
„Den jungen. Wer war die Dame?" 
„Halte sie helle oder dunkele Haare?" 
„Dunkele." 
„Dann war es seine junge Frau, die Schwester hat helle 
Haare. Vor vier Wochen war Hochzeit." 
Die Dame sank, dem Umfallen nahe, auf die Bank vor 
dem Hause. 
„Die gnädige Frau find wohl krank — soll ich eine 
Tasse Thee machen?" fragte die Wirtin. 
„Nein, es ist nichts, es geht schon vorüber. Nur ein 
Glas Wasser!" 
Die Wirtsfrau holte schnell ein Glas Wasser. Die 
Dame trank es, bestieg dann wieder den Wagen und fuhr 
fort. — 
Ungefähr eine Woche später machte Karl mit seiner jungen 
Gattin einen Besuch bei Oppens. Sie fuhren in einem leichten 
Jagdwagen erst durch die eigenen Ländereien, welche schon zur 
Aufnahme der Wintersaaten vorbereitet wurden, dann durch 
ein Stück Kiefernwald. Jenseits des letzteren kamen sie an 
einen der langgestreckten märkischen Seen, auf dessen anderer 
Seite, nicht weit vom Ufer, die Besitzung des Herrn von 
Oppen lag. 
Eben landete ein Kahn, der ein paar Personen vom 
jenseitigen Ufer herüberbrachte. 
Karl fragte Arabella, ob sie Lust habe, mit dem Kahn 
überzusetzen, der Kutscher könne indessen um den See herum 
fahren. 
Als Arabella bejahte, stiegen sie ein. 
Das Wetter war prachtvoll. Wie ein blauer Spiegel 
lag der See vor ihnen, unbeweglich und schweigsam. Nur 
hin und wieder sprang ein Fisch in die Höhe, und das Wasser 
zog seine kleinen Kreise. Die überhängenden Baumzweige, 
das über mannshohe Schilf mit den schlanken Wedeln und 
den braunen Kolben spiegelten sich klar und deutlich in der 
blauen Flut ab. Es war ein Bild von überraschender Lieb 
lichkeit. 
Als sie sich dem andern Ufer näherten, deutete der Fähr 
mann mit dem Ruder auf ein dichtes Schilfgebüsch und sagte: 
„Do hebb ik se vorgestern funden." 
„Wen habt Ihr gefunden?" 
„De fremde Fru, de im See vertrunken is." 
Karl fragte nach den näheren Umständen, und der Fähr 
mann berichtete, daß vor länger als acht Tagen eine fremde 
Dame allein mit Extrapost gekommen sei und sich im Gasthofe 
ein Zimmer habe geben lassen. Einen Tag lang sei sie mit 
des Wirtes kleinem Wagen umhergefahren; sie wolle sich hier 
ankaufen, habe sie gesagt. Dann habe sie sich mehrere Tage 
gar nicht sehen lasien. Eines Abends aber sei sie herunter 
gekommen, habe über Kopfschmerzen geklagt und den Wunsch 
ausgesprochen, ein wenig auf dem See zu rudern. Er, der 
Fährmann, habe ihr einen Kahn geliehen; seine Begleitung 
habe sie abgelehnt, da sie ganz gut mit der Kahnführung 
Bescheid wisse, es ja auch ganz windstill sei. Als sie vom 
Lande abgestoßen, habe sie auch bewiesen, daß sie die Ruder 
zu handhaben verstehe. Sie sei aber nicht zurückgekommen. 
Als es Nacht geworden und sie noch immer nicht wieder 
dagewesen, seien mehrere von ihnen mit Kähnen und 
Laternen hinausgefahren, hätten gerufen und mit einer Pistole 
geschossen, aber nichts gesunden. Am andern Morgen, als es 
hell geworden, habe man sie aufs neue gesucht. Da habe 
man mitten aus dem See den Kahn treibend gefunden. In 
demselben hätten die Ruder gelegen, auch der Hut und der 
Mantel, von der Dame aber sei keine Spur zu entdecken ge 
wesen. Erst vorgestern früh, als er vom Fischen heim 
gekommen, habe er an dem Schilf etwas Rotes schimmern 
sehen. Als er mit dem Bootshaken hingefaßt, sei es die 
Leiche der fremden Dame gewesen. Und ein kostbares Kleid 
habe sie angehabt; bei dem Heranziehen mit dem Haken sei 
ein Stück abgeriffen. Hier sei es. Er griff in die Tasche 
seiner weiten Jacke und brachte ein Stück schweren, dunkelroten 
Seidenstoffes hervor, in welchen kleine weiße Adler gestickt 
waren. 
Karl war es. als habe er solchen Stoff schon irgendwo 
gesehen. 
Da die Leiche schon mehrere Tage im Wasser gelegen, 
so habe sie rasch beerdigt werden müssen, und so sei die Dame 
gestern begraben worden. 
Auch bei Oppens, wo Karl und Arabella aufs freund 
lichste empfangen wurden, lenkte sich das Gespräch natur 
gemäß bald auf das traurige Ereignis, das die Einförmigkeit 
des Landlebens in so schrecklicher Weise unterbrochen hatte. 
Herr von Oppen, der die gutsherrliche Gerichtsbarkeit 
über die zu seinem Sprengel gehörigen Dörfer besaß, hatte 
den Koffer der Dame öffnen lassen. In demselben waren 
verschiedene wertvolle weibliche Bekleidungsstücke und Schmuck 
gegenstände vorgefunden worden, auch eine Summe baren 
Geldes, aber nicht das geringste Schriftstück, das über die 
Person oder die Herkunft der Verunglückten hätte Aufschluß 
geben können. 
Es erhob sich nun eine Meinungsverschiedenheit darüber, 
ob ein Selbstmord oder ein Unglücksfall vorliege. 
Daß die Dame von vornehmem Stande war und nicht 
aus Not den Tod gesucht hatte, bewiesen die vorgefundenen 
Gegenstände. Auffallend war nur der Mangel jeder Legiti 
mation. Kam die Dame aus weiterer Ferne, so konnte sie 
doch nicht ohne Paß gereist sein, zumal sie ganz allein war.
        
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