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Periodical volume 23. Januar 1897, No. 4

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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„Und weshalb soll Sie das?" 
„Ich glaube, die Gnädige will ein Kränzchen machen, um 
das Bild eines ihrer früheren Anbeter, dessen Namenstag 
heule ist. zu schmücken." 
„Da darf ich Ihr wohl suchen helfen?" Dabei legte er 
den Arm um ihre Taille. 
„Ach. lasse Er doch! Wenn uns jemand sähe!" 
„Es sieht uns aber keiner, die schlafen alle wie die 
Murmeltiere." 
„Na. da komme Er wenigstens mit hinunter!" 
Lisette, das Kammermädchen der Frau Oberst Melanie, 
war ein kleines, zierliches Ding. Ueber die Blütejahre bereits 
hinaus, Halle sie in ihrer schmächtigen Gestalt jene behende 
Geschmeidigkeit behalten, die über Jugend und Schönheit hin 
wegtäuscht. Ihr Gesicht, ohne gerade schön zu sein, war 
pikant. Das Stumpfnäschen, die vollen roten Lippen, hinter 
denen eine Reihe ziemlich großer Zähne blitzten, die lief 
dunkelblauen Augen und die goldroten Löckchen, welche den 
blendend weißen Teint ihres Köpfchens umrahmten und wider 
strebend immer wieder in die niedrige Stirn hingen, so oft 
sie auch zur Seite gestrichen wurden, machten Lisetle wirklich 
zu einer ganz interessanten Erscheinung. „Tu es provocant 
en tüus tes gestes,“ pflegte die Gnädige zu sagen, und sie 
hatte recht. Natürlich war Lisette nach Art aller Kammer 
kätzchen auch zum Verliebtsein geneigt. Leider halte sie in 
ihrer jetzigen Stellung noch keine Gelegenheit gefunden, ihren 
Ueberschuß an Liebe und Liebebedürfnis entsprechend zu ver 
werten. Ihre Herrin war ihr nicht gerade übermäßig ge 
wogen; aber Lisette war zufrieden mit dem leichten, bequemen 
Dienst. Sie ertrug manche Laune ihrer Gebieterin mit an 
scheinender Geduld und machte sich nur heimlich über sie lustig. 
Konnte sie doch auch von den Confitüren, von denen die 
Oberstin immer die Tasche voll hatte, naschen, so viel sie wollte. 
Die beiden schlugen vorsichtigerweise verschiedene Wege 
nach dem Garten ein und vereinigten sich erst wieder, als sie 
im Schalten der Bäume und außer dem Gesichtskreise des 
Herrenhauses waren. 
„Ich habe schon lange gewünscht, die Demoiselle 'mal 
allein zu sprechen." begann Jean die Unterredung. 
„So? Was hat Er mir denn so Wichtiges zu sagen?" 
„Hm, hm, es kann Ihr nicht unbekannt geblieben sein, 
wie sehr ich Sie verehre, wie ich mein ganzes Leben — 
„Ha, ha, ha! Am Ende will Er mich wohl gar heiraten?" 
„Das wäre allerdings mein sehnlichster Wunsch, allein 
bis äato ist — da find —" 
„Noch wenig Aussichten, will Er wohl sagen?" 
„Allerdings, gewiß! Aber so eine kleine Liebschaft, eine 
liaison, wie die großen Herren sagen, ist doch auch nicht zu 
verachten." 
„Meint Er? Zu was sollte denn das führen?" 
„Nun. man liebt sich, man wechselt zärtliche Redensarten, 
man küßt sich im geheimen, und schließlich wird doch eine 
Heirat draus." 
„So? Und wenn man dann so ein armes Mädchen 
angeführt hat, geht man davon und läßt es fitzen. Nein, 
Monsieur Jean, dazu halte ich mich für zu gut." 
„Ei. ei! Die Demoiselle ist ja höllisch hochmütig! Da 
sollte Sie 'mal nach Berlin kommen. Da find die Mädchen 
ganz anders gesinnt. Und nicht bloß Mädchen aus unserm 
Stande, nein. Edelfräulein, Baroneflen, selbst Gräfinnen haben 
ihre Liebhaber, und niemand findet etwas Unrechtes darin. 
Na. ich könnte Ihr Geschichten erzählen!" 
„Geschichten?" 
„Ich war Mletzt bei dem Herrn von Bischofswerder. 
Der war zwar verheiratet, hatte aber doch seine Maitresse, 
die verwitwete Gräfin Pinto, und dann auch noch Fräulein 
von Tarac. ihre Schwester. Seine Gemahlin wußte darum 
und fand das ganz natürlich. Warum? Alle großen Herren 
haben ihre Maitressen, selbst unser allergnädigster König. 
Also wird es sich wohl so gehören." 
„Und da meint Er, ich sollte auch —" 
„Na, so ein bischen Liebhaben ist doch keine Sünde. 
Sieht Sie —" 
„Ja, aber Eins vergißt der Monsieur. Was den vor 
nehmen Damen erlaubt ist. ist nicht uns auch erlaubt. Wenn 
die Gräfinnen und Edelfrauen vielleicht kostbare Geschenke von 
ihren Galans erhalten, so steckt man uns ins Arbeitshaus. — 
Da gab es wohl auch manchmal hübsche Trinkgelder, wenn 
man so ein Auge zudrückte und manches nicht gesehen hatte?" 
„Das will ich meinen." 
„Na, warum ist Er denn nicht dort geblieben?" 
„Ja, das hatte seinen eigenen Haken. Ich war zu helle.-" 
„Zu helle? Er?" 
„Ja. Nämlich mein Herr, was der Bischofswerder war, 
machte auch Gespenster erscheinen," 
„Was Er sagt!" 
„Das heißt, er that nur so. Und ich mußte allemal die 
Spiegel stellen." 
„Die Spiegel?" 
„Sie wird mir das nicht glauben, es ist aber doch gewiß 
und wahrhaftig so." 
„Nun. wie wurde denn das gemacht?" 
„Erst wurde das Zimmer, wo die Geister erscheinen 
sollten, ganz dunkel gemacht. Darauf erscholl in dem Neben 
zimmer eine sanfte und schwermütige Musik, und in dem 
dunkeln Zimmer wurden Räucherpfannen angezündet, auf denen 
scharf riechende und betäubende Spezereien verbiannt wurden, 
so daß einem bald der Atem verging. Dann kam mein Herr, 
angethan mit einem langen, schwarzen Talar mit allerlei in 
Silber gestickten Zeichen, die ich nicht kannte. Dann murmelte 
er verschiedene Worte in einer fremden Sprache, die ich nicht 
verstand, und machte allerlei Zeichen in der Lust. Zuletzt 
fragte er einen der Anwesenden, wessen Geist er zu sehen 
wünschte. Hier mußte ich nun höllisch aufpaffen. Ich steckte 
hinter einer spanischen Wand mit zwei großen Brennspiegeln 
und hatte vor mir eine Anzahl Bilder, die alle numeriert 
waren. Während der nun folgenden Beschwörungsformel 
nannte mein Herr unauffällig bloß die Nummer des Bildes, 
das ich dann schnell heraussuchte und vor den einen Brenn 
spiegel brachte. Der warf es dem andern zu. und das Bild 
erschien in Lebensgröße auf dem leichten Schleier von Seiden 
gaze, den wir inzwischen herabgelassen hatten, oder auch auf 
einer Rauchwolke auf dem Opferaltar. Wenn ich nicht ge 
wußt hätte, wie es gemacht wird, ich hätte mich selbst ent 
setzen können, so schreckliche Bilder waren darunter." 
„Aber das war doch Betrügerei?" 
„Ja freilich! Aber was will man machen? Gut bezahlt 
wurde es ja, ich war nur allemal ganz krank hinterher."
        
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