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Periodical volume 4. September 1897, No. 36

Full text: Der Bär Issue 23.1897

mar, daß man nicht alles Geld verbergen müsse, damit der 
Feind, wenn er garnichts fände, nicht gar zu schlimm ver 
führe. Ans der Ursach geschah es, daß ich nicht nur etwas 
weniges Kirchengeld in der Kirchenlade in meinem Hause; 
sondern auch an 8 Thaler von meinem Gelde in meiner 
Schatulle ließ. Das übrige Kirchengeld hatte ich in einer 
Schachtel in einer Stube tief unter das Bette versteckt, so noch 
dazu Vorhänge halte, und darunter mehr Gerümpel lag. 
Weil man noch keinen feindlichen Einfall erfahren hatte, das 
Jahr zuvor man aber von einigen hiesigen Gegenden wohl 
gehört hatte, daß eine Parti Kosacken dahin gekommen, aber 
nach einem kurzen Aufenthalt sich wieder fortgemacht, so glaubte 
man, werde es hier auch so abgehen, zumal wenn man ihnen 
etwas douceur gebe, daß sie dann nicht etwa plündern und 
viel herum suchen würden. Das letztere traf ein. die ersten 
Kosacken, die hier kamen, nachdem sie aus meiner Schatulle 
das Geld bekommen, hielten sich nicht lange auf, nahmen auch 
sonst nicht weiter et 
was. Allein das 
erstere betrog uns ge 
waltig. denn es war 
die Parti nicht die 
erste und die letzte 
denselben Tag; son 
dern es kamen derer 
an einem Tag soviel, 
daß sie sich beinahe 
ablösten, und wenn 
mau kaum wieder ins 
Haus getreten war, 
um etwas bei Leite 
zu räumen, so war 
schon wieder eine 
Parti da, und mußte 
man sich retirieren. 
Es ist wahr, man 
hatte wenig oder gar 
nichts auf die Seite 
und in Sicherheit ge 
bracht von seinen 
eigenen Sachen, dies muß jedermann bekennen. Allein was war 
Schuld daran? Andere Jahre sind admonitiones gekommen von 
den Landesregierungen oder Landräten, dies Jahr keine. Weil 
unsere Armee vor uns war, glaubte sich ein jeder sicher. Unsere 
Armee ward den 23. Juli bei Züllichau geschlagen, niemand 
that solches den Landleulen kund. Sie (die Armee) retirierte 
sich über die Oder, und niemand ließ den Landleuten kund 
thun, daß sie ihre Sachen und Vieh in Sicherheit bringen 
sollten. Ueber des wußte man auch nicht, wo mit hin. Man 
glaubte, daß in den Städten sowohl würde geplündert werden 
als auf dem Lande. Man suchte also seine Sachen in der 
Nähe zu verbergen durch Vergraben in finsteren Winkeln' 
oder abgelegenen Orten. Allein auch hierzu ließ der Feind 
einem anfänglich keine Zeit. Den 28. Juli gingen die Ko 
sacken beständig ab und zu, daß ich nicht Zeit hatte, mich zu 
resolvieren, wo ich das übrige Kirchengeld, so unter dem 
Bette stand, weiter in Sicherheit bringen wolle, ich konnte mich 
im Hause nicht erhallen. Die Dorfleute aber waren so dreist, 
daß sie sammt den Kosacken hereingingen, wie auch der Küster 
Richter; ob nun die Rusien oder die Dorfkosacken diese 
Schachtel mit dem Kirchengelde unter dem Bette hervorgezogen 
und ausgeleert, weiß ich nicht. So viel ist gewiß, daß ich 
diese Schachtel denselben Tag gegen Abend auf dem Tische 
fand und die ledigen Tüten, darin das Geld war, dabei. 
Meine Uhr. die ebenfalls unter demselben Bette stand, war 
von den Russen auch gefunden und zerbrochen worden, und 
also kann es leicht sein, daß das erstere ihnen ebenfalls zu 
Teil worden. Den goldenen Kelch aber halten wir damals noch 
und hatten ihn sammt unseren Kleidern begraben. Beim Durchzug 
der Bagage aber ist derselbe sammt den Kleidungen hinweg» 
genommen worden. Im Gegenteil der silberne Kelch hat in offener 
Lade den 28. Juli des Ab.nds im Hause gelegen sammt einigen 
Kleidungen. Die Kosacken haben bis l2 Uhr im Hause her- 
umgestürmet, und haben gleichwohl diese Lade sammt den 
Kleidern und Kelch nicht wahrgenommen. Dergleichen oasrm 
haben sich sehr viele zugetragen, daß, wenn man meinte, 
etwas recht sicher ver 
wahrt zu haben, so 
ward's gefunden. 
Im Gegenteil man 
ches, das in der Eil 
wohin geworfen war 
und schier mit Hän 
den zu greifen war, 
ist geblieben. Also 
daß man wohl den 
Schluß daraus machen 
und aus der Er 
fahrung sagen kann: 
Was Gott einem hat 
wollen erhalten, das 
ist geblieben, so schlecht 
es auch menschlichem 
Ansehn nach verwahrt 
gewesen. Im Gegen 
teil. was Gott einem 
nicht erhalten wollen, 
das hat man auch 
nicht erhalten, so gut 
man es auch verwahret. So ist's auch mit dem Vieh ge 
gangen, was vor den Russen noch erhallen, das ist doch noch 
guten Teils gestorben. Die Altanücher und der Klingelbeutel 
find, wie ich nicht anders weiß, bei Erbrechung der Kirche 
den Russen zu Teil geworden, da auch unsere noch übrigen besten 
Sachen ihnen ebenfalls in die Hände geraten; quae nocent, 
docenfc, durch Schaden ist man nun freilich klüger geworden. 
Allein man ist doch lange noch nicht so klug, daß man allen 
ihm noch bevorstehenden Schaden verhüten könnte. Je öfter 
der Feind kommt, je öfter er einen betrügt. Die Herren 
gehen vom Ralhause immer klüger herunter als herauf. 
Wenn's geschehen ist, dann weiß man's freilich besser, als 
wenn's erst noch geschehen soll. Wrs uns am meisten fehlt, 
ist die gewisse praevisio futurorum. 
Tammendoif. den 16. Februar 1760." 
Soweit der erste Bericht. Vom zweiten, der offenbar zum 
größten Teil verloren gegangen ist, handelt ein Teil von dem 
Jahre 1759 und der andere von dem Jahre 1760. Ich lasse 
beide Teile hier folgen:
        
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