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Periodical volume 28. August 1897, No. 35

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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am 16. Juni Voltaires „Zayre", und am 17. Juli Goelhes 
„Erwin und Elmire". 
Die Ausbeute des nächsten Jahres war gering; Goelhes 
„Stella" mußte nach der Erstaufführung am 13. März 10 mal 
wiederholt werden, wurde aber 1777 plötzlich verboten. Auf 
sehen erregte noch am 19. Juni „Julius von Tarent" von 
Leisewitz, das selbst ein Lesfing zuerst Goethe zugeschrieben 
hatte. „Desto besser," sagte er, als dessen Autorschaft be 
zweifelt wurde, „so giebt es außer Goethe noch ein Genie, das 
so etwas machen kann!" — 
Die Jahre 1777—84 sind reich an klassischen Werken 
allerersten Ranges. Zudem brachten sie Berlin ganz hervor- 
ragende Gastspiele, dte wahre Sensation erregten und das 
Publikum in einen Begeisterungstaumel versetzten. Kein zweites 
Bühnenereignis aber kam dem gleich, das den Anfang dieser 
Reihe macht: der Erstaufführung des „Hamlet" mit dem 
Tragiker Brockmann als Gast in der Titelrolle am 17. Dez. 
1777. Brachvogel ist in der Lage, das Aeußere dieses Mannes 
nach einer in seinem Besitze befindlichen Rotstift-Zeichnung von 
Daniel Chodowieckis Meisterhand zu beschreiben; er erkennt 
in Brockmann den echten Hamlet, den Shakespeare gedacht und 
Richard Burbadge auf dem Globetheater zum ersten Male 
gespielt hat. Die Formen seines Gesichtes sind so fein ge 
rundet, so edel und schön, wie man sie etwa bei einem älteren 
Apoll voraussetzt, denn etwas Apollinisches liegt in Brockmann! 
Ueber diesem liebenswürdig anheimelnden Antlitz schwebt jedoch 
der leise Schatten einer tiefinnersten unaussprechlichen Schwer 
mut. das Siegel des Verhängnisses steht auf seiner Stirn." 
Brockmann, der vom Barbierlehrling durchs Kloster zum Be 
diensteten einer Seiliänzerbande und dann allmählich zum 
großen Tragöden emporgestiegen, stand damals im 33. Lebens 
jahr. Sein Hamlet, zu dem das Publikum in Scharen 
herbeigeströmt war. erregte ein unerhörtes Aufsehen; Hamlet 
mußte vom 17. bis 24. jenes Monats ununterbrochen 
gegeben werden. Dann trat Brockmann noch zweimal als 
Tellheim. einmal in Elavigo und zum Schluß abermals als 
Hamlet auf und verschaffte an diesen wenigen Abenden dem 
Direktor Döbbelin die damals beispiellose Einnahme von 
2956 Thalern. Wie sehr Brockniann das Publikum hin 
gerissen. geht am deutlichsten daraus hervor, daß seine zahl 
reichen Verehrer die erste überhaupt auf einen deutschen Schau 
spieler geprägte Medaille schlagen ließen mit dem Brustbilde 
des Gefeierten und der Unterschrift: „Brockmann, actor 
utrmsque Scenae potens. Peragit tranquilla potestas, 
quod violenta nequit“. Auch eine Kritik, die des Historikers 
König, sei erwähnt; darin heißt es: „Im Dezember erschien 
in der Rolle des Hamlet der berühmte Schauspieler Brockmann, 
der durch sein Spiel das bei jeder Vorstellung vollgepfropfte 
Haus entzückte. Die Tochter des Schauspielers Döbbelin 
machte in eben diesem Stück die Rolle der Ophelia meister- 
hast, und man kann sagen, daß seitdem der Schauspielkunst 
in Berlin eine neue Epoche anhob. Shaekespeares Stücke, 
welche man bisher nur immer in mittelmäßigen Uebersetzungen 
gelesen hatte, ohne dabei den wahren Wert und Sinn 
des Dichters zu empfinden, wurden nun für die Bühne 
besser gearbeitet, abgeändert und gegeben." Und zu Shakespeare 
nahm Döbbelin auch fernerhin seine Zuflucht. Zunächst holte 
er am 3. Oktober 1778 „Macbeth" hervor, und zwar in der 
Bearbeitung von Wernecke. Döbbelin selbst gab die Titelrolle, 
ohne einen nennenswerten Erfolg zu erringen. Gleichwohl 
wagte er am 30. November desselben Jahres einen weitere», 
überaus schweren Schritt mit der Darstellung des „König Lear" 
in Schröders Bearbeitung. Wenige Wochen später wurde das 
Stück mit einem würdigeren Lear und demgemäß mit größerem 
Erfolge wiederholt: Am Weihnachtsabend trat der Hamburger 
Theaterdirekior Ludwig Schröder zum ersten Mal als Gast 
auf der Berliner Schaubühne auf. Selbst als Hamlet erntete 
er trotz Brockmann rauschenden Beifall, und als er nach 
Hamburg zurückgekehrt war, verlangte das Berliner Publikum bald 
wieder nach ihm. Im März 1780 begann er eine neue Reihe 
von Gastspielen, unter denen als neues Ereignis die Auf 
führung von „Heinrich IV." zu verzeichnen ist, bei der Schröver 
mit großem Erfolge den unvergleichlichen Sir John gab. Lear, 
Hamlet und Falstaff, fast unmittelbar hintereinander, und alle 
mit gleichem Erfolge, wahrlich ein großes, umfassendes Genie. 
Während der beiden folgenden Jahre bietet das Döbbelin- 
Theater nichts von Interesse. Um so gewaltiger beginnt das 
Jahr 1783, dessen Neujahrstag den Berlinern ein hoch 
bedeutsames Geschenk brachte: „Die Räuber", überflüssiger 
weise bearbeitet von Herrn Plümicke — hoffen wir, daß er 
das Stück nur abgeschrieben hat! Der Erfolg war in Berlin 
derselbe wie überall — „ein Sturm leidenschaftlichen Beifalls". 
Die Wirkung näher zu schildern, wäre zwecklos — wir kennen 
sie zur Genüge von der Mannheimer Aufführung! 
Dasselbe Jahr brachte noch, und zwar am 14. April, 
„Nathan den Weisen", der zwar viermal wiederholt wurde, 
dann aber lange von den Brettern verschwand, da es ihm an 
Zugkraft fehlte. Da wirkte Schiller unvergleichlich zündender 
auf das Publikum, nicht so sehr durch die am 8. März 1784 
aufgeführte „Verschwörung des Fiesko zu Genua", wie durch 
die gewaltige Tragödie „Kabale und Liebe", die am 
22. November gegeben wurde, einen ungeheuren Beifall 
erntete und in der ganzen Folgezeit außerordentlich häufig 
wiederholt werden mußte. 
Aus dem folgenden Jahre erwähnen wir nur kurz die 
Aufführung von „Gideon von Tromberg" oder „die lustigen 
Weiber" am 5 Februar; zu diesem seltsamen Stücklein waren 
Shakespares „Lustige Weiber von Windsor" von einem 
Unbekannten verarbeitet! Einen sehr nachhaltigen Erfolg, 
gekennzeichnet durch eine große Reihe von Wiederholungen, 
hatten Jfflands „Jäger" aufzuweisen, die am 20. Juni 1785 
über die Bretter gingen und dem Publikum den Namen 
Jffland fest einprägten, der später für Berlin eine so gewaltige 
Bedeutung gewinnen sollte. Auch Beaumarchais „Figaros 
Hochzeit" wurde am 5. Dezember gegeben, aber durchaus 
abgelehnt. Ferner verzeichnen wir vom 18. Januar 1786 
Voltaire-Goethes „Tankred" und vom 6. März Holbergs 
„politischen Kannengießer". In Bezug auf große, durch- 
schlagende Novitäten ist in jenen Jahren eine auch fernerhin 
anhaltende Erschlaffung eingetreten; teils folgte dieselbe aus 
Döbbelins heikler Lage und dem Umstande, daß ihm die 
Klassiker nur selten größere pekuniäre Erfolge brachten, 
während die Markt- und Dutzendware seinen Kassen günstiger 
war, teils und in der Folgezeit aus dem Wechsel in der 
Leitung, der im Jahre 1787 eintrat und zu langen Wirren 
führte. 1788 aber beginnt die neue Direktion eine Nooitäten- 
jagd. Schlag auf Schlag folgen sich „Die Geschwister", „Der 
Kaufmann von Venedig", „Belmonte und Konstanze" und
        
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