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Periodical volume 14. August 1897, No. 33

Full text: Der Bär Issue 23.1897

zu? Erst lamentiert Er wie ein altes Weib über einen edlen Rat meiner 
Residenzstadt, und nun ist Er wohl vollkommen zufrieden mit der Amts 
führung des Rats?" „Allerdings! Seitdem Majestät die Gnade gehabt 
haben, mich zum Ratsherrn zu ernennen, habe ich solche Einsicht gewonnen, 
dost ich meine Meinung andern mußte," „Schweig' Er still!" rief der 
König ärgerlich, „Aber so seid Ihr! Negiert Ihr nicht mit, so räsonniert 
Ihr über die Regierung, sitzt Ihr aber mit am Ruder, so macht Jhr's 
nicht besser als die andern! Ihr seid alle Schelme!" D. 
Zarin Katharina II. gemacht hat, zeigt folgende Thatsache: AIs die 
Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs XVI, in Rußland bekannt wurde, 
befahl die Zarin, sämtliche in Rußland lebende Franzosen zue Leistung 
eines Eides zu veranlaßen, dessen Wortlaut hier wegen der interessanten 
Form seiner Abfassung folgen möge: „Mit diesem von mir vor Gott 
und seinem heiligen Evangelium geleisteten Eide erkläre ich, daß ich an 
den entsetzlichen, gottlosen Vorgängen in Frankreich in keinerlei Weise 
beteiligt bin, dieselben und ganz besonders die Ermordung des frommen 
Königs Ludwigs XVI. als gemeinen Mord ansehe, indem ich die Thäler 
und Anführer als gemeine Verbrecher erachte und verachte. Ich erkläre 
mich ferner in nuinem Gewissen von der Wahrheit des christlichen 
Glaubens, den ich von meinen Vätern geerbt, überzeugt und dem Könige, 
dem die Krone nach dem heiligen Erbrecht gehört, ein treuer Diener sein 
zu wollen. Da mir nun unter dem Schutze Ihrer Kaiserlichen Majestät, 
Alleinherrscherin aller Reußen, gastfreundlicher Aufenthalt in Rußland 
zu teil wird, verpflichte ich mich, nicht nur der Religion und dem Könige 
treu zu bleiben, sondern auch jeden Verkehr mit solchen Personen meiner 
Landsleute, die den jetzigen Zuständen in Frankreich huldigen, so lange 
aufzugeben, bis ich, nach der Wiederherstellung der gesetzlichen Ordnung 
in Frankreich, von Ihrer Majestät das Recht dazu erhalten werde. 
Sollte ich diesem E>de zuwider handeln, unterziehe ich mich der irdischen 
und himmlischen Strafe. Ich küsse Gottes Wort und Kreuz. Amen." 
Wer diesen Eid nicht leisten wollte, mußte sofort Rußland verlassen. 
—dn — 
Entstehung der Marseillaise, „Geraume Zeit wurde Go sh ei und 
P l e y t- ba!f@t#"?ffi7T(Tt!r''TOMis (3e Ta patrie“ zugeschrieben, und später 
wollte man die Grundlage der Komposition in „Sagines“ suchen. In 
des der wahre Dichter und Komponist des so berühmt und so berüchtigt 
gewordenen Kriegsendes ist Rouget de Liste. Er dichtete und komponierte 
es Ende April 1792 zu Straßburg in der Nacht vor der Kriegserklärung. 
Reisende Kaufleute, welche über Straßburg zur Messe nach Beaueiro 
gingen, verbreiteten es im südlichen Frankreich, Einer von ihnen, ein 
Flachshändler, Namens Leon, erzählte von der begeisternden Wirkung, 
die das Lied aller Orten hervorgebracht habe Bald wurde es auf 
allen Bühnen Südfrcmkreichs und in Konzerten gesungen, und als 
die Marseiller in Paris einzogen, stimmten sie es im Chore an, daher 
sein nachmaliger Name „Marseiller Hymne" oder Marseillaise". In 
der ersten Zeit seines Ruhmes war das Lied aber nur unter dem 
Namen „Schlachilied der Rheinarmee", auch schlechtweg als 
„Rheinlied" bekannt, und so hatte es mit dem Beckerschen Liede: 
„Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein," wenigstens den 
Stammnamen gemein. Allerdings hatte der Veriasser des Straßburger 
Rheinliedes ein ganz anderes Schicksal, als der des Kölner Rheinliedes: 
denn während die Marseillaise zur Nationalhymne erhoben und in ganz 
Frankreich mit dithyrambischer Begeisterung gesungen wurde, schmachtete 
Rouget de Liste im Gefängnisse. Als er aus ihm entlassen wurde, 
unternahm er eine Reise nach Deutschland und wurde hier in hohem 
Grade Gegenstand der Aufmerksamkeit, die er in seinem Vaterlande m 
so geringem Maße auf sich gezogen hatte, daß es erst dem Könige 
Louis Philipp einffil, dem Dichter durch eine Pension den Dank seiner 
Nation abzutragen. Die Marseillaise ist in alle europäischen Sprachen 
übersetzt worden. Als Rouget de Lisle auf seiner Reise durch Deutschland 
sich in Hamburg aufhielt und mit Klopstock, dem Dichter der „Messiade", 
zusammenkam, äußerte dieser ebenso artig wie vorwurfsvoll: „Mein 
Herr! Ich wundere mich in der That, daß Sie es gewagt haben, in 
ein Land zu kommen, dem Ihr Lied mehr Söhne geraubt hat, als 
Waffen Ihrer Landsleute." E K. 
Zwei. bWM^ÜWeitzr^dieechei den jüngsten Ausgrabungen des 
Freiherrn von Hehl bei WormS in einem Steinsarge aufgefunden wurden, 
gehören zu den hervorragendsten archäologischen Erscheinungen der 
längsten Zeit. Tenn die beiden verschiedenartig bemalten Eier weisen 
auf einen direkten Zusammenhang mit den germanischen Ostergebräuchen 
bm und erbringen den untrüglichen Beweis, daß das noch heute übliche 
Farben der Ostereier dem germanisch-heidnischen Kult entspringt. Die 
beiden in dem Sarge eines Mädchens aufgefundenen Eier sind gegen 
d>e Spitzen zu mit schwarzen Streifen bemalt, an die sich gegen die 
Witte zu braunrote Streifen anschließen. Der Zwischenraum wird durch 
rote, grüne und blaue Tupfen ausgeiüllt, auch zeigen einzelne Stellen 
eine Mischung verschiedener Farben, ein Verfahren, das auch heute noch 
sehr oft zur Anwendung gelangt. Die beiden bemalten Eier, die einen 
ganz einzig dastehenden Fund aus germanisch-römischer Zeit darstellen, 
dursten aus der Osterzeit des Jahres 320 herrühren, da eine dabei 
gefundene Münze des Kaisers Konstantin mit ziemlicher Sicherheit diesen 
Zeitpunkt annehmen läßt. Sammt -Börse. 
Napoleon u»d die Musik. Im Jahre 1807 gab der als Flöten- 
vlrtuose seiner Zeit berühmte Kammermuflkus Punz in Dresden dem 
mächtigen Eroberer ein Concert. Der Kaiser spendete dem Künstler 
laute» Beifall und sagte in Gegenwart des Hosmarschalls von Räcknitz 
zu ihm: „Meine Franzosen verkennen mich auch darin, daß Sie glauben, 
ich liebe nur die kriegerische Musik. Allerdings kenne ich auf dem 
Schlachtfelde nichts Imposanteres, als das Rasseln der Trommeln, aber 
sonst ziehe ich eine sanfte, zum Herzen dringende Musik dem tollen 
Lärm vor." — du-, 
aa-nnir'der Bergakademie. Unter den ehemaligen Studierenden 
der Bergakademie ist noch heute ein Besuch von „Papa Wrangel" in 
freundlicher Erinnerung. Wrangel besuchie einmal das Museum für 
Beigbau und Hüttenwesen in der Bergakademie, und der dienst 
thuende Ingenieur zeigte ihm u, a, einen Steinsalzblock aus Staßfurt. 
„Js bet Marmor?" — „Nein, Salz, Excellenz." — „Du schwindelst." 
— „Gewiß, Excellenz, es ist Steinsalz." — „Du! ich lecke!" Wrangel 
that das nun wirklich und ging kopfschüttelnd weiter: „Ich hab's wahr 
haftig nicht jejlobt." 
Küchertisch. 
Brockhaus Koiiversations-Lexikon. 17. (Supplement-) Band. Leipzig 
1897. Verlag von F. A. Brockhaus. Preis geb, 10 Mk. 
Die Herstellung eines 16 bändigen Konversations-Lexikons nimmt 
mindestens vier Jahre in Anspruch, Daß Wissenschaft und Kunst, 
Politik, Technik, Gesetzgebung während dieser Zeit aber nicht stillstehen, 
ist verständlich; und so wird eine Encyklopädie ergänzungsbedürftig am 
ersten Tage nach dem Erscheinen. Dem abzuhelfen ist der Supplement- 
band bestimmt, der Mitte Juni erschienen ist und jeden im Hauptwerk 
vorhandenen Gegenstand, mit dem „etwas passiert ist", ergänzt, alle 
allermodernsten Errungenschaften der Kultur, alle ollerneuesten Ereignisse 
und leitenden Personen erstmalig aufführt. Dieser Band kann nicht 
wie seine 16 Vorgänger nur nachgeschlagen werden, wenn man Auf 
klärung braucht, man muß ihn vielmehr zuerst studieren, um zu sehen, 
was er in seinen 8305 Stichworten alles behandelt! So enthält er 
z. B. im Artikel Deutschland schon die vollständige Volkszählung aller 
Ortschaften des deutschen Reiches von 1895, teilweise offiziell überhaupt 
»och nicht veröffentlichte Ergebnisse. So enthält er erstmalig genealogische 
Tabellen der Hohenzollern und Habsburger, die bereitwillig Auskunft 
geben z. B. über die vielen in einem Konversations-Lexikon sonst nicht 
vorkommenden Prinzen und Prinzessinnen. Ueber 1000 zweispaltige 
Seiten Text enthält der Band, die Stichworte des ganzen Werkes auf 
über 130 01,0 vermehrend, und 59 bunte und einfarbige Tafeln und 
Karten, darunter 8 Chiomos von der bekannten ebenso künstlerischen wie 
detaillierten kostbaren Ausführung: leuchtende Tiere; Spielkarten aus 
alter und neuer Zeit, aus Europa, Java, Persien, Japan; Eishöhlen; 
Buddhismus; Eier unsrer Singvögel; Röntgen strahlen; bunte Ornamente 
u. a. Unter den Karten seien die der aktuellen Gegenden erwähnt: 
Cuba, Delagoabai, Sudan, Japan und Korea, orientalische Frage und 
die interessanten Karten der Ansteckungskrankheiten, des deutschen Welt 
handels, der unglaublich komplizierten, bisher nirgends kartographisch 
dargestellten Währuugsverhältnisse der ganzen Welt. Auch der bisher 
in einem Konversations-Lexikon nicht zu findende, in Paris jüngst zu 
so trauriger Berühmtheit gelangte Kinematograph, die Pestkonferenz in 
Venedig, die Darstellung der Erfolge des Diphtherie-Heilserums werden 
nicht vermißt. Kurz — wer sein Konversations-Lexikon bis 1897 ergänzt 
und vervollständigt haben will, muß den sich auch äußerlich genau an 
das Hauptwerk anschließenden Supplementband besitzen. 
Ludwig XIV. in Bild und Wort. Mit ca 550 Textillustrationen, Voll 
bildertafeln, Karikaturen und Autographen. Nach den berühmtesten 
Malern, Bildhauern und Stechern damaliger Zeit von Emil 
Bourgeois, übertragen von Oskar Marschall von Bieber 
stein. Lieferung 8 bis 12 ä 60 Pfennig. Leipzig. Verlag von 
H. Schmidt u. C. Günther. 
Die bekannte Verlagshandlung, welche sich bereits mit der Heraus 
gabe mehrerer das Leben Napoleons I behandelnder Werke rühmlichst 
hervorgethan hat, bietet mit diesem Lieferungswerke dem deutschen Volke 
für einen äußerst wohlfeilen Preis wiederum eine ganz hervorragende 
litterarische Gabe. Autor und Verleger unternehmen es, das Leben des 
„Sonnenkönigs" in umfassender Weise zu schildern; sie bieten neben 
einer ungemein fesselnden und historisch-getreuen Darstellung einen in 
seiner Reichhaltigkeit geradezu unerreicht dastehenden Bilderschmuck, den 
sie den französischen Galerien, sowie den Staats- und Privatsammlungen 
entnommen haben. — y. 
Die Nummer 2823 der „Illustrierten Zeitung" in Leipzig fesselt 
vor allem durch die ergreifenden Bilder aus den UeberschwemmungS- 
gebieten, in welche das beregte Weltblatt sofort nach Eintritt der 
Katastrophe seinen bewährtesten Spezialzeichner: Limmer, entsandt hat. 
Zu dem Text: „Die Hochwafferkatastrophe im Elbethal" bringt Limmer 
9 nach der Natur gezeichnete Bilder aus dem Ueberschwemmungsgebiet 
der Weisteritz zwischen Dresden und Cotta und der Elbe im Gottteuba- 
thal bei Pirna. Der soeben erfolgten Reise unseres Kaiserpaares nach 
Petersburg wird durch 7 Bilder gedacht, welche Schloß Petcrhof, 
Sommerresidenz des Kaisers von Rußland und Wohnung des deutschen 
Kaiserpaares während des jetzigen Besuchs, zum Gegenstände haben. Der 
in diesen Tagen zu Brüssel stattfindende internationale Frauenkongreß 
wird durch 12 Porträts namhafter Frauen illustriert, die in wirtschaft 
lichen Dingen eine Stimme haben. Vom Aschantidorf im Wiener Tier 
garten werden acht und vom Kreisringreiterfest in Sonderburg vier 
sehenswerte Illustrationen gebracht. An bemerkenswerten Bildnissen
        
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