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Periodical volume 7. August 1897, No. 32

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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ich hätte doch gemacht meinen Weg, wenn auch nicht so schnell. 
Denn ich bin immer gewesen für das große Geschäsl. und 
Du bist gewesen für das kleine Geschäft." 
„Wie soll man machen ein Geschäft, wenn man nicht 
hat die Gelegenheit!" 
„Du solltest benutzen die Gelegenheit." 
„Welche?" 
„Die. daß die Soldaten hier find. Nicht mit dem Ver 
kaufen von dem elenden Schnaps; das kann besorgen Deine 
Esther und Deine Jungen. Aber mit der Lieferung!" 
„Wie meinst Du das?" 
„Ich habe heule gemacht ein gutes Geschäft, und da 
will ich, daß Du sollst auch machen ein gutes Geschäft. Ich 
will Dir geben auf Dein ehrlich Geficht zweitausend Gulden, 
weil Du bist einer von unsere Leut, und weil wir haben 
zusammen gespielt als Jungen. Du sollst mir auch nur 
zahlen sechs Prozent Zinsen, während die Gojim müssen zahlen 
zehn Prozent. Damit kannst Du machen das Geschäft. Ich 
will Dir auch aufschreiben alle die Preise, was zahlen die 
Intendantur zu Gnesen für die Fourage und Lebensmittel, 
denn ich habe die ganze Lieferung. Du kannst gehen zu kaufen 
Heu. Stroh, Hafer, Erbsen, Mehl, Ochsen und alles, was ist 
zu brauchen für die Soldaten, die hier herum liegen. Wenn 
Du hast Geld in der Hand, so wirst Du kaufen billig, denn 
fie brauchen alle Geld, die Großen wie die Kleinen. Und 
wenn Du nur bekommst die Preise, was zahlen die Zahlmeister 
in Gnesen, so wirst Du machen ein gut Geschäft. Und die 
Preußen werden machen ein gut Geschäft, denn sie sparen die 
teure Fuhre aus die Magazine bis hierher. Und die Verkäufer 
machen ein gut Geschäft, denn fie brauchen nicht zu fahren 
den weiten Weg nach Gnesen, wo fie nicht immer sicher find, 
daß sie los werden ihre Ware. 
„Hast Du mich verstanden Aaron?" 
„Ach, Simon, das wolltest Du thun um meinetwillen?" 
„Das will ich thun um Deinetwillen und weil ich hab' gemacht 
ein gut Geschäft. Ich will aber thun noch mehr. Wenn 
Du hast übrig von der Ware, und die Soldaten ziehen fort, 
so will ich Dir abnehmen die Ware in Gnesen als bares 
Geld für den Einkaufspreis, denn ich habe die ganze Lieferung 
und kann fie immer gebrauchen." 
„O Simon! der Gott Israels segne Dich tausendmal 
dafür bis ins tausendste Glied!" 
„Schon gut, Aaron! Aber das will ich Dir sagen, Aaron, 
Du mußt sein auf die Beine früh und spät, Du mußt handeln 
bis aufs Blut, Du mußt einkaufen den Scheffel Hafer, daß 
steht ein Rändchen drüber, und Du mußt verkaufen den 
Scheffel Hafer, daß steht ein Rändchen darunter. Du mußt 
Dich gut stehen mit die Zahlmeisters, daß fie manchmal gucken 
mehr auf ihre rechte Westentasche als auf die Ware. Kurz, 
Du mußt Dich verstehn auf das große Geschäft, und nicht 
das kleine Geschäft mit dem stinkigen Schnaps, was kann 
verkaufen Deine Esther." 
Es wurde weiter verabredet, daß Aaron noch heute zum 
Rittmeister von Krummensee gehen solle, um seine Offerten zu 
machen, an deren Annahme nicht zu zweifeln sei. Aber auch 
wenn fie zurück gewiesen werden sollten, so sei die Ware bald 
nach Gnesen geschafft. 
Nachdem Simon Levi zweitausend Gulden für den 
genannten Zweck zurück gelassen hatte, entfernten sich die 
beiden Gnesener. Man wird sich schon gesagt Haben, daß der 
intelligente Jude die Situation allseitig richtig erkannt und 
sich von vornherein reichlich mit Geld versehen, auch den Notar 
schon mitgebracht hatte, um seine Zwecke zu erreichen; auch 
das Abkommen mit Aaron war keineswegs so uneigennützig wie 
es schien. Selbst im ungünstigsten Falle sicherte sich Levi mit 
demselben eine gewisse Landkundschaft, ohne einen Pfennig 
für Unteragenten ausgeben zu müssen. 
Als Aaron gegen Abend nach dem Schlöffe kam, war 
der Rittmeister noch nicht zurück. Er mußte warten und setzte 
sich auf einen Stein an der Wand des Gebäudes. 
Da hörte er durch ein geöffnetes Fenster über sich laute, 
streitende Männerstimmen. Es wurde polnisch gesprochen — 
augenscheinlich gehörten die Streitenden den vornehmeren 
Ständen an. Er konnte nicht alles verstehen, da oft zu viel 
auf einmal sprachen. Aber manches schien ihm doch bedenklich 
zu sein. 
Jetzt kam wieder ein Wagen in raschem Trabe an. So- 
fort drückte sich Aaron zur Seite, denn ein paar Knutenhiebe 
wären ihm sicher gewesen, wenn man ihn hier auf der Lauer 
betroffen hätte. 
Es war schon ganz finster, als der Rittmeister zurück 
kehrte. Aaron machte seine Angebote, die größtenteils an 
nehmbar befunden wurden. Der Rittmeister hatte nämlich in 
diesen Stücken ziemlich freie Hand, und es konnte ihm nur 
angenehm fein, mit einem Lieferanten zu verhandeln, anstatt 
mit vielen einzelnen. 
Karl halte unterwegs eine äußerst wichtige Nachricht er 
fahren. Bei Macicowice war am 10. Oktober eine blutige 
Schlacht zwischen der polnischen Freiheitsarmee unter ihrem 
Feldherrn Koszinsko und den weit stärkeren russischen Armeen 
unter den Generalen Fersen und Denisom geschlagen worden. 
Als die Polen zurückwichen, hatte der tapfere Feldherr sich 
alle Mühe gegeben, die Ordnung wieder herzustellen. Ver 
geblich hatte er sich zuletzt, ein leuchtendes Vorbild der Tapfer- 
keit und des Mutes, allein in die feindlichen Reihen gestürzt. 
Verwundet war er vom Pferde gesunken und in russische 
Gefangenschaft geraten. 
„Finis Poloniae!" hatte er. prophetischen Geistes 
voll, ausgerufen, als er seinen Säbel dem russischen Offizier 
übergab. 
Die Reste der polnischen Armee, über welche General 
Wawrzecki den Oberbefehl erhallen hatte, und die Korps der 
Generale Madadinski und Dombrowski hatten sich nach 
Warschau gewandt. Da der im verschanzten Lager vor dieser 
Stadt liegende preußische General Graf Schwerin ihnen nicht 
hindernd entgegentrat, wofür er später zu einem Jahre 
Festungshaft verurteilt wurde, so hatten sich die Polen in 
die Festung werfen können und geschworen, entweder die 
Festung zu hallen oder sich unter den Trümmern der Stadt 
begraben zu lassen. 
Um den Gang der Ereignisse richtig zu verstehen, 
empfiehlt es sich, einen kurzen Rückblick • auf die polnischen 
Wirren zu werfen, welche schließlich zu der Zerstückelung dieses 
großen und mächtigen Reiches führten. 
Nach dem Aussterben des Königshauses der Jagellonen 
war Polen in ein Wahlkönigreich verwandelt worden. Der 
König wurde von dem gesamten Adel frei gewählt. Zuerst 
erhielten, verschiedene, den europäischen Fürstenhöfen angehörige
        
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