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Periodical volume 31. Juli 1897, No. 31

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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müssen übrigens, wenn Sie mit ihnen zusammenkommen, be 
denken, daß man die Liebe zu seinem Vaterlande nicht über 
Nacht wechseln kann, wie man ein paar Handschuhe wechselt. 
Sie werden — davon bin ich überzeugt — dem Könige von 
Preußen loyale Unterthanen sein. aber Sie dürfen ihnen eine 
warme Regung für ihr altes Vaterland nistt übel nehmen." 
„Gewiß nicht, Frau Gräfin, solange solche Regungen 
nicht in hochverrätische Handlungen umgesetzt werden." 
„Ja, was nennen Sie hochverräterische Handlungen? 
Gelingt eine Erhebung, so find die, die fie ins Werk gesetzt 
haben. Freiheitshelden, und fie werden von der Geschichte ge 
feiert; gelingt fie nicht, so nennt man sie Rebellen. Versetzen 
Sie sich doch einmal in unsere Lage! — Wenn mit Ihrem 
Preußen eine gleiche Zerstückelung vorgenommen würde, wie 
mit unserem Polen — was würden Sie dann thun?" 
„Ich bedauere, Jhncn darauf nicht mit zwei Worten 
antworten zu können. Frau Gräfin. Ich bin Soldat und 
habe die Befehle meines Kriegsherrn auszuführen. Mit der 
Politik haben wir nichts zu schaffen. Ob fie nach unserer 
Anficht recht oder unrecht ist, bleibt sich gleich. Die Beweg, 
gründe, von denen sich die Mächte leiten laffen, vermögen wir 
doch nicht zu durchschauen. Manches erscheint als Härte, was 
schließlich eine Notwendigkeit, wohl gar eine Wohlthat war." 
„Gut," erwiderte die Gräfin lächelnd, „so wollen wir 
die Politik, die wir einmal nicht ändern können, auch aus 
unsern Gesprächen verbannen. Ich hoffe übrigens, Ihr Aufent 
halt in meinem Hause wird nicht allzu kurz sein, und wir 
werden noch manches gemütliche tsts-ü-tsts zusammen haben, 
worauf ich mich schon im voraus freue." Mit diesen Worten 
reichte sie ihm unter leisem Druck ihre Hand, die er feurig 
küßte und noch einige Zeit festhielt. 
„Gnädigste Gräfin find von ganz unendlicher Güte!" 
„Ach, lassen Sie doch die gnädigste Gräfin fort! Ich 
hasse diese Förmlichkeiten. Vor fremden Leuten muß man 
sie ja wohl beobachten. Aber wenn wir allein find, nennen 
Sie mich einfach Lodoiska, wie meine Freunde auch thun." 
„Wie dürfte ich das wagen. Komtesse — nach so kurzer 
Bekanntschaft?" 
„Ach was! Sie find ein vernünftiger Mensch. Sie 
gefallen mir in Ihrer Aufrichtigkeit und Natürlichkeit. Wozu 
da die vielen Zeremonien? Ich habe Sie jedenfalls viel 
besser erkannt, als Sie mich. Und nun gehen Sie, Sie 
werden ermüdet sein, und", fügte fie mit bezauberndem Lächeln 
hinzu, „träumen Sie nicht etwa von Ihrer neuen Freundin!" 
Sie reichte ihm nochmals die Hand, die er enthufiastisch 
an seine Lippen zog. 
„Gute Nacht, Komtesse - Lodoiska!" 
„Gute Nacht, mein Freund!" 
Was war das gewesen? Lange lag Karl trotz seiner 
Ermüdung auf dem Lager und grübelte. Alles war still um 
ihn her, nur die Schritte der Schildwache vor dem Wacht- 
lokal und das gelegentliche Ausstößen dek Säbelscheide auf 
den Boden unterbrach die Ruhe. War so etwas möglich? 
Hatte die Gräfin wirklich gleich bei der ersten Begrüßung 
eine so tiefe Neigung für ihn gefaßt, wie fie fie ihm auf 
geradezu unweibliche Weise zu erkennen gegeben hatte? Oder 
war das alles Verstellung? Wollte fie ihn nur zu einem 
angenehmen Zeitvertreib benutzen? Verfolgte fie wohl gar 
andere Zwecke? Und welche? 
Daß sie eine abgefeimte Kokette sei, war Karl vollkommen 
klar. Wenn fie aber mit ihm zu spielen gedachte, so sollte 
fie es bereuen. Nun gerade wollte er durch äußerste Liebens 
würdigkeit in ihr den Glauben zu erwecken suchen, als sei 
er bis über die Ohren in fie verliebt. Wenn fie dann selbst 
ernstlich Feuer gefangen, wollte er fie auslachen und ihr 
sagen, daß er längst eine Braut habe. 
Ja, seine Braut! Was würde fie sagen, wenn fie sein 
leichtfertiges Verhalten vom heutigen Tage gesehen? Aber 
war es denn wirklich so leichtfertig? Was hatte er gethan? 
Einer schönen Frau einige Schmeicheleien gesagt. Das war 
alles. Sollte das nicht gestattet sein. zumal wenn man fich 
die Annehmlichkeiten eines guten Quartiers dadurch erkaufen 
konnte? Er suchte mit aller Gewalt die Frauenbilder, die 
ihm teuer waren, vor seine Seele zu zaubern: seine Mutter, 
seine Schwester, die sanfte Magdalene, die edle und auf 
opferungsfähige, anmutige Arabella. Vergebens! Ihr Bild 
zerfloß immer bald wieder wie Nebel vor seinem inneren 
Auge, und nur das Bild der Gräfin, wie fie ihn mit 
ihren großen, schwarzen Augen so unverwandt ansah, blieb 
bestehen. 
Auch die Gräfin konnte den Schlaf nicht gleich 
finden. Der arme Junge, dachte sie, ist wirklich in mich 
verliebt. Es ist eigentlich schade um ihn. daß ich ihn so 
betrüge, denn einen hübscheren, angenehmeren Menschen sah 
ich noch nicht. Nun, er ist nicht der erste, und er wird auch 
nicht gleich sterben, wie ja auch die anderen nicht gestorben 
find. Ich werde mir doch nicht etwa selbst die Flügel verbrennen? 
Ich fühle wirklich so etwas wie Sympathie für ihn. Und 
Ladislaus, das ist wahr, reicht ihm nicht das Wasser. Nun. 
wir wollen abwarten. Den Zeitvertreib kann ich mir jeden 
falls gestatten, und — Ladislaus hat ja auch nichts dagegen. 
Am nächsten Morgen brach der Rittmeister von Krummensee 
mit dem einen Lieutenant schon in aller Frühe auf, bevor 
fich die Gräfin noch erhoben hatte. Sie ritten mit einem 
Halbzug Husaren zur nächsten Station, wo die zweite Schwadron 
postiert war — etwas über zwei Meilen weit —, um fich 
mit dem dort kommandierendeiy'Rittmeister über die zu treffen 
den Maßregeln zu besprechen und zugleich das Terrain kennen 
zu lernen. 
Die Gräfin hatte eben einen Boten an den jüdischen 
Kaufmann Simon Levy in Gnesen abgefertigt, der diesen auf 
das Schloß bescheiden sollte, als ein kleiner, einspänniger 
Korbwagen heranrollte, in welchem zwei Personen saßen. Der 
eine von ihnen kennzeichnete fich sofort als Juden, und zwar 
als einen der wohlhabenderen seines Stammes. Sein Kaftan 
war von schwarzer Seide, ebenso das Käppchen, das er auf 
dem Kopfe trug. Sein wachsbleiches Angesicht mit den kleinen, 
funkelnden Augen und der scharf gebogenen Nase umrahmte 
ein langer, graugesprenkelter Ban. 
Der andere trug die Kleidung eines angesehenen Stadt 
bewohners, darüber den Mantel, das sogenannte Mateny 
mit drei bis vier überetnanderfallenden Kragen. Sein von 
tausend Fältchen durchfurchtes Gesicht und die gebleichten 
Haare zeigten die schon vorgerückten Jahre an. Er blieb 
im Wagen fitzen, während Simon Levy ausstieg und ins 
Schloß trat. 
Der Jude wurde zur Gräfin geführt. 
„Es ist gut. daß Er kommt, Levy. Ich hatte schon nach
        
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