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Periodical volume 24. Juli 1897, No. 30

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Mil mit neuer Betrübnis zurück und waren so empört, daß 
wir sie nur unaufhörlich bitten mußten, ihre jugendliche Hitze 
zu mäßigen." Am Montag den 27. Oktober traf der Kaiser 
Napoleon wirklich in Berlin ein. Karoline Sack hatte seinem 
vermeintlichen Einzug am Tage zuvor, als um 5 Uhr die 
Glocken läuteten, die Worte gewidmet: „Die Sterbestunde des 
preußischen Ruhmes und der preußischen Freiheit wurde ge 
läutet." Die schwere, trübe Zeit der Fremdherrschaft, die nun 
über Berlin hereinbrach, skizziert Sophie Schwerin in ihren 
Erinnerungen: „Der Ton dieser Trommeln, der monatelang 
oft den ganzen Tag nicht abriß, ward zur ausgesuchtesten 
Folter für mich .... Es gehörte zu meinen damaligen 
Träumen, einen langen, tiefen Schlaf zu thun — schwer 
krank — bewußtlos da zu liegen, um mit dem Frieden, mit 
der Rückkehr zu erwachen." — 
Diesen Geist echt preußischer Vaterlandsliebe zeigten die 
Familien des Hofpredigers Sack und des Grafe» Dönhoff 
auch im Verkehr mit der französischen Einquanierung, die so 
drückend wurde, daß die Familie Sack an die Verpfändung 
ihres Silbergerätes dachte, und Graf Dönhoff große Summen 
aufnehmen mußte, da er von den Einkünften aus seinen 
Gütern völlig abgeschnitten war; „die Möglichkeit dazu sah er 
als einen großen Segen an, denn es galt, für einen rücksichts 
losen und unersäitlichen Feind zu sorgen." Beide Familien 
vergaßen niemals die Schranke, die der Krieg zwischen 
ihnen und den Franzosen errichtet hatte, und beschränkten den 
Verkehr mit denselben auf den unumgänglich notwendigen. 
Beim Hofprediger Sack verkehrte ein kleiner Kreis von Patrioten: 
Justizrat Spalding vom Kammergericht, Professor Spalding 
vom Grauen Kloster, beides Brüder der Hausfrau, Geh. 
Finanzrat Gerhard, Eichhorn damals Kammergerichls-Assessor. 
Alle diese Männer waren erfüllt von dem patriotischen Geiste, 
der den Hosprediger Sack und seine Fainilie erfüllte. 
Ueber den Kriegsschauplatz waren die tollsten Gerüchte 
im Umlauf. Den Berliner Zeitungen schenkte man keinen 
Glauben: sie waren ganz im franzosenfreundlichen Geiste ge 
halten. Die beiden alten privilegierten Zeitungen, die Vosfische 
und die Spenersche, die damals dreimal wöchentlich erschienen, 
wurden von den französischen Siegern einfach gezwungen, die 
kaiserlichen Bulletins, die französischen Prahlereien und 
Schmähschriften abzudrucken. Man darf ihren Redakteuren 
daraus keinen Vorwurf machen; die Franzosen hatten eben 
die Macht in den Händen, und sie hatten anderwärts gezeigt, 
wie rücksichtslos sie dieselbe zu gebrauchen wußten. Aus dem 
Inhalte der in Berlin zur Franzosenzeit unter dem feindlichen 
Druck erscheinenden Zeitungen darf man daher nicht, wie dies 
vielfach geschehen ist, auf die Gesinnungslosigkeit der Berliner 
im allgemeinen schließen. Auch darf man die Berliner nicht 
für das Erscheinen des „Telegraphen" verantwortlich machen, 
den der erbärmliche Lange (alias David söhn) redigierte 
(vergl. „Bär" 18. Jahrgang, Seite 111). Dieser verächtliche 
Renegat hatte den „Telegraphen" „zur Belebung des preußischen 
Patriotismus" gegründet, trat jedoch, als die Nachricht von 
der Niederlage bei Jena und Auerstädt in Berlin eintraf, 
freiwillig in den Dienst und in den Sold der Franzosen 
und stellte sein Blatt dem Kaiser zur Veröffentlichung der 
schamlosesten Schmähungen der Königin Luise zur Verfügung. 
Wie sehr sich der erbärmliche Wicht dadurch bei den preußischen 
Patrioten verhaßt machte, beweisen die zahlreichen Spottbilder, 
die zu seiner Verhöhnung erschienen. Der Mann mußte so 
gar vor den Thätlichkeiten der empörten Berliner bei seinen 
französischen Gönnern Schutz suchen. 
Einen schweren Vorwurf hat man den Berlinern aus 
ihrer Haltung beim Einzuge des Kaisers Napoleon am 
27. Oktober 1806 gemacht. Das Material haben dazu in 
erster Linie die Berliner Zeitungen geliefert. Es liegt jedoch 
auf der Hand, daß die von diesen gegebenen Schilderungen 
von dem „großen Jubel" der Berliner beim Einzuge Napoleons 
keine geschichtliche Beweiskraft besitzen. Eine objektive 
Schilderung der Volksstimmung in Berlin war unter der 
französischen Censur eben ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist 
ein großes Verdienst der Pufahlschen Schrift, einmal die 
Zeugnisse zusammenzustellen, die das Verhalten der Berliner 
in das rechte Licht rücken. Erwähnung verdienen die Worte 
Sophie Schwerins, die später schrieb: „Ob von dem Vivat 
rufen, mit dem Napoleon nach dem Zeugnis so vieler Journale 
in Berlin empfangen worden sein soll, auch nur das Mindeste 
gegründet ist, darüber konnten wir nie etwas Bestimmtes 
erfahren . . . Brauchte General Hulin zur Verherrlichung 
des von ihm veranstalteten Triumphzuges Stimmen, um Vive 
Napoleon! zu rufen, so können diese in einer großen Stadt 
wie Berlin unter dem Gesindel nicht schwer aufzubringen 
gewesen sein; nur habe ich nie begriffen, wie man sie unter 
dem betäubenden Jubelrufe der ihn begrüßenden Garden 
unterschieden haben will." — Nach dem Augenzeugen Basse- 
witz hat unter den Neugierigen große Stille geherrscht, und 
die „gedungenen Jungen aus dem Pöbel" haben mit ihrem 
Rufe keinen Anklang im Volk gefunden. F. von 
Raumer, ebenfalls ein Augenzeuge, sagt in seinen Lebens 
erinnerungen": „Die französischen Berichte und die in Paris 
befindlichen Gemälde von großem Beifall, flehenden Damen 
und dergl. find durchaus unwahr und erlogen." — Bignon 
schreibt in seiner „Histoire äs France“: „Napoleon fit 
son entree solennelle ä Berlin, re^ut aux portes de la 
vilie les hommages du corps municipal et descendit 
au vieux chäteau.“ — Thiers schildert in seiner „Histoire 
du Con8ulat et de l’Empire“ die Stimmung der Berliner: 
„La foule etait silencieuse, saisie ä la fois de tristesse 
et d’admiration Les femmes de cette 
bourgeoisie prussienne semblaient avides de ce 
spectacle .... quelques-unes laissaent couler des 
larmes, aucune ne poussait des cris de liaine, ou des 
cris de flatterie pour le vainqueur. Heureuse la Prasse 
de n’etre pas divisee, et de garder sa dignuite dans 
son desastre!“ - Das 21. Bulletin, das Napoleon wahr 
scheinlich selbst verfaßt hat. und das vom 28. Okiobcr datiert ist. 
meldet einfach: „La foule immense etait accourue sur 
son passage; l’avenue de Charlottenbourg a Berlin 
est tres-belle.“ Daß der jubelnde Empfang und die 
glänzende Beleuchtung erzwungen waren, bestätigt Karoline 
Sack in ihren Aufzeichnungen: „Das Erschrecklichste an diesem 
Abend war, daß wir die Fenster von einigen unserer Nachbarn er- 
leuchtel sahen — doch trösteten wir uns damit, daß dort vielleicht 
französische Offiziere wohnten, die dies für sich angestellt hatten; 
aber leider hörten wir am andern Morgen, daß dies von 
seilen des Magistrats befohlen war!! Em großer Teil der 
Stadt und auch unsre ganze übrige Straße (Grünstraße) hatte 
nichts von jenem Befehl erhalten, und so waren wir diesem
        
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