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Periodical volume 17. Juli 1897, No. 29

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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und unter unserm Regiment verbleibt? Ist es für ihn schlimm, 
preußisch oder russisch oder österreichisch zu werden? Verliert 
et irgend etwas dadurch? Was hat er überhaupt zu verlieren? 
Hat er je eine Vorstellung von dem Worte „Vaterland" ge 
habt? Sein ganzes Begriffsvermögen geht auf in dem Worte 
„Gehorsam", Gehorsam gegen den Woiwoden, und Gehorsam 
gegen den Priester." 
„An dem, was Sie sagen, ist leider nur zu viel wahr." 
„Die beiden letzten haben unsre Konsöderationsheere zu 
sammengetrieben. Wo sie aber versagen, ist mit unserem Land 
volk — Bürger können wir ja nicht sagen — nichts zu machen!" 
„O, es ist schrecklich, schrecklich!" rief die Gräfin. „Sind 
wir denn wirklich so machtlos? Müssen wir ruhig zusehen, 
wie das Verderben immer weiter schreitet?" Sie preßte beide 
Hände gewaltsam gegen die Schläfen und lief aufgeregt im 
Zimmer auf und ab. während Thränen aus ihren Augen 
stürzten. 
Der Fürst Sokolnicki hatte sich ebenfalls erhoben und 
bemerkte: „Das einzige, was wir thun können und müssen, 
ist, daß wir unsern kämpfenden Brüdern drüben Mannschaften 
und Geld schicken." 
Die Gräfin trat auf ihn zu, legte ihre Hände auf seine 
Schultern und rief erregt: „Nehmen Sie alles, was ich habe! 
Nehmen Sie alles! Ich will gleich morgen einen Boten nach 
Gnesen zu dem Juden Simon Levy schicken. Er soll her 
kommen. Er muß Rat, muß Geld schaffen! Für mich hat 
alles keinen Wert, wenn ich in fremder Knechtschaft leben soll!" 
„Sie find der Edelmut in Person, teuerste Lodoiska, 
und ich füge mich unbedingt Ihrem Willen. Ich will auch 
wünschen, daß Ihr heldenmütiges, großes Opfer nicht umsonst 
gebracht wird. Allein ich fürchte: wa§ dieser preußische 
schwarze Adler einmal mit seinen Fängen erfaßt hat, das 
giebt er nicht wieder her. Was nun die Truppensendungen 
anbelangt, so scheint cs mir am besten, daß wir einzelne 
kleine Trupps über die Grenze gehen laffen, die sich dann 
jenseits derselben vereinigen und unser Heer verstärken können. 
Die Entscheidung wird dort fallen, wo sich die Heere 
gegenüberstehen." 
„Ist unsere Lage nicht doch wesentlich beffer geworden, 
seitdem der König von Preußen die Belagerung von Warschau 
aufgehoben hat?" 
„Sie denken nicht an die Russen, teure Gräfin, die unter 
dem schrecklichen Suwarow mit ungeheurer Uebermacht einge 
drungen find. Wenn sich ihr Heer mit dem preußischen vereinigt, 
find wir verloren. Beide Heere zusammen erdrücken uns." 
Da wurde die Thür heftig aufgeriffen, und Wanda stürzte, 
ohne anzuklopfen, herein. 
„Sie kommen, sie kommen!" schrie sie mit allen Zeichen 
des Entsetzens. 
„Wie kannst Du Dich unterstehen," — rief die Gräfin. 
„Wer kommt?" rief der Fürst. 
„Die Preußen, die Preußen! Sie halten schon am Krug!" 
Wanda mußte in Eile berichten, was sie erfahren hatte. 
Dann wurde sie wieder hinausgeschickt. 
„Schleunigst müffen Sie fort!" sagte die Gräfin zu dem 
Fürsten. „Um keinen Preis darf man Sie hier finden!" 
„Fatal!" entgegnete der Fürst. „Auf morgen abend 
habe ich eine Zusammenkunft mit verschiedenen Edelleuten hier 
bei Ihnen verabredet, um wichtige Angelegenheiten zu besprechen! 
Ihrer gütigen Zustimmung hielt ich mich im voraus ver 
sichert!" 
„Gewiß, gewiß! Aber die kann jetzt nicht nicht mehr 
stattfinden. Das ganze Schloß wird voll von Soldaten sein." 
„Leider ist es nicht mehr möglich, die Versammlung ab 
zubestellen." 
„Was dann anfangen? Sollten die Preußen vielleicht 
nicht hier bleiben, sondern gleich weiter marschieren?" 
„Das ist kaum anzunehmen. Jedoch, ich weiß Rat, Sie, 
teure Lodoiska, müffen morgen Geburtstag feiern. Nichts 
versteht sich mehr von selbst, als daß die benachbarten Edel 
leute Ihnen zu demselben ihre Glückwünsche darbringen. Und 
auch ich darf dann kommen und Ihnen gratulieren, da ich zu 
fällig bei Kosinsky zum Besuche bin." 
„Das geht! So wird den Preußen eine Nase gedreht. 
Aber nun fort, fort! Gott schütze Sie!" 
Sie reichte ihm die Hand zum Abschied, die er ehrerbietig 
an die Lippen führte. 
Darf ich mir heute keinen süßeren Lohn mit auf den 
Weg nehmen?" fragte der Fürst zärtlich, indem er den Arm 
um ihre Schultern, legte und ihr liebevoll in die Augen blickte. 
„Nein!" sagte die Gräfin, sich ihm sanft entwindend. 
„Du kennst unsern Pakt, Ladislaus. Erst wenn Du als 
Sieger zu mir kommst, bin ich ganz Dein!" 
Stumm neigte der Fürst das Haupt und wandte sich 
zur Thür. 
Da sprang die Gräfin hinter ihm her: „Nicht doch! 
Labislaus!" rief sie. „Nein! So sollst Du nicht gehen!" Zu 
gleich schlang sie beide Arme um seinen Hals und küßte ihn 
stürmisch auf den Mund. „Ladislaus! Du meine einzige Hoff 
nung! O. könnte ich diese Preußen vergiften! Wann werden 
wir wieder allein zusammen sein?" 
„Du darfst die Feinde nichts merken lassen, Lodoiska! 
Der Gewalt muß man sich fügen. Du mußt Dich im Gegen 
teil diesen Preußen gegenüber recht freundlich benehmen, um 
sie zutraulich und sicher zu machen. Jedenfalls bekommst Du 
den Kommandeur ins Schloß. Vielleicht kannst Du durch ihn 
über ihre Absichten etwas erfahren. Einer schönen Frau." 
fügte er lächelnd hinzu, „widerstehen die Männer selten." 
„Aber Ladislaus!" 
„Ich werde Dich doch in solchem Falle nicht mit Eifersucht 
plagen." entgegnete er, indem er sie nochmals stürmisch in 
seine Arme schloß. 
„O Vaterland! Du verlangst doch schwerere Opfer, als 
ich gedacht!" 
Da erscholl aus der Ferne Pserdegetrappel. Noch ein 
flüchtiger Kuß, und der Fürst huschte zu einer Hinterthür hin 
aus. während auf der Vorderseite des Schlosses ein Trupp 
Husaren heranritt und unter den Linden Halt machte. 
(Fortsetzung folgt.) 
gfllifllnfsdMtf, te. Snmmcmmito. 
(Mit drei Abbildungen.) 
Der um die Erforschung der Geschichte Berlins hoch ver 
diente Amtsrichter Or. jur. Friedrich Holtze hat Ende 
vorigen Jahres im Verlage von Franz V ah len in Berlin 
eine „Lokalgeschichte des Königlichen Kammergerichts" 
(Preis geheftet 3,80 M., gebunden 3,60 M.) erscheinen lassen
        
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