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Periodical volume 10. Juli 1897, No. 28

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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halten. So trug selbst diese Anlage den Charakter des Ruinen, 
haften, der auf dem Ganzen lag. 
Die einige hundert Schritte seitwärts liegenden aus 
gedehnten Wirtschaftsgebäude sahen noch verfallener und ver 
kommener aus. Die langgestreckten, moosbewachsenen Stroh 
dächer zeigten zahlreiche schadhafte Stellen, welche dem Regen 
und dem Wind ungehindert Eingang boten. Keine Thür, 
kein Fensterladen schloß richtig. Auf dem Hofe lag und stand 
das Wirlschaftsgerät regellos durcheinander, den Einflüssen der 
Witterung schutzlos preisgegeben. Was beschädigt war, wurde 
nicht ausgebessert; es blieb liegen und verfaulte; dafür wurde 
Neues angeschafft. Die Knechte und Mägde, die Arbeiter, 
fast lauter Leibeigene, schlurften umher mit verdrossenen oder 
schnapsgeröteten Gesichtern. Hier hörte man kein Lachen, kein 
Volkslied. Stumm that dies Volk von Sklaven seine Arbeit, 
soweit es durch Schelle oder Knute dazu gezwungen wurde; 
stumm ertrug es die Prügel als etwas Selbstverständliches, 
hündisch unterwürfig gegen den Starosten, den allmächtigen 
Gebieter im Diesseits, demütig bigott gegen den Propst, den 
strengen Vermittler zum Jenseits. Die einzige Erholung war 
der Branntwein, dessen übermäßigem Genuß Mann. Wcib 
und Kind ergeben waren. Man berauschte fich, prügelte sich 
und schlief in irgend einem Winkel seinen Rausch wieder aus. — 
In einem Zimmer dieses polnischen Elysiums saß oder 
lag vielmehr in einem kostbaren Armstuhl die schöne Ge 
bieterin des großen Besitzes, die Gräfin Lodoiska Dombicka. 
Sie mochte ungefähr 24 bis 25 Jahre zählen und würde 
für ein vollendet schönes Weib haben gelten müssen, wenn 
ihre Augen nicht zuweilen einen unsteten, flackernden Ausdruck 
angenommen hätten, der ihrem Wesen etwas Dämonisches 
verlieh. 
Etwas über Mittelgröße, von vollen Formen, die sie zu 
verbergen keineswegs bemüht war, zeigte sie in ihrem nicht 
gerade regelmäßigen, aber äußerst pikanten Gesicht den reinsten 
sarmatischen Typus und jene zarte Blässe, die für besonders 
vornehm gilt. Ihr Haupt war umwallt von einer Fülle 
glänzend schwarzer Locken — die Gräfin verschmähte den Ge 
brauch des Puders —, welche förmlich bläuliche Funken sprühten, 
sobald ein Lichtstrahl auf sie fiel. Das Bestrickendste an ihr 
aber waren ihre großen schwarzen Augen, welche alle wechselnden 
Empfindungen der Seele deutlich wieder strahlten und bald un 
nahbare Hoheit, bald zärtliche Hingebung oder schmachtende 
Sehnsucht auszudrücken vermochten. Die Gräfin war Witwe, 
ihr Gemahl war vor zwei Jahren in einem der zahlreichen 
Aufstände gegen die einrückenden Russen gefallen. 
Das Zimmer, obwohl auf das kostbarste eingerichtet, 
wies dieselbe Verwahrlosung auf, wie alles übrige. Die teuren 
Seiden- und Spitzenvorhänge hatten große Löcher, bie pracht 
vollen Teppiche zeigten Flecken von allerhand verschürtelen 
Speiseresten, die Seidentapeten an den Wänden hingen an 
einigen Stellen in Fetzen herab, und auf den regellos umher- 
stehenden zahlreichen Nippfiguren lag dicker Staub. 
Die Gräfin hatte in einem französischen Roman gelesen. 
Jetzt warf sie ihn gelangweilt auf den Boden und ging mit 
großen Schritten mehreremale ruhelos im Zimmer auf und ab. 
„Wanda!" rief sie. 
Wanda, ein frisches, junges Polenmädchen in der Landes 
tracht, erschien sofort im Thürrahmen. 
„Oeffne ein Fenster! Es ist erstickende Luft hier." 
Wanda öffnete. 
„Nein, mache es wieder zu! Es zieht." 
Wanda schloß das Fenster wieder. 
„Was stehst Du so da, als könntest Du nicht drei zählen? 
Sprich etwas!" 
„Was soll ich sprechen, Herrin? Ich weiß nichts." 
„Dummkopf! Ist niemand angekommen?" 
„Nein. niemand." 
Die Gräfin ging wieder einigemale im Zimmer auf und 
ab. Dann herrschte fie das Mädchen an, welches mit auf 
der Brust gekreuzten Armen neben der Thür stand: „Hole mir 
meine Goldkette mit dem Kreuz, und lege fie mir um!" 
Wanda ging zu einem kostbar geschnitzten Schrank von 
Rosenholz, zog eine Schublade auf und brachte ein Kästchen 
von Ebenholz mit eingelegter Perlmutterarbeit, welches die 
Schmucksachen der Gräfin enthielt. Sie entnahm demselben 
eine feine goldene Kette mit großem goldenen Kreuz und 
schickie sich an, dieselbe um den weißen Nacken der Gräfin zu 
legkn. Da fie nicht rasch genug mit dem künstlichen Verschluß 
fertig werden konnte, schrie die Gräfin: „Ungeschick Du!" und 
schlug ihr mit dem Elfenbeinfächer ins Gesicht. Durch den 
Schlag zerbrach das zarte Gebilde, und. wütend darüber, stieß 
fie dem Mädchen den spitzen Stiel in die Wange, daß gleich 
das Blut herabrieselte. 
„Du jämmerliche Dirne! Mußtest Du mir auch noch 
den Fächer zerbrechen?" 
Das Mädchen erwiderte keine Silbe, obgleich sich ihre 
Augen vor Schmerz mit Thränen füllten. 
„Geh hinaus, Du Ungetüm! Ich will allein sein." 
Wieder nahm fie ihre Wanderung auf. 
„Wenn er doch käme!" murmelte sie vor sich hin. „Diese 
Ungewißheit ist schrecklicher als der Tod." 
Sie lief ans Fenster, öffnete es, sah hinaus und schloß 
es wieder. 
„Ladislaus ist der einzige, der es fertig bringt. Er ist 
gewandt, thatkräftig und besitzt Ueberredungskunst", murmelte 
fie vor fich hin. 
„O mein teures Vaterland!" rief fie laut aus, indem 
sie schmerzlich die Hände rang. „Was ist aus Dir geworden! 
Wie konnte die Vorsehung es zulassen, daß solch ein stolzes, 
schönes Königreich so erniedrigt wurde? Wie habe ich für Dich 
gebetet und Opfer gebracht! Alles umsonst, alles umsonst! Ein 
Stück um das andere reißen die beutegierigen Nachbarn ab. 
Nur ein kläglicher Rest ist geblieben. Auch mein Besitztum 
hat der preußische Adler an sich gerissen. Wo wir seit Jahr 
hunderten gewaltet haben frei, unumschränkt, wie kleine Kö 
nige, sollen wir Unterthan sein einer Regierung, einer Sorte 
von Menschen, die nicht einmal unseres gleichen ist. Aber noch 
ist nicht alles verloren. Wenn nur Ladislaus käme! Ich werde 
noch wahnsinnig. Wäre ich ein Mann!" 
(Fortsetzung folgt.) 
Von S. S ch e f f e r. 
Die Geburt des nachmaligen Kaisers Wilhelm des Großen 
wurde bekanntlich von seinem Königlichen Großvater Friedrich 
Wilhelm II. mit um so höherer Freude begrüßt, als derselbe 
nur wenige Monate zuvor durch den Tod seines zweiten
        
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