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Periodical volume 10. Juli 1897, No. 28

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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entführte den Rauch, er mochte sich ein Loch im Dache suchen; 
kein Ofen wärmte das Innere, nur der niedrige Feuerherd, 
über welchem an einer Kette der große Kessel hing, in dem 
alles gekocht wurde, und den man niemals reinigte. In den 
einzigen Raum der Hütte teilte sich die Familie des Eigen 
tümers mit dem vorhandenen Vieh, von demselben nur durch 
niedrige Verschlage getrennt. 
In diesen höhlenartigen Löchern, abends nur vom qual 
menden Kienspan erhellt, klapperte kein Webstuhl, schnurrte 
kein Spinnrad. Selbst der Schneider zog hier nur wandernd 
durch das Land. Auch die wenigen Bauernhöfe unterschieden 
sich von der Behausung der Kossäten allein dadurch, daß bei 
ihnen eine größere Anzahl solcher Höhlen zusammenlag. 
Nur die Wohnung des Proboszez, des katholischen Propstes, 
war etwas behaglicher. 
Vor den Thüren standen die Bewohner, umringt von 
Scharen schmutziger, halbnackter Kinder, welche sich mit den 
Schweinen um die Wette in den kotigen Pfützen tummelten — 
die Männer im zerrissenen Pelz, die Confederetka auf den 
struppigen Köpfen, die Weiber in kurzen Röcken und mit dem 
bunten Kopftuch. Stumpfsinnig glotzten sie die vorüberziehenden 
Krieger an. 
Seil einem Jahre waren sie preußisch geworden. Ihr 
Los aber hatte sich in dieser kurzen Zeit noch nicht gebessert; 
ob sie auf preußisch, russisch oder polnisch geprügelt wurden, 
blieb sich gleich. Und geprügelt wurde nach wie vor. Der 
Starost war, wie früher, der einzige Gerichtsherr und verhängte 
bei dem geringsten Vergehen willkürlich die grausamsten Strafen. 
Karl Aegedius fragte einen der Männer nach der Wohnung 
des Starosten. 
„Niech. bedzie pochwalony, Gelobt sei Jesus 
Christus," antwortete dieser und schüttelte mit dem Kopfe 
zum Zeichen, daß er nicht deutsch verstehe. 
„Vielleicht kann uns der Jude Auskunft geben," bemerkte 
der Leutnant. Zugleich machte er dem Bauer durch das 
Zeichen des Trinkens klar, daß er den Wunsch habe, nach der 
Wohnung des Juden geführt zu werden. Das hatte er 
denn auch sofort begriffen, und er setzte sich an die Spitze der 
Kolonne. 
Der Jude war nächst dem Starosten und dem katholischen 
Geistlichen, falls ein solcher am Orte war, die wichtigste Person 
im Dorfe. Er allein handelte mit dem vielgeliebten Brannt 
wein, hatte den Krug, das Dorfwirtshaus, vom Starosten ge 
pachtet und verkaufte allerlei kleine Lebensbedürfnisse. Auch 
handelte er dem Bauern seine Felle und das wenige Getreide 
ab, welches er zu verkaufen hatte. Zu alle dem war er für 
die leichtsinnigen Edelleute bei ihrer fortwährenden Geldnot 
oft der einzige Helfer. Ohne den Juden wäre die Existenz 
ganz undenkbar gewesen. 
Außer den schmutzigen, schachernden Juden auf den 
Dörfern gab es in den Städten auch angesehene, reiche Juden, 
denen oft schon die ganze Ernte auf den Gütern gehörte, 
bevor sie abgemäht war. 
Es dauerte nicht lange, so waren die Krieger am Kruge 
angelangt, einem langen, einstöckigen Gebäude — wie die 
übrigen, nur besser in Stand gehalten. Unmittelbar von der 
Straße trat man in die Wirtsstube, in der einige roh ge 
zimmerte Tische und Bänke standen. Neben der Wirtsstube 
lag noch ein Raum, der mit allen möglichen Gegenständen 
und Vorräten angefüllt war. 
Der Jude empfing die Offiziere — unter zahllosen Ver 
beugungen, bei denen die dünnen Korkzieherlocken an seinen 
Schläfen hin und her baumelten, — schon vor der Thür. 
„Dzien dobry Pan, guten Tag. gnädiger Herr! Was 
für große Ehre, daß der Herr Graf wollen besuchen mein 
schlechtes Haus!" 
Er verstand wenigstens etwas deutsch. 
Dann nahm er sofort vom Schenktisch ein großes Schnaps 
glas. unbekümmert darum, daß auf dem Boden desselben noch 
von dem vorigen Trinker her ein Restchen Schnaps war, in 
dem sich einige Fliegen ersäuft hatten. Er füllte es aufs 
neue mit Schnaps und reichte es Karl dar. Dieser aber 
wandte sich mit Ekel ab und gab es dem Bauer, der es 
mit strahlendem Gesicht auf einen Zug leerte. 
Karl fragte nun den Juden nach dem Schloß des 
Starosten. Nebenbei ließ er die Bemerkung fallen, daß es 
ihm kaum möglich scheine, hier seine Schwadron für einen 
längeren Aufenthalt unterzubringen. 
„To nie nie szkodzi, das schadet nichts," erwiderte der 
Jude. „Die Bauern werden einfach hinausgeworfen, das 
sind sie schon gewohnt." 
Dann erbot er sich, den Herren einen Führer nach dem 
Schlosse mitzugeben. 
„David, moj synek, David, mein Söhnchen!" rief er 
in den Hintergrund. „Führe den Herrn Grafen nach dem 
Schlosse von Pan Dombicki!“ 
Sofort sprang ein ungefähr zwölfjähriger Judenjunge, 
der schon auf der Lauer gestanden hatte, hervor. Er hatte 
pfiffige, schwarze Augen, war aber ebenso schmutzig wie sein 
Vater und steckte in einem ebenso schäbigen schwarzen Kaftan. 
Unförmige lange Stiefel an den Füßen, trabte er dem 
Zuge voran. 
* * 
* 
Das „Schloß" der Dombicki verdiente keineswegs diesen 
Namen. Es war ein langgestrecktes, einstöckiges Gebäude mit 
einem Halbstock als Unterkellerung. Ohne jeden äußeren 
Schmuck, mit einfachem weißen Putz, der schon an vielen 
Stellen abgefallen war, und einer Unzahl kleiner Fenster, 
war es nächst der Kirche das einzige aus Stein erbaute 
Gebäude im Orte. Da es jedoch bei seiner Länge auch eine 
bedeutende Tiefe hatte, so enthielt es eine große Anzahl 
Zimmer und Zimmerchen und konnte bei Bedarf ziemlich viel 
Gäste beherbergen. 
Vor dem Schlosse breitete sich eine von einigen Wegen 
durchschnittene Wiesenfläche aus. Inmitten derselben standen 
in Kreisform ungefähr ein Dutzend uralte Linden, deren un 
geheure Dicke bekundete, daß sie jedenfalls noch älter waren, 
als das auch schon einer weit zurückliegenden Vergangenheit 
angehörende Schloß. 
Diese Wiese — Pod lipani, Unter den Linden, genannt — 
sollte schon zu heidnischer Zeit eine Opferstätte und Gerichts 
stelle gewesen sein. Jetzt sah die auf ihr stehende Baum 
gruppe ziemlich trübselig aus. Durch das Alter waren viele 
der Stämme ausgefault, so daß die Kinder darin Verstecken 
spielen konnten; Stürme hatten manche der morschen Aeste ge 
knickt. und die zerfetzten Stummel ragten gespenstig in die 
Luft; nur noch wenige der breitlaubigen Kronen waren er-
        
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