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Periodical volume 3. Juli 1897, No. 27

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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wohl mit seinem Vater beiwohnen mußte, eine wahre Tortur. AIs 
in „Tarquinius und Lukrezia". einer Art von Parodie, gesungen 
wurde: „Hab' Dank. Lukrezia, Deiner Ehr'; itzund ersticht sich 
keine mehr" lachte der König laut und sah sich nach dem 
Kronprinzen um, der keine Miene verzog. 
„Nun, Du lachst nicht?" 
„Ich habe heftige Kopfschmerzen." 
Unwilliges Kopfschütteln des Königs. 
„Nun, wie hai's Dir gefallen?" fragte er dann beim 
Hinausgehen. 
„Recht gut," antwortete Friedrich seinem Vater zu 
Gefallen. 
„Aber ich habe Dich ja nicht ein einziges Mal lachen 
sehen." 
„Mein Kopfschmerz . . . ." 
„Possen," fiel ihm der König ärgerlich ins Wort. „Wenn 
Dir nur Deine Trompeten was vorgeschnattert hätten, dann 
würdest Du wohl gelacht haben." 
Zu den Hauploergnügungen des Königs gehörte die 
Jagd. Doch ließ er die Verwertung der reichen Beute nicht 
außer acht. Alle Beamte, Kaufleute, Gewerke mußten eine 
bestimmte Stückzahl zu bestimmten Preisen annehmen. Wenn 
dabei der Judenschafl vorzüglich die wilden Schweine zuerteilt 
wurden, die sie weder genießen noch verkaufen durfte, sondern 
an die Armen- und Krankenhäuser abgab, so hielt man dies 
im Sinne und Geschmack der Zeit für einen besonders guten 
Spaß. 
War Friedrich Wilhelm auch eben kein großer Freund 
prakitsch unfruchtbarer Gelehrsamkeit, so war er doch keines 
wegs ein unwissender und geistig unfähiger Mann. Er wußte 
und lernte vieles, aber weniger aus Büchern als im Umgänge 
mit Fachmännern, wozu ihm namentlich das viel bespöttelte 
Tabakskollegium Gelegenheit bot. Beschäftigte er sich doch 
in den letzten Jahren seines Lebens eingehend mit der Wölfi 
schen Philosophie, deren Verfasser er früher so ungerecht ver 
folgt hatte, und den er jetzt, bei besserer Erkenntnis, auf alle 
Weise, jedoch vergeblich, wieder zu gewinnen suchte. Von 
den in derselben aufgestellten logischen Regeln wußte er im 
Gespräch einen sehr guten Gebrauch zu machen. Die von 
seinem Vater auf Anregung von dessen geistvoller Gemahlin 
und ihres Lehrers und Freundes Leibnitz in Berlin errichtete 
Akademie der Wissenschaften ließ ec wenigstens bestehen, wenn 
sie auch keineswegs auf ihrer früheren Höhe gehalten wurde. 
Ein Zeugnis davon giebt die im Jahre 1732 erfolgte 
Ernennung des Grafen von Stein^zum Vicepräfidenten der 
selben, dessen Bestallungsurkunde, welche wir nachstehend mit 
teilen, nach Inhalt und Form nicht verfehlen kann, uns 
manches Lächeln abzunötigen. Sie lauset: 
„Wir Friedrich Wilhelm rc. urkunden und bekennen hier 
mit gegen mäunigltch, absonderlich vor der ganzen eruditen 
Well, daß wir den Wohlgebornen, Edeln, Hochgelahrten, 
unsern besonders lieben Grafen von Stein, in Ansehung des 
selben weit und breit erschollener Gelehrsamkeit und Meriten, 
auch in Antiguttäten, allen und neuen Münzen, in Phyficis, 
Mechanicis, Botanicis, Hydraulicis, Staticis, wie nicht weniger 
in der Cabbala und Erkenntniß und Prüfung der guten und 
bösen Geister und deren nützlichem Gebrauch und Mißbrauch, 
ingleichen in der wunderbaren Lehre von den Präadamiten 
und deren vormaligen Wirtschaft und Haushaltung, auch sonst 
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in Historicis, Metaphyficis, Logicis, Rhetoricis und Calopticis, 
vor allem aber in der Algebra arte combinatoria und in der 
Punktirkunst, auch in der weißen und schwarzen Kunst er 
langten staunenswürdigen Gelehrsamkeit und Erfahrung zum 
Vicepräfidenten Unserer Königlichen Societät der Wissenschaften 
ausersehen, ernannt und bestellt haben, also daß besagter 
Graf von Stein der zweite Socius von ermeldeter gelehrten 
Gesellschaft sein, was zu deren Nutzen, Aufnahme und Ruhm 
gereichen kann, beitragen, wie es einem fleißigen, getreuen 
und wohl intendirten Vicepräfidenten und Socio ansteht. Er 
soll auch dahin sehen und fest daran halten, daß die Societät 
sich mit der Edirung gelehrter Schriften distinguire und jedes 
Membrum wenigstens ein Spccimen Eruditionis alle Jahre 
durch den Druck herausgeben müsse. Er, der Viccpräfident 
bleibt aber von dieser Arbeit dispenfiret, obgleich sonsten sein 
herrliches, dem besten Klei- und Weizenacker gleichstehendes 
Ingenium dergleichen Produküoues in Menge hervorzubringen 
mehr als gar zu tüchtig und geschickt wäre. — Auf das 
Kalenderwesen muß der Vicepräfident eine sorgfältige und 
genaue Attention haben, damit kein ünterschleif vorgehen, 
keine fremden Kalender eingeführt, auch die Gelder, so von den 
Kalendern aufkommen, zu kernem andern Ende, als wozu wir 
dieselben destiniret, angewendet, übrigens aber bei Verfertigung 
der Kalender dem Publica und insonderheit denen Curiosis, 
welche zukünftige Dinge vorauswissen wollen, zur Freude und 
Nutzen alle Behutsamkeit gebrauchet, die Prognostica von dem 
Witter ung, Gesundheit und Krankheit, auch Fruchtbarkeit und 
Unfruchlbarkett, ingleichen der Kriegs- und Friedenslauf 
accurat getroffen, der Sonnencirkul nicht verkehrt oder 
viereckig, sondern rund gemacht, die güldene Zahl nach Mög 
lichkeit vermehret, der guten Tage so viel wie immer sein 
können, angesetzt, die bösen Tage aber vermindert werden 
mögen. Daferne auch der Vicepräfident besondere Umstände, 
Veränderungen in dem Lauf der Gestirne anmerken sollte, 
zum Exempel, daß der Mars einen freundlichen Blick in die 
Sonne geworfen hätte, ober daß er mit dem Saturno. Venere 
und Meicurto in Quadrat stände, oder auch daß der Zodiacus, 
wie bereits zu Campanella Zeiten angemerkt worden, sich noch 
weiter aus dem Geleise begeben, oder auch, daß ein Wirbel 
des Himmels den anderen, nach des Cartefii Principiis ab 
schleifen und verschlingen wollte und daher eine übermäßige 
Anzahl von Kometen oder Schwanzsternen zu vermuthen wäre, 
so hat der Graf von Stein, ohne den geringsten Zeitverlust, 
mit den übrigen Sociis darüber zu conferiren und nicht allein 
auf die Ergründung solcher Unordnungen, sondern auch auf 
Mittel und Wege, wie denselben am besten abzuhelfen, sorg 
fältig bedacht zu sein. Und ob es zwar durch den Unglauben 
der Menschen dahin gediehen, daß die Kobolde, Gespenster 
und Nachtgeister dergestalt aus der Mode gekommen find, 
daß fie sich kaum mehr sehen lassen dürfen, so ist dennoch 
dem Vicepräfidenten aus dem Prälorio und anderen bewährten 
Autoribus zur Genüge bekannt, wie es an Nachtmähren. 
Bergmännlein, Drachenkmdern, Irrwischen, Nixen, Wehr 
wölfen, verwünschten Leuren und andern dergleichen Satans- 
gesellschaften nicht mangele, sondern deren eine große, Anzahl 
in den Seeen, Pfuhlen, Morästen. Haiden, Graben und 
Höhlen, auch hohlen Bäumen verborgen liegen, welche nichts 
als Schaden und Unheil anrichten, und wird also der Graf 
von Stein nicht ermangeln, sein Aeußerstes zu thun, um die
        
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