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Periodical volume 26. Juni 1897, No. 26

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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stand er, Wie keiner, seine Härten im Umgänge mit seinen Untergebenen 
rasch wieder gut zu machen. Einem Kanzleidiener, der eine von Stein 
unterschriebene Schrift aus Versehen mit dem Tintenfasse statt mit der 
Streusandbüchse überschüttete, rieb er das mit Tinte geschwärzte Papier 
derartig ins Gesicht, daß dieser, wie ein Mohr aussehend, eiligst das 
Zimmer verließ. Als derselbe Beamte am nächsten Morgen in die 
Kanzlei trat, fiel sein Blick mit großer Unruhe sogleich auf das besudelte 
und zerknitterte Papier, w-lchcs ihn an die gestrige Ungeschicklichkeit er 
innerte und sich augenblicklich in den Händen des Frciherrn befand. 
Letzterer winkte den Diener zu sich heran und übergab ihm das zusammen 
gefaltete Papier mit den Worten: 
„Nehmen Sie es mit nach Hause, ich habe nämlich nachträglich 
noch eine besondere Sorte Streusand auf die Tinte gethan, den mögen 
Sic auch zur Heilung des Schadens verwenden, welchen ich Ihnen gestern 
zufügte!" 
Der Diener nahm das Dokument entgegen; da rollte ihm plötzlich 
ein Doppel-Louisdor in die Hand. Stein aber, die Dankcsäußerung 
des bestürzten und zugleich erfreuten Mannes abschneidend, sagte zu ihm: 
„Strafe muß sein; gestern für Ihre Ungeschicklichkeit, heute für 
meinen Jähzorn." —än— 
Vom Hildesheimer Silberschatz. Seit einiger Zeit ist man im 
Antiquarium" 'Ilkk^MklAWÄt^Müseen zu Berlin damit beschäftigt, die 
defekten Stücke des Hildesheimer Silberschatzes, nachdem sie bisher in 
dem Zustande, in dem man sie vor 29 Jahren gefunden hatte, gelassen 
waren, auszubessern, um sie vor weiterer Beschädigung zu schützen. Die 
abgefallenen Henkel und Füße der Gefäße werden wieder angesetzt, die 
Löcher durch Einführung von Silberplatten ausgefüllt und einzeln er 
haltene Bruchstücke, soweit es möglich ist, in ihrem ursprünglichen Zu 
sammenhange wieder eingefügt. Die Arbeit ist an verschiedenen Gefäßen 
bereits durchgeführt, so außer an kleineren Stücken namentlich an dem 
großen Mischkrug, dem Prachtstück der ganzen Sammlung, der nun wieder 
auf seinem alten Fuße steht und dessen äußerer, mit dem reichsten und 
feinsten Rankenwerke dekorierter Mantel jetzt nicht mehr die klaffenden 
Lücken ausweist, die früher den Eindruck störten. Von anderen größeren 
Gefäßen ist ebenso der durch seine halb barbarisch anmutende Verziern: g 
von Thicrstreifen und Ranken merkwürdige Humpen hergestellt. Weiter 
hat sich aus zahlreichen Stücken eine große, mit Riefelungen versehene 
Schüssel zusammensetzen lassen, die bei der Auffindung des Schatzes noch 
vollständig gewesen war. Aber auch um ein ganz neues und besonders 
anziehendes Stück haben diese Hcrstcllungsarbeiten den Schatz bereichert. 
Wie die amtlichen Berichte aus den königlichen Kunstsammlungen mit 
teilen, hoben sich einige lose Stücke, die bisher in ihrer Zusammengehörig 
keit nicht erkannt worden waren, als Teile eines sehr zierlichen kleinen 
Dreifußes erwiesen. Auf der Platte des Dreifußes steht eine ebenfalls 
bisher unbeachtet gebliebene Inschrift, die den Namen eines M. Scato, 
des vermutlichen B:sitzcrs, und dazu die Angabe enthält, daß der Drei 
fuß ursprünglich mit noch einem anderen gleichartigen Stücke zu einer 
Garnitur gehörte und beide zusammen ein Gewicht von 2 13 / 24 römischen 
Pfund hatten. Sammelbörse. 
WleLertäuM-Lhsien.' In einem Gute in Flensburg wurde ein 
sogenannter Wiedertäufer-Thaler aufgefunden, welcher aus der Zeit 
Johanns von Leyden stammt. Der Avers trägt folgende Aufschrift: 
Mcht In Gaen Dat Wort Is Fleisch G: worden Un Wanet ln ths 
Nicht Gebor ls U h. De Wat Un Geis Mag We. Auf dem Revers 
steht: lud Litze Godes Ein Konick. Ein Godt Ein Gelove Ein Doepe. — 
1534 Tho Munster. 
Aus der Kaschubei. „Wo kommen die Kaschuben her — es sind 
so Ml, wie Sand am Meer — ? — Ut Stolp, ut Stolp, ut Stolp!" 
sind die Worte, welche der Soldatenhumor der pommcrschen Regimenter 
dem Zapfenstreich unterlegt. Aber der Vergleich mit dem Sand am 
Meer hinkt; denn die Kaschuben schmelzen immer mehr zusammen. Gegen 
Ende des vorigen Jahrhunderts gab cs noch viele Kirchspiele, welche 
das Kassubische redeten. Jetzt wird bald der letzte begraben sein, 
der Kassubisch versteht. So war im Kirchspiel Chardrow, Kreis Lauen 
burg, in der Mitte des vorigen Jahrhunderts das kassubische Element 
überwiegend. 1859 waren höchstens noch 8 Kassuben im Kirchspiel 
vorhanden, deren letzter, ein Fischer, 92 Jahre alt, 1872 starb. Anderswo 
wird in einigen Gemeinden noch kassubisch gepredigt. In einer derselben 
wollte der Prediger einem alten, kranken Kaschuben, der auch deutsch 
berstand, ins Gewissen reden, und zwar in deutscher Sprache. Da wandte 
sich der Mann um und meinte: „Ach Wat, ick mot kassubisch vermahnt 
werden!" E. K. 
Kücherttfch. 
Wandkarte der Umgebung von Berlin. Von Chr Peip. Stuttgart, 
Verlag von Hobding u Büchle. Preis 6 Mk. 
Der Verfasser des Taschen-Atlasscs von Berlin und Umgebung 
(Preis 2 Mk.) ist in den weitesten Kreisen märkischer Wanderer rühmlichst 
bekannt. Die Vorzüge seines Taschen-Atlasses: ein klares, übersichtliches 
Bild der Landschaft, Angabe der Entfernungen auf den Wegen, billiger 
Preis, find auch seiner neuen märkischen Wandkarte eigen. Dieselbe ist 
>m Maßstabe 1:75000 gehalten (die Generalstabskarten haben 1:900000) 
und dürfte sich namentlich für Schulen, Gasthöse. Restaurationen. Ver- 
eme, sowie zum eingehenden Studium der Umgebung Berlins empfehlen. 
Die Wandkarte gliedert sich in 4 Sektionen und giebt ein überaus an 
schauliches Bild der Landschaft zwischen Fehrbellin und Eberswalde (als 
nördliche Begrenzung) und Trebitz und Bugk am Schweriner See (als 
südliche Begrenzung'. Nicht verabsäumen will ich bei dieser Gelegenheit, 
nochmals auf den Peip sehen Taschen-Atlas mit wärmster Empfehlung 
hinzuweisen. Ich habe ihn auf zahlreichen Wanderungen praktisch er 
probt und in ihm stets einen selten zuverlässigen Führer gefunden, 
welchen jeder besitzen sollte, der in der Mark Wanderungen unternimmt. 
—e. 
Prinz Wilhelm. Vaterländische Erzählung von Ludow i ca H esc kiel. 
2. Auslage. Berlin, Verlag von Otto Zanke. Preis 1 Mk. 
Diese Erzählung der rühmlichst bekannten, in der Blüte ihres 
Schaffens verstorbenen vaterländischen Schriftstellerin sollte in der 
Bibliothek jeder Berliner Familie zu finden sein. Sie giebt ein packendes 
Bild des vormärzlichen Berlins mit seiner kleinbürgerlichen Gemütlichkeit. 
Die lokale und kulturhistorische Färbung ist meisterhaft gelungen, der 
warme Patriotismus geht zu Herzen, da er aus dem echt preußischen 
Herzen der Verfasserin stammt. — y. 
Die Nummer 2816 der „Illustrierten Zeitung" in Leipzig enthält 
zunächst eine Reihe Bilder zum 60jährigen Herrscherjubiläum der Königin 
von England nebst einem interessant geschriebenen Leitartikel über die 
Jubilarin aus der Feder von Wilh. F. Brand. Die Bilder umfassen 
das Porträt der Jubilarin (ganzseitig), dann 4 Bilder: Jugendporträt, 
die Königin an ihrem Hochzeltstage, die Königin im Krönungsornat 
und ein Porträt der Jubilarin ans der Zeit ihrer Thronbesteigung. 
Die vielgenannten sehenswerten Schlösser der Königin: Buckinghampalast 
in London. Balmoral in Schottland, Osborne auf der Insel Wight 
und Schloß Windsor sind nach photographischen Aufnahmen sehr wirkungs 
voll wiedergegeben. Das sensationellste Ereignis der letzten Tage, das 
Schicksal von Dr. Wölferts Luftschiffahrt mit seinem lenkbaren Ballon 
wird durch ein großes ganzseitiges Bild: Die Explosion des Luftschiffs 
auf dem Tempelhofer Feld bei Berlin am 12. Juni (nach der Skizze 
eines Augenzeugen), sowie durch die Ansicht des genannten Luftschiffs 
(nach einer Photographie von Zander und Labisch in Berlin) illustriert. 
Der Um- und Neubau der Universität zu Leipzig (die feierliche Weihe 
des Monumentalbaues fand am 15. Juni slattj ist durch 3 hervor 
ragende Illustrationen, sowie durch das Porträt des Erbauers des Um- 
und Neubaus, Arm. Roßbach, verherrlicht. Der am 26. Mai im Prater 
zu W^en veranstaltete Radfahrer-Blumcnkorso ist durch 5 Illustrationen 
(nach Originalzeichnungen von W. Gausc) seh-- schön hervorgehoben. 
Der am 14. Juni zu Wien verstorbenen größten zeitgenössischen Tragödin 
Charlotte Wolter sind 6 Illustrationen gewidmet. Außerdem sind noch 
hervorzuheben: der Nekrolog über den am 11. Juni in Wiesbaden ver 
schiedenen Nestor der deutschen Chemiker, Fresenius, das Scheffeldenkmal 
bei Olevano im Sabinergebirge und die nach dem Leben gezeichneten 
Halbaffen im Berliner Zoologischen Garten. 
Das Juniheft der „Deutschen Revue", herausgegeben von Richard 
Fleischer (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt), hat nachstehenden Inhalt: 
Erinnerungen an Heinrich v. Stephan. Von A. v. Werner. — Trin' 
Dorten. Von Luise Schenk. — Erzherzog Johann von Oesterreich über 
Griechenland. Ungedruckte Briese an den österreichischen Gesandten in 
Athen A. v. Prokesch von 1837—1844. Von Dr. Anton Schlossar. — 
Franz von Lenbachs Erzählungen aus seinem Leben. Aus Ge 
sprächen mit dem Meister mitgeteilt (Schluß). Von W. Wyl. 
— Ueber die Entwicklung der modernen Verbrecherlehrc. Von 
Prof. Dr. Kirn in Freiburg i. B. — Beim 84 jährigen Verdi. 
Von Heinrich Ehrlich. — Wanderungen und Gespräche mit Ernst 
Curtius. Von Heinrich Gelzer. — Frankreich und die Donau- 
fürstentümer nach demPariserKongreß 1856(Schluß.) VonL.Thouvenel. 
— Offener Briet an Herrn Geh Regierungsrat Dr. W Bode, Direktor 
der königlichen Gemäldegalerie in Berlin. Von A. v. Werner. — 
Reisebriese aus den französischen Mittelmeerkolonien. Von Dr. Czerny. 
— Zcilfragen: Luxusbühne und Volksbühne. VonDr.HellmuthMielke. 
— Litterarische Berichte. — Eingesandte Neuigkeiten des Büchermarktes. 
— Allmonatlich erscheint ein Heft von 128 Seiten. Preis vierteljährlich 
(3 Hefte) 6 Mark. Das Januarheft der „Deutschen Revue" ist durck) 
jede Buchhandlung auf Verlangen zur Ansicht zu erhalten. 
Inlzalt: Finis Poloniae. Historischer Roman von 
C. Gründler (Fortsetzung). — Schloß Goldbcck in der Priegnitz. 
Von M. Hagemeister. — Von „Gelehrten Sachen". Von 
P. Bellardi. — Eine Kleiderordnung aus dem Jahre 1612. 
Mitgeteilt von Dr. Max Baumgart. — Kleine Mitteilungen: 
Der zweite Wettbewerb für das Völkerschlacht-National-Denkmal bei 
Leipzig (Mit 2 Abbildungen). Das Bismarck-Denkmal in der Villen- 
Kolonie Grunewald bei Berlin (Mit Abbildung). Brief Ferdinand 
Laffallcs an den Fürsten Bismarck. Ueber die Entstehung der Farben- 
zusammenstellung Schwarz-Weiß-Rot. Friedrich Wilhelm I. und der 
Bürgermeister von Goldap. Vater und Sohn Feldmarschall. Sonder 
bare „weiße Frauen". Eine besondere Sorte Streusand. Vom Hildes 
heimer Silberschatz. Wiedertäufer-Thaler. Aus der Kaschubei. — 
Büchertisch. 
Wer die Sommerfrische erfolgreich genießen will, der muß zunächst 
für Erhaltung eines guten Magens sorgen. Das läßt sich freilich 
bequemer und besser in der Großstadt erreichen, wo man an regelmäßiges 
Leben gewöhnt ist, Doktor und Apotheker schlimmstenfalls leicht zu erreichen
        
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