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Periodical volume 26. Juni 1897, No. 26

Full text: Der Bär Issue 23.1897

mit solcher Macht bezwingend ein, wie es kein Turmbau üermaß, und 
sei er noch so abweichend von allem Herkömml-chen aufgebaut." Der mit 
dem ersten Preis ausgezeichnete Entwurf von W. Kreis zeigt uns da 
gegen einen Turmbau mit quadratischem Grundbau, der in seiner einfachen 
und wuchtigen Ausbildung an die griechischen Telamonenhallen der 
Frühzeit erinnert. An der Vorderseite geht die Halle in einen Rundbau 
über, den eine Walküre krönt. Der Turm endigt in einer von jeder 
Ueberlieferung freien Form, trägt ein zum Ausblick durchbrochenes 
Obergeschoß und ist mit einem Adler gekrönt. 
Als Denkmalsplatz ist dem Deutschen Patriotenbund seitens der 
Stadt Leipzig die historische Stätte zur Verfügung gestellt worden, an 
welcher sich Napoleon I. am 18. Oktober für besiegt hielt und den Rück 
zug anordnete. Diese Stätte, die ohnehin schon einen übersichtlichen 
Rundblick über das Schlachtfeld gestattet, soll noch durch einen aufzu 
schüttenden Berg von etwa 30 in erhöht werden. Auch soll das Denkmal 
von einer monumentalen Platzanlage für Festversammlungen (ev. National 
spiele), die circa 10 000 Personen faßt, umgeben werden. 
Das Bismarck-Denkmal in der Villen-Kolonie Grnnewald bei 
Berlin. In der Errichtung eines Bismarck-Denkmals ist die Villen- 
Kolonie Grunewald der Reichshauptstadt, die ja auch schon lange ein 
solches geplant hat, zuvorgekommen. Richt bloß die allgemeine Ver 
ehrung für den Alt-Reichskanzler, sondern auch noch besondere Be 
ziehungen haben die Bewohner der Villen-Kolonie veranlaßt, dem „Alten 
im Sachsenwalde" ein Denkmal zu setzen. Kein Geringerer als Fürst 
Bismarck war es, der vor fast einem Vierteljahrhundert die erste An 
regung zur Schaffung des Kurfürstendamms und damit in Verfolg zur 
Gründung der Villen-Kolonie gegeben hat. In einem Schreiben vom 
5. Februar 1873 hat er die Gesichtspunkte dargelegt, die für eine Straßen 
verbindung mit dem Grunewald zu beachten sein würden. Auch stammt von 
ihm das Wort: „DerGrunewald muß der Tiergarten Berlins werden." Den 
Schöpfer des projektierten Denkmals fanden die Bewohner der Kolonie in 
ihrer Mitte, nämlich in Max Klein, einem der genialsten zeit 
genössischen deutschen Bildhauer. Sein meisterhaftes Werk zeigt uns den 
Fürsten nicht in heroischer Stellung, wie sie sonst für die Monumente 
unserer Staatsmänner und Feldherrn beliebt ist sondern so, wie sich 
sein Bild in den letzten Jahren so tief in die Herzen des deutschen 
Volkes eingegraben hat. einfach als „Gutsherrn von Friedrichsruh", 
durch den Wald einherschreitcnd, im langen Rock, den Schlapphut auf 
dem Haupte, den derben Stock in der Hand, zur Seite Tyras, den 
Reichshund, oder doch einen aus dem Geschlechte dieses berühmt ge 
wordenen Vierfüßlers. 2,60 Meter hoch erhebt sich das Erzbild auf 
einem von wuchtigen, unbehauenen Granitblöcken zusamuiengefügten 
Sockel von 2,20 Meter. Am 10. Mai d. I. ist das bei aller Einfach 
heit doch überwältigend wirkende, schöne Denkmal enthüllt worden, 
das seitdem der Villen-Kolonie Grunewald zu einer hervorragenden 
Zierde gereicht. 
Brief Ferdinand Lasalles an den Fürsten Bismarck. Einen 
interessanten Brief Ferdinand Lasalles an den Fürsten Bismarck 
enthält die soeben erschienene zweite Abteilung des 4. Bandes von Horst 
Kohl's Bismarck-Jahrbuch. Der Brief beziebt sich auf die von Bis 
marck geplante Einrichtung des allgemeinen Wahlrechts uud hat folgenden 
Wortlaut: 
Excellenz! 
Vor allem klage ich mich an, gestern vergessen zu haben, Ihnen 
noch einmal ans Herz zu legen, daß die Wählbarkeit schlechterdings 
allen Deutschen erteilt werden muß. Ein immenses Machtmittel! 
Die wirkliche „moralische" Eroberung Deutschlands! 
Was die Wahltechnik betrifft, so habe ich noch gestern nacht die 
gesamte französische Gesetzgebungsgeschichte nachgelesen und da allerdings 
wenig Zweckmäßiges gefunden. Aber ich habe auch nachgedacht und 
bin nunmehr in der Lage, Ew. Excellenz die gewünschten Zauberrecepte 
zur Verhütung der Wahlenthaltung wie der Stimmenzerbröckelung vor 
legen zu können. An der durchgreifenden Wirkung derselben wäre 
nicht im geringsten zu zweifeln! 
Ich erwarte demnach die Fixierung eines Abends seitens Ew. 
Excellenz. Ich bitte aber den Abend so zu wählen, daß wir nicht gestört 
werden. Ich habe viel über die Wahltechnik und noch mehr über 
anderes mit Ew. Excellenz zu reden, und eine ungestörte und erschöpfende 
Besprechung ist bei dem drängenden Charakter der Situation wirklich 
unumgängliches Bedürfnis. 
Der Bestimmung Ew. Excellenz entgegensehend, mit ausgezeichneter 
Hochachtung 
Ew. Excellenz ergebenster 
Berlin, Mittwoch 13. 1. 64. F. Lassalle. 
Potsdamerstr. 13. 
Ueber die Entstehung der Farbenzusammcnstellung Schwarz-Weiß- 
Rot als Reichssarven bringen die „Hamb. NachriM«^svWtM°Mit- 
tekkMg: Die Verordnung Sr. Majestät des Kaisers und Königs über 
die allgemeine Anlegung der deutschen Kokarde in der Armee legt es 
nahe, sich der Entstehung und Bedeutung derselben zu erinnern. Nach 
Herstellung des norddeutschen Bundes und Beginn einer deutschen Marine, 
an der außer Preußen auch andere deutsche Staaten Anteil nahmen, 
war es Bedürfnis für die Marine, ebenso wie in der Landarmee, eine 
Flagge herzustellen, deren Farbe die Kokarde wiedergab. Das ftühere 
deutsche Einhcitszeichen aus der Zeit von 1848, Schwaz-Rot-Gold, war 
dazu nach der Art, wie diese Farben in revolutionärem Dienst der 
Armee gegenüber getreten waren, nicht verwendbar. Der Bundeskanzler 
erhielt daher den Auftrag, Vorschläge zu machen, und befürwortete bei 
Sr. Majestät dem Könige die jetzige Zusrmmenstellung, weil in derselben 
nicht nur das preußische Schwarz-Weiß, sondern auch das Weiß-Rot 
der Hanseaten und Holsteiner, also der stärksten außerprcußischen Schiffs 
zahl vertreten war. Und in der That ergab es sich, daß diese Einfügung 
der heimischen Flagge in die Bundesflagge in den Hansestädten und in 
Holstein Beifall fand. Dem Könige gegenüber machte der Bundeskanzler 
für diese Zulammenstellung noch die Begründung geltend, daß Weiß-Rot 
die alten brandenburgisckien Farben seien, wie sie bis zur Zeit des Großen 
Kurfürsten geführt wurden, und diese Erwägung trug nicht wenig dazu 
bei, den König mit der Hinzufügung der roten Farbe in die Flagge zu 
befreunden. Se. Majestät pflegte auf Reisen, wo beide Flaggen dekorativ 
grmischt waren, die schwarz-weiß-roten und die schwarz-weißen, wenn 
die ersteren zu Gesicht kamen, wohl scherzweise dem Kanzler zu sagen: 
„Da haben Sie Ihre brandenburgischen Fahnen." Parole. 
Friedrich Wilhelm I. und der Bürgermeister von Goldap. Im 
Jahre 1788" tum >Hli«htIch^MMl«''»'^Mky''MM>pk^M^6ttige 
Bürgermeister Christoph Dullo, ein großer, wohlgewachsener und 
stattlicher Mann, war dem Monarchen, der bekanntlich große Leute in 
seine Garde sehr gern aufnahm, als solcher gerühmt worden. Der 
Stadtpräfekt halte aber die bevorstehende Ankunft des Landes- 
vatcrs erfahren, und da er ahnte, daß er niöchlicherweise zur 
Zierde der Potsdamer Garde auserwählt werden könne, flüchtete 
er zu seinem in Polen wohnenden Freunde und Gönner, dem Grafen 
Pusinna. Dieser schenkte ihm, als er den Grund seiner Flucht erfuhr, 
zwei sehr schöne große Männer von seinen Unterthanen. Mit diesen eilte 
Dullo unverzüglich zu seinem Könige, der sich bereits wieder in Gumbinnen 
befand, bat um Verzeihung, daß er bei der Anwesenheit Sr. Majestät in 
Goldap nicht zugegen gewesen sei, weil er nach Polen habe reisen müssen, um 
dem Könige durch ein Paar strammer Garderekruten Freude zu bereiten. Der 
König war über dies sonderbare Geschenk sehr erfreut, vergab dem Bürger 
meister seinen Fehltritt und ersuchte ihn, sich eine Gnade auszubitten. 
Dullo sprach hierauf den Wunsch aus, daß der König ihm die Pacht 
des damals zur Erledigung gekommenen Domainenamtes Kianten ver 
leihen möge. Die Bitte wurde dem Bürgermeister huldvoll gewährt, 
und er blieb auch fernerhin trotz seiner enormen Größe von den 
Werbern unbehelligt. 
Vater und Sohn Feldmarschall. Der seltene Fall, daß sowohl 
der Vater als auch der Sohn preußischer Generalfeldmarschall ist, trat 
bei dem alten Dessauer und dessen zweitem Sohne, dem Prinzen Leopold 
Maximilian, ein. Fürst Leopold von Anhalt-Dessau hatte diese Würde, 
noch nicht 35 Jahre alt, am 2. Dezember 1712 durch Friedrich Wilhelm I. 
von Preußen erlangt. Ueber dieses Avancement beschwerte sich der Herzog 
Friedrich Leopold von Holstein-Btck^ dessen Patent als Kavalleriegeneral 
vom Jahre 1697 stammte, während Fürst Leopold erst 1704 General 
der Infanterie geworden war. Der König aber hob in einem Schreiben, 
datiert Köln an der Spree, den 4. Dezember 1712, hervor, daß der 
Fürst „fast alle Jahre das Commando bei seinen Truppen versehen und 
durch die ihm geleisteten Dienste die Ehre seiner Waffen um ein Merk 
liches vermehret und von dem Seinigen ein vieles dabei zugesetzet, und 
daß er daher sich nicht entbrechen könne, ihm einige Kennzeichen seiner 
vor ihm habenden Estime und Erkenntlichkeit widerfahren zu lassen." 
Leopolds Sohn, der Erbprinz Leopold Maximilian, geboren am 
25. Dezember 1700, erhielt die Würde als Feldmarschall auf dem Schlacht 
felde selbst, und zwar am 17. Mai 1742, als Lohn für seine glänzende 
Leitung der Schlacht bei Czaslau, in der auf seinen Befehl der General 
lieutenant von Buddenbrock mit dem rechten Flügel angriff und nur die 
Jnfanterieregimenter Schwerin, Holstein, Prinz Leopold und La Motte 
zum Schlagen kamen. Er überlebte seinen Vater, der am 17. April 1747 
starb, nur wenige Jahre, indem der Tod ihn bereits am 16. Dezember 1751 
abrief. D. 
Sonderbare Frauen". Herr von Minutoli, ein Vorgänger 
unserer heutigen PoUzebWW^erichtet in einer Abhandlung über die 
weiße Frau im Königlichen Schlosse zu Berlin, daß die Nachrichten über 
dieselbe bis zum Jahre 1486 hinaufreichen. Oft ging mau der Er 
scheinung tapfer zu Leibe und machte dabei recht interessante Ent 
deckungen. Markgraf Albrecht der Krieger lauerte im Jahre 1540 dem 
Unhold auf, umfaßte ihn mit kräftigem Arm und stürzte ihn kopfüber in 
den Schloßhof hinab. Am anderen Tage fand man den Kanzler 
Christoph Staß mit gebrochenem Genick, bei ihm einen Dolch und 
Briefe, die auf ein feindliches Einverständnis deuteten. Das Gespenst, 
wie oft auch kompromittiert, hat sich bis in die neueste Zeit erhalten. 
Ende der vierziger Jahre unseres Jahrhunderts soll es zuletzt er 
schienen sein, Herr von Minutoli schreibt darüber: „Eine auf dem 
Schloßhofe um Mitternacht, in der Nähe des Einganges zur Silber 
kammer, von einem Unteroffizier mit Entsetzen wahrgenommene, langsam 
und schweigsam sich nach dem Brunnen und um diesen fortbewegende, von 
lichten Gewändern umhüllte schauerliche Erscheinung einer weißen Frau 
legitimierte sich glücklicherweise am folgenden Morgen als eine bejahrte, 
schwerhörige, die späte Abendluft in Spenzer und Dormeuse lustwandelnd 
genossen habende, im Schlöffe wohnende, emeritierte, respektable, unter 
dem Namen der „schwarzen Minna" bekannte Köchin". M, M. 
Eine besondere Sorte Streusand. Der F-eiher' ''im nirtir^ tm 
in der Zeit von Preußens tiefster Erniedrigung mit mächligcm Geist das 
Staatsrudcr ergriff, war trotz seines edlen und menschenfreundlichen 
Charakters oft den Erregungen des Jähzorns unterworfen. Doch ver-
        
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