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Periodical volume 26. Juni 1897, No. 26

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Gesellschaft ein Lustspiel, Democrit oder der lachende 
Philosoph bei Hofe genannt, aufführen. Nach dem sehens 
würdigem Ballet macht Hannswurst mit einem lustigen Nach 
spiel den Beschluß." 
Wie dürftig war damals die geistige Speise, wie gering 
das Bedürfnis nach derselben — war doch diese Zeitung, 
die dreimal wöchentlich erschien, fast das einzige politische 
Blatt in Berlin, das sich auch mit „Gelehrten Sachen" be 
schäftigte. Allerdings wurde das öffentliche Interesse zum 
guten Teile von den Kriegsthaten des um seine Existenz 
mit einem übermächtigen Feinde ringenden Heldenkönigs in 
Anspruch genommen; auch lag ja die Zeit des Soldatenkönigs 
noch nicht zu fern, der für Kunst und Wissenschaft weder 
Geld noch Verständnis hatte, soweit sie nicht seine eigenen 
Malereien oder das Ercerzier-Reglement für seine „lieben 
blauen Kinder" zum Gegenstände hatten. 
Es ist eine historisch verbürgte Thatsache, daß die alten 
Deutschen bis zur Zeit Karls des Großen, was ihre Kleidung 
anbelangte, überaus genügsam gewesen sind. Als indes, nach 
der Rückkehr dieses Monarchen aus Jtalieit, die Edelleute 
seines Reiches Geschmack und Luxus aus Welschland mit 
herüber gebracht hatten und man bald nichts mehr als sehr kostbare 
Stoffe, mit fremden, ausländischen, feinen Pelzen verbrämt, 
sah, und als dadurch nicht unbeträchtliche Summen jährlich aus 
dem Lande gingen, da konnte sich der alte, auf das Wohl 
seiner Unterthanen bedachte Kaiser nicht enthalten und baute 
einen Damm, indem er, aller Wahrscheinlichkeit nach, die 
erste Kleiderordnung schuf. Nach derselben sollte niemand 
das beste doppelte Unterkleid höher als für 20 Sols tragen; 
der Preis des einfachen Unterkleides betrug 10 Sols. Das 
beste Oberkleid, mit Marder- oder Fischotterhäuten gefüttert, 
war auf 30 und ein mit Katzenfell gefüttertes auf 10 Sols 
festgesetzt. Wer diese Bestimmungen überschritt, mußte eine 
Geldbuße von 40 Sols an den Kaiser und 20 an den An 
geber erlegen. 
Die nächsten Prachtgesetze finden wir in Frankreich unter 
Ludwig dem Gütigen, die derselbe namentlich der Geistlichkeit 
und dem Kriegerstande gab. Ludwig der Heilige von Frank 
reich gab keine neuen Verordnungen gegen die übermäßige 
Pracht, sondern begnügte sich, die Ausschweifungen mit den 
Worten zu tadeln: „Ein Mann muß sauber gekleidet sein, 
und wäre es auch, seiner Frau zu gefallen; er muß in seinen 
Kleidern so gehen, daß die vernünftigen Leute nicht sagen 
können, er thue zu viel, noch die jungen Leute, er thue zu 
wenig." Philipp der Schöne, des Vorigen Enkel, begnügte 
stch nicht mit Worten, er gab strenge Gesetze gegen den Luxus. 
Im Jahre 1294 erschien eine ziemlich ausgedehnte Kleider 
ordnung. in der den Bürgern rundweg verboten wurde. Grau 
werk und Hermelin zu tragen. Zierrat von Gold und Edel 
steinen, sowie goldene Einfassungen an Steinen und Perlen 
zu führen und ihre Weiber mit goldenen oder silbernen Kronen 
zu schmücken. 
Daß ebensowenig in Italien wie in Frankreich und später 
in Deutschland die Regierungen mit all ihren strengen Ge 
setzen den Sieg über die Frauen und ihre Prunksucht davon 
trugen, dafür bürgen die häufigen und immer schärferen 
Wiederholungen dieser Kleidermandate. 
Viele dieser Kleiderordnungen, meist nur geschrieben, 
kommen in Urkunden und Städtebüchern vor und liegen in 
Archiven begraben. Eine der interessantesten und ausführ 
lichsten, vom Herzog Johann Georg von Sachsen, vom 
23. April 1612, bestätigt durch den Landtag zu Torgau. soll 
nun ihrem ganzen Wortlaute nach mit allen stilistischen und 
orthographischen Härten ihrer Zeit hier mitgeteilt werden. 
Sie gewährt uns ein Spiegelbild jener Zeit; sie bildet ein 
Stückchen Kulturgeschichte aus dem Anfang des 17. Jahr 
hunderts und ist aus diesem Grunde nach mehr als einer Hin 
sicht von allgemeinem Interesse. Es lautet diese Kleider- 
ordnung, wie folgt: 
„Wir Johann Georg rc. thun kund und bekennen, dem 
nach leider mehr denn genugsam am Tage, welcher gestalt auch 
in unserem Kur- und Fürstenthumb nicht allein die Hoffarth 
und Uebermulh in Kleidungen, sondern auch übermäßiger 
Pracht, Schwelgerei und Ueppigkeit auf Hochzeiten, Kindtäuffen, 
Begräbnissen und dergleichen Znsammenkünften, alle geschehenen 
vielfältigen Gebot oder Verbot ungeacht, dermaßer überhand 
genommen, daß fast kein Stand mehr von dem andern zu 
unterscheiden, und sich zu besorgen, so diesen Dingen nicht bei 
Seiten mit einem sonderbaren ernst begegnet würde, daß über 
die allbereit vor äugen schwebende gefahr. die Unterthanen 
vollends in eußerste Armut nothwendig gerathen, ja wol end 
licher Verderb und Untergang des Vaterlandes aus Gottes 
gerechtem hierdurch geursachtem Zorn und Strafe erfolgen 
müßte u. s. w., haben Wir nachgesatzte Polizeiordnung abge- 
faffet u. s. w. und ist Vnser ernster Will und Meinung: 
„Die vom Adel. Daß erstlichen, inhalis derer von der 
Ritterschaft selbsten zu Leipzig getroffenen Vergleichung, in Zu 
kunft keiner vom Adel Kleider von güldenen oder silbernen 
Stück oder Mantel und Kleider mit Perlen, Silber und Gold 
gestickt, oder auch mit güldenen und silbernen Borten ver 
brämet, antragen, auch keiner befugt sein, einen ganzen 
sammeten Mantel zu tragen, er sey denn in großer Herren 
Dienste und fürnehmen Emptern und Bestallung. — Gleicher 
gestalt sollen die von Adel vergüldete Sporen und Bügel, 
welches Fürstlichen, Gräfflichen und Herrenstandes Personen 
gebühret, ausserhalb der Ritterspiel vnd erforderlichen Dienst- 
wartung bei der Herrschaft, zu führen, sich gäntzlich enthalten. 
— Unter dem Avelichen Frauenzimmer soll kein einiges Kleid 
von güldenen oder silbernen Stücken, oder ein Kleid, so mit 
güldenen Kelten verbrämet, auch nicht solche Tracht vnd 
Kleidung geführet werden, so Fürstlichen, Gräfflichen und 
Herrenstandes Personen gebühren. Wie sie sich denn auch 
aller frembden vnd außländischen Tracht vnd Manier in 
Kleidungen enthalten, auch nit vnlerschiedene seidene Röcke 
untereinander ziehen, sowohl alles übermäßiges gestick vnd 
verbrämen mit Perlen, Golde, silbern und güldenen Borten 
einstellen, vnd darinnen gebührende maß halten sollen. 
„Professores vnd Doctores ansf den Universi- 
täten. Deren Weiber.^,Wi,wohl mit auch, vors ander 
den Doctoribus vnd jhren Weibern die Privilegia vnd 
Freiheiten, so sie vermöge cfftgemelter Polizeiordnung vnd 
sonsten erlanget, nochmals gnädigst gönnen können, so wollen 
Wir doch gleichwohl, das auch unter denselben gehörende 
vnterschied gehalten, vnd gebührende bescheidenheit gebraucht
        
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