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Periodical volume 16. Januar 1897, No. 3

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Manschen hatte sich auf'ein Fußbänkchen zu Füßen ihrer 
Mutter gesetzt, die eine freie Hand derselben erfaßt — die 
andere hielt noch das Sträußchen — und ihr Köpfchen zärtlich 
an die Kleiderfalten geschmiegl. 
„Geh' jetzt, liebes Kind," sagte die Mutter, „und 
zieh' ein wärmeres Kleid an, damit Du Dich nicht 
eikällest! Und nicht wahr? Du machst solch weite Gänge 
nicht wieder ohne unser Wissen? Du bist nun bald ein er 
wachsenes Fräulein, und da darfst Du die nötigen Rücksichten 
nicht aus den Augen lassen." 
Das Kind hüpfte hinaus. Auch Tante Melanie erhob 
sich und erklärie, vor dem Souper noch Toilette machen zu 
müssen. Die Toilette nahm sie täglich viele Stunden in Anspruch. 
Frau Sophie legte ihr Nähzeug sorgfältig zusammen und 
verwahrte es in dem Nähtischchen in der Fensternische; dann 
setzte sie sich mit einem liefen Seufzer auf das Kanapee. Ihr 
Gatte stellte seine ausgerauchte Meerschaumpfeife auf den 
Pfeifenständer und setzte sich neben sie. Er ergriff ihre Hand, 
streichelte sie mehrmals und sagte dann tiefernst: „Ich glaube 
wirklich, wir gehen einer sturmbewegten, trüben Zeit entgegen. 
Wer weiß, was uns die Bewegung von jenseits des Rheins 
noch alles bringen kann! So spurlos, wie manche hoffen, wird 
sie an uns nicht vorübergehen. Was aber auch kommen mag, 
Tu bist mein tapferes Frauchen und wirst auch Schweres zu 
überwinden wissen!" 
Frau Sophie lehnte ihren Kopf an die breite Brust ihres 
Gatten und erwiderte: „Hans Wilhelm, ich vertraue Deiner 
Einsicht und fühle mich vollkommen geborgen in Deinem Schutz. 
Ich bange mich nur um das Schicksal unserer Jungen." 
„Das steht in Gottes Hand, Fiekchen. Ihm müssen wir 
vertrauen. Unser allergnädigster König ist ja herzensgut, viel 
zu gut. Wenn er nur besser beraten wäre! Aber da hcpen's. 
Es ist ja schwer für einen Fürsten, immer das Rechte zu 
treffen. Alles wird ihm so dargestellt, wie seine Ratgeber 
es wünschen. Und nicht selten stehen diese noch in fremdem 
Solde. Der Fürst lebt gewissermaßen in einem Kreise, über 
den er nichi hinaus kann. Er sieht die Dinge der Außenwelt 
nur durch die Brille, die ihm vorgehalten wird. Ja, mit 
unserem allen König, da war's anders. Er war fern eigener 
Minister. Er kannte alles, wußte alles und machte alles 
selbst Er brauchte keine Ratgeber. Seine philosophischen 
Studien halten ihn die Menschheit lieben und die Menschen 
verachten gelehrt. Solcher Männer bringt jedes Jahrhundert 
nur einen hervor. — Jetzt muß ich übrigens nach der Wirt 
schaft sehen und den Verwaltern ihre Weisungen erteilen. Du 
wirst Dich auch wohl um Dein Abendessen kümmern müssen." 
Beide erhoben sich. Hans Wilhelm führte die Hand 
seiner Gattin an seine Lippen und hauchte einen leisen 
Kuß auf ihre Stirn. Sie umfaßte ihn stürmisch und rief: 
„Du bist der beste Mann auf der Welt! Aber das Herz ist 
mir doch schwer." 
Dann verließen beide das Zimmer. 
* 
* 
Es ist Sonntag Nachmittag. Hell leuchtet die warme 
Frühlingssonne und lockt die ersten zarten Blättchen aus den 
lichtbraunen Hüllen an den beiden breitästigen, uralten Linden 
vor dem Herrenhause. Der große viereckige Gutshof ist wie 
ausgestorben. Nur auf dem Dache des türmchenartigen 
Taubenhauses in der Mitte des Hofes girrt der Tauber 
unter endlosen Verbeugungen umdie Taube, und unter d^m Tauben 
schlag kündigt ein gackerndes Huhn das welterschütternde Ereignis 
an, daß es im Begriff ist, sein Ei zu legen. Eine Reihe Wirt- 
schastswagen steht vor den beiden großen Scheunen, welche 
die eine Seite des Hofes begrenzen, in Reihe und Glied auf. 
gefahren, wie eine Kompanie Grenadiere, dahinter die 
Pflüge und Eggen. Der Hof ist gekehrt, alles zeigt 
Ordnung, Sauberkeit und strenges Regiment. Den Scheunen 
gegenüber liegen die Pferde- und Rindviehställe. Daneben 
steht das einfache Verwalierhaus und ein Gebäude für Mägde 
und fremde Dienerschaft. Der geräumige Schafstall und der 
„Ring", die eingefriedigte große Dungstätte, auf welcher das 
Vieh frei umhergehen kann, befinden sich auf einem Neben 
hofe, ebenso die Fohlenkoppel. Der Einfahrt gegenüber, zu 
welcher eine doppelte Reihe Akazien führt, schließt das Herren 
haus das Viereck ab, denn ein Schloß konnte es kaum ge 
nannt werden. Ehedem war es nur die Wohnung des Amt 
manns. Das Schloß haue eine Viertelstunde seitwärts an 
dem Ufer des Sees auf einer kleinen Anhöhe gelegen und 
war burgartig von Wall und Gräben umgeben gewesen. 
Aber den Stürmen des dreißigjährigen Krieges halle es nicht 
widerstehen können. Die Schweden hatten es niedergebrannt, 
und jetzt lag es nur als Ruine da, an der Epheu und wilder 
Wein emporgekletten waren. Die Herrschaft haue sich später 
hin — unter Benutzung eines Teils des Amtsgebäudes — 
ein neues Schloß gebaut, und zwar im italienischen Stil, der 
damals in Deutschland aufkam. Aber auch dieses neue Schloß 
war von den Russen im siebenjährigen Kriege niedergebrannt 
worden. Nur an dem kolossalen Turm an der einen Seite, 
dessen Mauern über zwei Ellen stark und dessen Zimmer alle 
gewölbt waren, halle das Feuer vergeblich seine Macht 
versucht. Er ragte beinahe hundert Fuß hoch in die 
Höhe, und auf seiner mit Brustwehr versehenen, ge. 
wölbten Plattform hatte man eine entzückende Aussicht über 
die ganze Gegend. 
Der Aufbau des jetzigen Herrenhauses war erst nach Be 
endigung des siebenjährigen Krieges durch den gegenwärtigen 
Besitzer erfolgt. Den bescheidenen Mitteln desselben ent 
sprechend mußte es möglichst einfach gehalten werden. Kaum 
größer als die Wohnung einer wohlhabenden Bürgerfamilie, 
bestand es im ganzen nur aus einem Hochparterre als Erd 
geschoß und einem Stock mit aufgesetzter Mansarde. An der 
einen Seite lehnte es sich an den alten Turm an, an der 
anderen Seite war als harmonischer Abschluß ein vor 
springender Pavillon angebracht worden. Der Neubau war 
in Roh backsteinbau ausgeführt, während der Turm aus unge 
heuren, jetzt altersgrauen Quadern aufgeführt war. Trotz 
seiner Einfachheit machte der Bau mit seinem blinkenden, 
dunkeln Schieferdach, mit den vielen, mit Spitzgiebeln ver 
sehenen runden Dachfenstern, sogenannten Ochsenaugen, wie 
auch infolge seiner Sauberkeit einen vornehmen Eindruck, der 
durch eine Freitreppe mit breiter Plattform, auf welche die 
davor stehenden Linden ihre Schatten warfen, noch vermehrt 
wurde. Ueber der breiten Hausthür zeigte sich, in Sandstein 
ausgehauen, das Wappen des Geschlechts: ein silberner 
Bretterzaun im blauen Felde. 
Auf der Plattform vor dem Emgang saßen die Damen 
des Hauses oft. wenn in der Erntezeit der Hof durch die 
vielen Arbeiter und Knechte, welche die unaufhörliche Reihe
        
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