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Periodical volume 26. Juni 1897, No. 26

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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sich in dem Lauterthale abwärts, ein anderer Teil floh auf 
der Landstraße nach Landstuhl und Saarlouis. 
Hier auf dieser Landstraße waren es die Ziethen-Husaren, 
welche die Flüchtigen nicht zum Stehen kommen ließen. An 
dem seitwärts gelegenen Hohenecken vorüber verfolgten sie die 
Franzosen bis nach Kindsbach, ziemlich zwei Meilen vom 
Schlachtfelde. In diesem Dorfe hatte sich eine größere Anzahl 
Franzosen festgesetzt. Ohne Unterstützung von Infanterie und 
Artillerie durften die Ziethen-Husaren es nicht wagen, in das 
Dorf mit seinen verbarrikadierten Straßen einzudringen. Sie 
zogen sich deshalb zurück, trafen unterwegs aber fortwährend 
kleine Trupps versprengter Flüchtigen und machten sie zu 
Gefangenen. 
Karl Aegidius von Krummensee hatte in vollstem Maße 
seine Schuldigkeit gethan. Seinem Zuge immer voran, war 
er stets im dichtesten Gewühl zu finden gewesen, seinen treuen 
Christian Nilschke zur Seite. Beide waren bis dahin auch 
glücklich davongekommen. Weder eine Kugel noch ein Schwert 
hieb der Feinde hatte sie getroffen. 
Da floh ein Trupp von 40 bis 50 Franzosen seitwärts 
auf Hohenecken zu. um sich hier festzusetzen. Sie wurden von 
Karls Zuge eingeholt, abgeschnitten und entwaffnet. Bei 
dieser Gelegenheit erhielt Karl einen Schuß durch den linken 
Oberarm, der es ihm unmöglich machte, die Zügel weiter mit 
der linken Hand zu führen. Er wollte zwar, nachdem er die 
Wunde mit seinem Taschentuch verbunden hatte, weiter kämpfen, 
indem er behauptete, sein Pferd durch den Schenkeldruck 
regieren zu können; allein sein Oberst wollte einen so tapferen 
Offizier nicht zwecklos aufs Spiel setzen und befahl ihm, mit 
einigen Husaren die Gefangenen zurückzubringen. 
Karl mußte gehorchen. Er rangierte die Gefangenen in 
drei Glieder; ein Husar sollte vorausreiten, zwer hinterher, 
und zwei zur Seite. 
Vor dem Abmarsch ermahnte Karl die Gefangenen in 
französischer Sprache, sich ruhig in ihr Geschick zu fügen. Er 
drohte, jeden, der aus dem Gliede heraustreten würde, sofort 
niederzuschießen. Dann setzte sich der Zug langsam in 
Bewegung, zurück nach Kaiserslautern. Karl ritt an der Seile 
auf und ab. 
Plötzlich erhob sich dicht vor ihm aus dem tiefen Graben, 
der Landstraße und Wiese von einander trennte, eine seltsame 
Gestalt, die beide Arme hoch hielt und aus Leibeskräften schrie: 
„Charis! Mon Charles!“ Sein Pferd stutzte, machteeinen 
Seitensprung und halte ihn beinahe abgeworfen. 
Karl, der den Ruf nicht recht verstanden hatte, war 
unwillig und donnerte die Gestalt an: „Fort! Aus dem Wege! 
Mein Pferd zertritt Dich!" 
„„Charles! Mon Charles!“ rief die Gestalt abermals. 
Kennst Du mich denn nicht? Kennst Du dies nicht?" 
Mit diesen Worten riß Arabella — denn sie war es — 
ihre Bluse auf, zog eiligst eine Schnur heraus, zerriß sie in 
Stücke und reichte dann Karl ein kleines, unscheinbares, goldenes 
Ringlein. 
„Arabella! — Stehen die Toten wieder auf?" 
„Nein! Aber die Lebenden haben sich endlich gefunden!" 
Karl kommandierte „Halt!" Trotz seines verwundeten 
Armes sprang er mit einem Satz vom Pferde und hielt gleich 
darauf Arabella in seinen Armen, während er ihr Gesicht 
mit Küssen bedeckte. 
Verwundert sahen die Husaren und die französischen 
Gefangenen diesem seltsamen Vorgänge zu. 
„Quel miracle!“ rief ein kleiner Sousliemenant. „Das 
ist ja unser gamin von dieser Nacht! Sollte dieser Prussien 
sein Bruder sein?" 
Vor Einbruch der Dunkelheit mußten die Gefangenen in 
Kaiserslautern abgeliefert werden. Ein langer Aufenthalt war 
also nicht statthaft. Christian erklärte sich sofort bereit, sein Pferd 
an Arabella abzutreten. Er selbst wollte sich eins der ledigen 
Pferde, die in Menge umherliefen, einfangen, was ihm auch in 
kurzer Zeit gelang. So ritten nun die beiden, die sich so uner 
wartet wiedergefunven hatten, Seite an Seite neben der Kolonne 
her. Karl konnte sich gar nicht von seinem Erstaunen erholen, 
Arabella noch unter den Lebenden zu sehen. In den Zeitungen 
hatte er gelesen, Monrepos sei von den Jakobinern nieder 
gebrannt und die ganze Familie sei ermordet worden. Seit 
dem hatte er auch nicht länger leben wollen und gefliffentlich, 
aber vergeblich, den Tod in der Schlacht gesucht. Arabella ihrer 
seits berichtete ihm in Eile von ihrer Rettung und ihrer Flucht. 
Als sie in ihrem Versteck in dem Flußbett — sie hatte das 
Flüßchen für die Lauter gehalten, es war aber ein Neben 
flüßchen derselben — aus ihrer Ohnmacht erwachte, war die 
Straße und die Wiese schon mit Flüchtigen bedeckt. Nachdem 
sie sich dann noch eine Zeitlang versteckt gehalten, hörte sie 
plötzlich donnernden Hufschlag, und sie erblickte die wohl 
bekannten roten Attilas der Ziethen-Husaren. Schnell kletterte 
sie in die Höhe und lief über die Wiese nach der Straße hin, 
kam aber dort erst an, als die letzten Ziethen-Husaren schon vor 
übergebraust waren. Da sie zu entkräftet war, um weiterzu 
gehen, legte sie sich in den Graben zwischen Landstraße und 
Wiese; sie hoffte darauf, daß wieder Preußen kommen würden, 
und wollte sich, wenn dies geschah, irgend einem der höheren 
Offiziere rückhaltlos anvertrauen und ihn um Schutz bitten. 
Da kam von der anderen Seite her der Gefangenen-Transport 
und mit ihm Karl. 
Der kleine Souslicutenant war ganz erstarrt, als er sah, 
wie vertraut die beiden mit einander verkehrten. Er machte sich 
an Christian heran, um etwas Näheres zu erfahren, denn er 
hatte gesehen, daß Arabella ihm die Hand gereicht, was dieser 
mit einem ehrfurchtsvollen militärischen Gruß erwidert hatte. 
Obwohl nun der eine nicht deutsch und der andere nicht 
französisch verstand, so hatten doch beide lange genug im 
fremden Lande gelebt, um sich durch Zeichensprache einigermaßen 
verständigen zu können. 
„Ah, une femme, sa fiangee! Mille tonerre! Hätte 
ik gewissen das gestern abend!" 
Mit einbrechender Dunkelheit kam der Zug in Kaisers 
lautern an. Karl lieferte seine Gefangenen ab, die zu vielen 
anderen in eine Kirche gesperrt wurden. Dann bat er, daß 
man ihm erlaube, sich verbinden zu lassen. Zuvor aber wollte 
er Arabella in sichere Obhut bringen. 
Er ging in das erste beste große Haus am Markte, 
während Christian mit den Pferden draußen wartete. Es 
gehörte einem reichen Weinhändler, Namens Krüger. Haus 
flur und Erdgeschoß waren, wie in fast allen Häusern, voll 
von Verwundeten. Chirurgen und Lazarettgehilfen liefen in 
größter Geschäftigkeit unter ihnen hin und her. 
Karl verschaffte sich, halb mit Güte, halb mit Gewalt, 
Zutritt zur Hausfrau, einer würdigen alten Dame. Er teilte
        
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