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Periodical volume 19. Juni 1897, No. 25

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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nicht schöner sein konnten; ja Kirschen aus dem Weinberge 
bei Weißenfels oder gar Weintrauben von dort find bisher 
durch kein Obst aus einer andern Gegend an Süßigkeit und 
Würze übertroffen worden. Bei dieser rührenden Anhänglichkeit 
an die traute Heimat steht ihm besonders das Bild der 
Mutter vor Augen. „Was würde Deine gute Mutter 
dazu sagen?" — so pflegte er vor Entscheidungen im Leben 
sich vorzuhalten; ihr verklärtes Bild kann ihm nicht verfließen 
in seiner Seele. Es begleitete ihn in die Ferne, als er neben 
dem Lehrberufe fich der Kunst widmete. Namentlich in Berlin 
bot fich ihm hierzu reichlich Gelegenheit. Neben dem Institute 
für Kirchenmusik besuchte er fleißig das König!. Opernhaus 
und die Museen. Mancher Künstler und manche Künstlerin 
von Ansehen gönnten ihm ihren Verkehr, um ihn an den 
hohen Geuüffen der Kunst teilnehmen zu laffen. Und als er 
dann berufen wurde, Lehrer, Cantoren und Organisten heran 
zubilden. wie zuletzt in Potsdam und Cöpenick, da setzte 
wird für die heranwachsende Jugend. — Und wie er 
im Amte, das er so viele Jahre mit Freuden versah, 
der Kunst diente und damit dem Staate, so hat er auch 
seiner Familie von seinen reichen Gaben auf diesem 
Gebiete mitgeteilt, soviel er konnte. Eine feingebildete Gattin 
erzog mit ihm einen Sohn und eine Tochter in den Harmonien 
der Kunst. Die musikalische Pflege des eigenen Vaterhauses 
ward jetzt den Kindern zu teil. Hoffnungsvoll entwickelten 
sie fich und konnten die Eltern als verständnisvolle Mit 
genießer der Kunst auf ihren Reisen begleiten. Leider sollten 
sie in reiferen Jahren mit der geliebten, häufig kränkelnden 
Mutter dem Vater entrissen werden. Aber wenn auch die 
schwersten Verluste über ihn hereinbrachen, ungebeugt noch 
lebt Rudolf Lange unter seinen Schülern und Freunden, 
und wie diese ihm in Dankbarkeit und Verehrung zugethan 
find, das hat eben die Feier vom 2. Oktober v. I. gezeigt. 
Die Hauptfeier fand im großen Ocgelsaal des Seminars 
Ludolf Tange inmitten seiner ältesten Schüler (1844—60). 
(Außerdem Schulrui Schulze, Schulrat vr. Renisch und einige andere Herren.) 
Nach einer photographischen Aufnahme von P. Polster-Berlin.^ 
er seine Kunststudien fort auf Ferienreisen durch Italien, 
Frankreich und Holland. Das Ergebnis dieses keine Mühe 
und keine Kosten scheuenden Studiums war ein feines Kunst 
verständnis, ein wohlgebildetes Urteil über Kunstangelegenheiten 
im weitesten Sinne, das ihn außerordentlich befähigte, König 
licher Seminar-Musiklehrer zu sein. Und derjenige, welcher 
nicht durch Theorien zu überzeugen wäre, wie innerlich die 
Verbindung, die Wechselbeziehung zwischen Kunst und Sittlichkeit 
ist, mag die erzieherischen Erfolge Rudolf Langes nachprüfen. 
Wie hat er im Sinne seines Lehrers und nunmehr längst 
Heimgegangenen Freundes E. Hentschel den Volks schul- 
gesang als den volksmäßigen, reinen Ausdruck sitt. 
licher Gefühle gepflegt, wie hat er durch tiefempfundene 
Kompositionen der Andacht gedient, und wie verstand er 
es, durch einen planmäßigen Unterricht in den herrlichen 
Museen Berlins den jungen Seminaristen eine Ahnung zu 
verschaffen von den lichten Höhen des menschlichen 
Genius! — Hier ist im Laufe der Jahrzehnte eine Saat 
gesäet, die reichen Segen gebracht hat und noch bringen 
statt. Sie wurde durch ein Orgelvorspiel des Seminarlehrers 
Engelbrecht, eines ehemaligen Schülers von Lauge, eingeleitet, 
worauf der Jubilar unter dem Gesänge des Chorals „Lobe 
den Herren" in den Saal geleitet wurde. Nach Verlesung 
des 91. Psalms durch Seminardirektor Schulrat Or. Renisch 
und nach einem von diesem gesprochenen Gebet brachte der 
Erksche Männer-Gesangverein, dessen Ehrenmitglied R. Lange 
ist. das Grellsche „Siehe, wie fein und lieblich" zum Vortrag. 
Lehrer Thiel aus Charlotteuburg hielt die eigentliche Fest- 
rede und schilderte mit warmen Worten die Verdienste des 
Jubilars um die Hebung des Schulgesanges in Wort und 
Schrift. Lehrer Luckow aus Berlin überreichte mit 
Worten des Dankes und der Verehrung eine von 700 Schülern 
gestiftete Votivtafel in Bronze (s. Abbildung auf S. 292), 
die im Orgelsaal des Seminars ihre Stelle finden und das 
Andenken an den Jubilar auch unter den nachfolgenden 
Seminargenerationen sichern soll. Nachdem Seminar- 
direktor Schulrat vr. Renisch die Tafel für das Seminar in 
Empfang genommen und seiner Freude über solchen Akt der
        
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