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Periodical volume 12. Juni 1897, No. 24

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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der Burg Franz von Sickmgens, jenes Helden aus der Re- 
sormationszeit, der hier der Menge seiner Feinde erlegen war. 
Zugleich gewahrte sie, als sie, von dem Dörfchen Miesenbach 
kommend, aus dem Reichswalde heraustrat, daß das ganze 
Thal vor ihr mit französischen Soldaten angefüllt war. End 
lose Züge von Artillerie und Infanterie zogen von Landstuhl 
über Kindsbach in der Richtung nach Kaiserslautern. Zu 
beiden Seiten der Hauptstraße, da, wo das breite Thal etwas 
anstieg, streiften auch starke Kavallerie-Patrouillen umher. 
Sie zog sich sofort wieder in den Wald zurück, um un° 
bemerkt zu bleiben. Unterhalb des Waldes lagen Wein 
gärten, die jetzt ihres Schmuckes beraubt waren. Hier und 
da waren Leute beschäftigt, die Weinpfähle aus dem Boden 
zu zieheir und auf Haufen zu schichten. Sie ahnten nicht, daß 
in wenigen Tagen alle als Wachifeuer verbrannt sein würden. 
Als Infanterie-Patrouillen herankamen, um auch die Grenzen 
des Waldes abzusuchen, wandte sich Arabella tiefer in den 
Wald hinein. Sie ging immer geradezu, nur um aus dem 
Bereiche der Truppen herauszukommen. Die Richtung hatte sie 
längst verloren. 
Der trübe, kühle Novemberabend brach herein, der Mund- 
vorrat war aufgezehrt, und aufs neue schien der Flüchligen 
nichts anderes übrig zu bleiben, als die Nacht im Freien 
zuzubringen. Da bemerkie sie vor sich eine tiefe Schlucht. In 
dem Gedanken, daß es da unten wohl wärmer sein werde, 
als auf der Höhe, stieg sie hinab. 
„Halt! Wer da?" rief plötzlich eine rauhe Stimme, und 
eine kräftige Hand umfaßte ihren Arm. Sie sank vor Angst 
in die Knie. 
Der Mann zerrte sie gewaltsam in den Bereich eines 
kleinen Feuers, das in einer verborgenen Ecke angezündet war. 
Beim Scheine desselben erkannte sie den Wirt aus Miesen 
bach, bei dem sie die letzte Nacht zugebracht hatte. 
Um das Feuer saßen eine Anzahl Männer, Frauen und 
Kinder, während Kühe an Bäumen angebunden waren und 
Ziegen von Kindern an Stricken gehalten wurden. 
Der Wirt fragte sie. wie es komme, daß sie sich so tief 
in der Nacht hier im Walde umherlreibe. 
Sie erzählte, daß sie nach Landstuhl gewolll, die ganze 
Gegend aber von französischen Soldaten angefüllt gefunden 
habe. Da habe sie sich gefürchtet, sei tiefer in den Wald 
gegangen und habe sich dann verirrt. Das klang glaub 
haft. und die Leute luden sie ein, bei ihnen zu bleiben 
und ihr kärgliches Mahl, das sie gerade anrichteten, 
mit ihnen zu teilen. Sie waren ebenfalls Flüchtlinge. Bei 
der Annäherung der Franzosen waren sie mit dem wenigen 
Vieh, das ihnen noch geblieben war, in diese versteckte Wald- 
schlucht geflohen, die schon ihren Vorfahren im dreißigjährigen 
Kriege mehrmals als Unterschlupf gedient hatte. Daß sie 
ihren Hausrat zerschlagen und ihre Hütten in Asche wieder 
finden würden, nahmen sie als gewiß an. 
Arabella erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß die Preußen 
schon lange bei Kaiserslautern lägen und sich stark verschanzt 
hätten. Da nun so viele Franzosen nach dieser Richtung ge 
zogen waren, so vermuteten die Bauern, daß es zu einer 
Schlacht kommen werd-'. Sie hatten beschlossen, mit Tages 
anbruch Kundschafter auszusenden, um Näheres zu erfahren 
und danach ihre Maßregeln zu treffen. 
Die lange Nacht verbrachte man eng aneinander gedrückt, - 
um sich gegenseitig zu erwärmen. Am Morgen erhielt Arabella 
von den mitleidigen Bauern noch ein großes Stück Brot und 
etwas warme Milch. Dann schloß sie sich einem der Kund 
schafter an. 
(Fortsetzung folgt.) 
Die Kaiser Milhelm-Grdächtnis-Kirche. 
ii. 
(Mit Abbildung.) 
Eins der interessantesten Kapitel des v. Mirbachschen 
Buches über die Kaiser Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ist dasjenige, 
welches den Glocken des schönen Gotteshauses gewidmet ist. 
Die berühmte Glockengießerei von Karl Friedrich Ulrich 
in Apolda Hai die fünf Glocken, deren Herstellungskosten sich 
auf 72 000 Mark belaufen, gegossen. Kaiser Wilhelm schenkte 
für dieselben 50 000 Pfund erbeuteter Geschütze aus den Zeiten 
der ersten Republik, Napoleons I., Kails X. und Napoleons III. 
Die fünf Glocken wiegen mit Klöppel 31 693 kg, das Gewicht 
der Joche beträgt 6000 kg, das des Glockenstuhls 20 000 kg, 
das des großen eisernen Gitters, auf welchem jener steht, 
27 000 kg, so daß der Hauptturm für das Geläut eine Last 
von über 85 000 kg zu tragen hat. Die größte, die V-Glocke, 
trägt die Namen: „Königin Luise. Kaiser Wilhelm I." 
In Deutschland wird sie an Größe und Schwere nur von 
der großen Kölner Dom-Glocke überiroffen. Aus dem Glocken 
mantel sind folgende Inschriften angebracht: „22. März 1797. 
Jesaias 63, V. 1. 9. März 1888." Ferner der Spruch: 
„Die mit Thränen säen, werden mit Freuden ernten." Die 
Glocke ist 2,80 na hoch bei einem Durchmesser von 2,84 na. 
Die I'-Glocke hat den Namen „Augusta" und neben dem 
Alliancewappen Preußen-Sachsen die Inschriften: „1829, 
11. Juni, 187 9. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in 
Trübsal, haltet an am Gebet." Die Höhe der Glocke beträgt 
2,35 na bei einem unteren Durchmesser von 2.35 nr. Die 
^.-Glocke (Deutschland) trägt den Reichsadler, die 
Kaiserkrone und die Inschriften: „Versailles, 18. Januar 1871. 
Jesaias 40. V. 31." — „Sie haben mich oft gedräugel von 
meiner Jugend auf; aber sie haben mich nicht Übermacht." 
Die L-Glocke hat den Namen und das Wappen des Kaisers 
Friedrich mit der Inschrift: „1870. 1. September. 1895. 
Gott war mit uns, ihm sei die Ehre." Die O-Glocke hat den 
Namen: „Wilhelm II. Auguste Viktoria". Sie trägt 
das Alliancewappen Preußen-Holstein und die Inschriften: 
„4. Mai 1888. Evangelisch-kirchlicher Hülfsverein und Kirchen 
bauverein. Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die 
Krone des Lebens geben" (Emsegnungsspruch der Kaiserin). 
Die fünf Glocken wurden September bis Dezember 1894 
in Apolda gegoffen, sie trafen am 31. Mai 1895 in Berlin 
ein und wurden vom 1. Juni bis 4. Juni vor dem Palais 
Kaiser Wilhelms I. Unter den Linden aufgestellt, welchen denk 
würdigen Anblick das v. Mirbachsche Werk in einem wohl 
gelungenen Bilde festhält. Am 13. Juni 1896 ließen die 
Glocken zum ersten Male ihr herrliches Geläut ertönen. 
Musikdirektor Professor Theodor Krause, ein berufener 
Fachmann, schrieb über das Geläut: „Naht der Wind aus 
Nordwest, so erfüllt der mächtige Klang des Gußstahl-Geläuies 
der Gnadenkirche die ganze, zwei Kilometer entfernte Friedrich 
stadt. An den Türmen des Gensdarinenmarktes brechen sich 
die gewaltigen Tonwogen und fließen in die rechtwinklig sich
        
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