Path:
Periodical volume 29. Mai 1897, No. 22

Full text: Der Bär Issue 23.1897

der Mark Brandenburg und der angrenzenden Gebiete. 
Unter Mitwirkung von 
Dr. Grnst G. Kardon, Dr. R- KürinAUtor, Professor vr. Krectior, Dr. H. Srondtcke, Theodor Fontane. Stadtrat 
G. Friedet, Richard George. Ferd. Mer»er, Gymnafialdirektor a. D. vr. W. Krhn»arh und G. v. Witdendrurt, 
herausgegeben von 
Friedrich Zillesfen. 
XXIII. 
Jahrgang. 
M 22. 
Det ,,8ät" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede Poftanftalt iNo. 809), Buchh »idlnna und Zeitungs- i 
spedition für 2 Mk. 60 Pf. vierteljährl. zu beziehen. Auch die Geschäftsstelle — Berlin N. 58,Schönh. Allee 141 — nimmt : 
Bestellungen entgegen. Inserate »-Aufträge sind an die letztere zu richten. Die viergesp. Petitzeile kostet 40 Pf. 
29. IM 
1897. 
Finis Poloniae. 
Historischer Roman von C. Grundier. 
(21. Fortsetzung.) 
war Arabella so plötzlich geblieben? Sie war ja 
wie vom Erdboden verschluckt. 
Die Sache ging ganz einfach zu. 
Als Pierre Duloup, denn das war der Retter, mit 
seiner Last unhörbar, weil er die Schuhe ausgezogen hatte 
und auf den Strümpfen lief, am Ende des Korridors ange 
kommen war, bog er rechts um die Ecke in einen schmalen, 
dunkeln Gang, der die Richtung nach dem Park hin hatte. 
Am Ende desselben befand sich eine kleine eiserne Thür von 
kaum Schulterhöhe. Dieselbe war nur angelehnt, denn sie 
hatte kein Schloß, konnte aber von der andern Seite mit 
starken eisernen Riegeln verschlossen werden. 
Pierre kroch mit Arabella, die noch immer bewußtlos 
war, mühsam hindurch und schob die Riegel vor. Sie befanden 
sich im ersten Stock des alten Turmes, einem vollständig kahlen, 
runden^ Raum, dessen Wände aus riesigen Bruchsteinen roh 
gefügt und ohne Mörtelbewurf waren. Nur wenige Schieß 
scharten ähnliche. ,kleine Fenster befanden sich in den über 
zwei Meter dicken Mauern, so daß selbst bei Tage nur ein 
trübes Dämmerlicht durchdringen konnte. 
Jetzt wäre es in dem unwirtlichen Raume vollständig 
finster gewesen, wenn nicht eine kleine Stalllaterne mit Scheiben 
von durchsichtigem Horn einen matten Schimmer verbreitet 
hätte. 
Außer einer alten Bank von massivem Eichenholz, die an 
der Mauer stand, war nichts in dem öden Raum. Auf diese 
Bank setzte Pierre seine süße Last ab, deckte ihr Haupt mit 
einem alten Schlapphut, wie ihn die Landleute dort trugen, 
und hüllte ihre zierliche Gestalt in einen langen, dunkeln 
Mantel, der neben dem Schlapphut auf der Bank lag. Dann 
wartete er, bis Arabella aus der Ohnmacht erwachen werde; 
ihr Haupt hatte er an die Mauer gelehnt, und mit seinen 
starken Armen schützte er sie vor dem Umfallen. 
Das alles sah so gemacht, so sorgfältig vorbereitet aus. 
War Pierre wohl gar der Anstifter des nächtlichen Ueberfalls? 
Hatte er die wilde Rotte herbeigeführt? 
Der Raum, in dem sie sich jetzt befanden, war seit 
Menschengedenken von niemandem außer von Pierre betreten 
worden. Als man vor längerer Zeit in das Erdgeschoß 
des Turmes, welches weder einen Eingang noch Fenster 
hatte, eine rohe Oeffnung gebrochen, um den dunklen Raum 
zur Aufbewahrung von allerlei Gartengerät und Gerümpel 
zu verwenden, war er mit der Neugier des Knaben, die 
alles Geheimnisvolle aufzustöbern liebt, oft in ihm umher- 
gekrochen. Dabei hatte er hinter einem alten Holzgitter eine 
kleine eiserne Thür entdeckt. Die Thür war nur angelehnt, 
denn sie hatte ebenfalls kein Schloß, sondern wurde, wie die 
andere Thür. welche ins Schloß führte, nur von innen mit 
Riegeln zugehalten. Mit Mühe hatte er sie in ihren rostigen 
Angeln bewegt und war an eine kurze, enge Treppe 
gelangt, welche innerhalb der verstärkten Mauer in das 
erste Stockwerk führte. Hier war er als Knabe oft hinauf 
gekrochen. Er fühlte sich, wenn er beide Thüren von innen 
verriegelt hatte, so sicher dort, wie ein Ritter in seiner „Burg"; 
auch konnte er da unbelauscht träumen und über die un 
gleiche Verteilung der Glücksgüter auf dieser Welt nachsinnen.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.