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Periodical volume 22. Mai 1897, No. 21

Full text: Der Bär Issue 23.1897

in den zierlichen Vorgarten, rücksichtslos die Blumen zer 
tretend und die Gesträuche knickend. 
Als sie am Schlosse selbst alles verschlossen fanden, 
donnerte jemand mit dem Säbelgefäß gegen die eherne Pforte, 
und eine herrische Stimme rief: „Aufgemacht! Im Namen 
des Gesetzes!" 
Der Graf sah. daß gegen eine solche nach Hunderten 
zählende Menge jeder Widerstand auf die Dauer vergeblich 
sein werde. Es hieß nur nutzloses Blutvergießen herbeiführen, 
am Ende mußten sie sich doch ergeben und alle sterben. 
Seine Diener, vor allem der alte Hausmeister bestürmten 
ihn, nicht nachzugeben. Sie wollten bis auf den letzten Mann 
mit ihm kämpfen und sein und ihr Leben teuer verkaufen. 
Von neuem donnerten die Schläge an die Thore, von neuem 
erscholl der Befehl zum Oeffnen. 
Man schrie: „Den Balken, den Balken!" 
Fünfzig Menschen stürzten fort, ihn zu holen. Der Graf 
ließ sich nicht erbitten. 
„Bringt Euch in Sicherheit, meine Kinder," sagte er, 
„und nehmt Arabella mit! Mir allein gilt dieser seltsame 
Besuch. Ich will ihnen auch allein gegenübertreten und zu 
nächst hören, was man von mir will. Ter größte Teil von 
Euch hat Frau und Kinder zu Haus. Daran denkt und er 
haltet ihnen den Ernährer! Mir könnt Ihr nichts nützen, 
eher schaden. Ich befehle Euch. Euch zurückzuziehen. Und 
sollte es mein letzter Befehl sein, Ihr werdet ihm ebenso un 
bedingt gehorchen, wie allen früheren." 
Arabella weigerte sich indes entschieden, mit den Dienern 
fortzugehen. 
„Wo Sie bleiben. Papa, bleibe ich auch. Und wenn es 
zum Aeußersten kommt, so weiß ich eben so mutvoll zu sterben, 
wie unsere teure Königin." 
„Du hast im Grunde recht, Kind. , Du würdest auch 
wohl nicht weit kommen. Sie griffen Dich dann auch auf. 
und dann blieben wir nicht einmal zusammen." 
Während man vor dem Schloß noch beratschlagte, in 
welcher Weise man den herbeigeschleppten Baumstamm ver- 
wenden wollte, da wegen der hohen Freitreppe und der Terrasse 
I ein solcher Anlauf, wie vorher, nicht möglich war, begab sich 
der Graf nach unten. Arabella, Fräulein äs klsssis und 
der alte Hausmeister begleiteten ihn. 
[ Letzterer öffnete beide Thorflügel, und der Graf trat 
barhäuptig mitten in das Thor. die andern standen neben 
und hinter ihm, grell beleuchtet von dem Schein der Fackeln. 
„Was wollt Ihr? Was bedeutet dieser Einbruch?" 
Allgemeine Stille. 
Da trat der Kommissar des Wohlfahrtsausschusses vor, 
angethan mit dem halboffenen Uniformsfrack, über der Schulter 
die dreifarbige Schärpe, auf dem unfrisierten Haar den un 
geheuren Zweispitz quer etwas in den Nacken gerückt, und rief 
mit frecher Stimme: „Bürger Lafere, ich verhafte Euch im 
Namen der Republik." 
Hinter ihm standen sechs Grenadiere, das Gewehr im 
Arm, große dreifarbige Kokarden an den dreieckigen Hüten. 
„Ich kenne keine Republik. Wessen beschuldigt man mich?" 
„Ihr habt zu antworten, nicht zu fragen. Ich will es 
Euch aber sagen: Ihr seid des Landesverrats angeklagt, und 
Euer Haupt ist dem Block verfallen." 
„Bravo, bravo!" heulte die Menge. 
„Zurück!" schrie der Graf. „Der erste, der sich naht, ist 
des Todes! Ich verteidige mein Hausrecht!" 
„Allons!" befahl der Kommissar und trat zur Seite. 
„Faßt ihn!" 
Die sechs Grenadiere fällten das Gewehr und stiegen die 
Stufen hinan. 
Da krachte der Schuß des Grafen, die Pistoleukugel hatte 
den Kommissar in die Brust getroffen, der hintenüber fiel und 
die Stufen hinabstürzte. 
Gleichzeitig aber donnerten sechs Musketenschüsse, der 
Graf sank, von zwei Kugeln getroffen, in die Kniee. Der 
Hausmeister hatte eine Kugel mitten vor die Stirn erhalten 
und schlug schwer zu Boden. Auch Fräulein äs Plessis 
war in die Brust getroffen und fiel mit dem Gesicht zu Boden. 
Arabella, welche hinter derselben gestanden hatte, verlor die 
Besinnung. 
Da umfaßten sie zwei starke Arme und hoben sie, wie 
eine Feder leicht, in die Höhe. 
Der unbekannte Retter stürzte auf lautlosen Sohlen mit 
ihr den finsteren Korridor entlang und, ehe der Pulverrauch 
sich verzogen hatte, war er mit ihr im Dunkel veschwunden. 
Mit einem furchtbaren Wutgeheul stürzte sich die Menge 
auf die drei Leichname. Die ganze vertierte Roheit der 
menschlichen Natur kam zum Ausdruck. Die Körper der 
Unglücklichen wurden mit Stichen, Keulenschlägen und Fußtritten 
so lange bearbeitet, bis sie nur noch formlose Klumpen waren 
und es unmöglich gewesen sein würde, eins der Gesichter 
wieder zu erkennen. Dann, als ihre Rache befriedigt war, 
ergoß sich der wütende Haufe in alle Räume des Schlosses 
zur Plünderung. 
Mit den Fackeln wurden die Lichter auf den kostbaren 
Armleuchtern angezündet, um besser sehen zu können. Alle 
Thüren, alle Schränke wurden mit Aexten eingeschlagen und 
der Inhalt geraubt. Die kostbaren Seidenbetten flogen durch 
die Fenster und wurden unten jubelnd aufgefangen. Was 
man nicht mitnehmen konnte, zerschlug man. «die deckenhohen 
Spiegel, die prachtvollen Kipstallleuchter, die Statuen, die 
Gemälde, alles wurde in Scherben zerschlagen. 
Bis zum anbrechenden Tag dauerte die Verwüstung. 
Als dann die Sonne blutigrot zwischen schwarzen Wolkenstreifen 
im Osten aufging, beleuchteten ihre ersten Strahlen eine 
ungeheure Rauchsäule, aus welcher Flammen nach allen Seiten 
züngelten. 
Monrepos war nur noch ein Trümmerhaufen. — Auch 
in Verdun waren die Kommissare des Convents erschienen und 
hatten viele Verhaftungen vorgenommen, vornehmlich bei solchen, 
welche sich im vergangenen Jahre den Preußen freundlich 
erwiesen hatten. Die meisten bestiegen das Blutgerüst. Zu 
letzteren gehörten auch die jungen Mädchen, welche den König 
von Preußen mit Blumen empfangen hatten. 
Da in Verdun viel Militär lag, so wurde hier die Ordnung 
einigermaßen aufrecht erhalten. Wo aber auf dem Lande 
Verhaftungen ausgeführt wurden, da fand sich auch regelmäßig 
ein Pöbelhaufen ein, welcher mordete und plünderte, und 
manches schöne Besitztum in Frankreich ging in Flammen auf. —- 
(Fortsetzung folgt.)
        
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