Path:
Periodical volume 9. Januar 1897, No. 2

Full text: Der Bär Issue 23.1897

.. 20 •• 
Jury, rahmen sie diese zum Publikum. Die Länge des 
Saales vereitele hierdurch nicht allein einen Widerhall, sondern 
ein komplettes Echo von mindestens der Mensur um eine ganze 
Viertelnote des Taktes. Wir nahmen deshalb bei unserer 
Aufstellung Front zur Jury, ich allein als Dirigent nahm 
Front zum Publikum; der Klang unserer Instrumente gewann 
hierdurch eine ganz kurze Distanz. War doch der Zweck 
dieses ganzen Konkurses die Prüfung der Milttärmufik und 
nicht der eines Militärkonzertes vor einem 40000köpfigen 
Publikum, wozu mindestens tausend Musiker gehörten, um 
dem letzteren Zweck zu entsprechen. Wir begannen mit meiner 
Propheten-Phantafie, die genau auf die Klangwirkung einer 
Militärmufik berechnet ist. Schon durch eine andere Aufstellung 
zogen wir die Aufmerksamkeit des Publikums auf uns, und 
es trat ein? allmähliche Ruhe unter dem letzteren ein. Roch 
günstiger gestaltete sich der Moment für uns in dem starken 
Unisono aller Instrumente, womit meine Phantasie beginnt, 
welche sich schon im 7. Takte in eine im rechten tortmsirno 
erklingende Harmonie verläuft. Hier ergriff das Publikum 
von allen Seiten ein zusammenhängender musikalischer Effekt, 
und von allen Seiten erschallten die Worte: „Silence, silence, 
quelle belle musique!“ Es trat eine große Ruhe ein, 
unter welcher jede, ja die feinste Nuance der Spieler zu Gehör 
gebracht werden konnte. Vor dem Schlußsätze der Phantasie 
wurde mein Solo-Kornettist für die Ausführung seiner vor 
geschriebenen Cadenz durch einen nicht enden wollenden Applaus 
belohnt, und ich befürchtete fast, daß die gewünschte Ruhe 
nicht wieder eintreten und unsere Musik um ihren schönsten 
Lorbeer gebracht werden könnte. Indes merkte doch das 
Publikum wohl aus meinen Verneigungen, daß das Musikstück 
noch nicht geendet habe; man wurde ruhiger, so daß wir die 
Phantasie bei ganz außerordentlicher Stille im Saale glücklich 
zu Ende führen konnten. Jetzt ging es zur Hauptaufgabe 
des Konkurses, nämlich zur Ausführung der Oberon-Ouverture. 
Die musikalische Intelligenz unserer Hautboistcu halle von 
selbst verstanden, daß in diesem ungeheuren Raume durch die 
vorgeschriebenen Piauostellen des Adagios nichts erreicht werden 
könne. Auf meinen Wink wurden hier nächstdem die Pianos, 
welche ich mit gedämpften Instrumenten zu exekutieren 
vorbereitet hatte, sistiert. Das Allegro der Ouvertüre wurde 
sehr feurig und in sehr lebhaftem Tempo vorgetragen. Ein 
nicht enden wollender Beifall von allen Seiten, den selbst die 
Herren der Jury durch Erheben von ihren Plätzen kundgaben, 
begleitete diesen unsern Vortrag bei seinem Schluffe. Froh 
und wohlgemut traten wir von der Tribüne an unsere alten 
Plätze, und nun folgten die Oesterreicher, deren kolossale Baß- 
instrumente, die ungeheuren Bombardons, Helicons rc. uns 
einen gewaltigen Schreck einjagten, umsomehr, als eine vor 
herrschende Zuneigung die Oesterreicher begünstigte. Sie 
nahmen, wohl fühlend die fehlerhafte Aufstellung der Spanier rc. 
dieselbe Position, wie wir sie in veränderter Weise genommen 
halten; sie begannen mit der Rosfinischen Tell-Ouverture. 
Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß Intonation und 
Ensemble den tonkünstlerischen Anforderungen genügten, so 
war dies doch nicht in Hinsicht auf die musikalische Auffassung 
der Fall. Das schöne Solo des englischen Hornes im 
Andante pastorale wurde auf einem Flügelhorn exekutiert. 
Die österreichische Musik führt weder Hautboen noch Fagott und 
war mithin auf diesen musikalischen Mißgriff hingewiesen. 
Tie Verbindung beider Soli des englischen Hornes mit der 
Flöte war, da das erstere notgedrungen auf einem Flügelhorn 
exekutiert werden mußte, eine nicht passende, wenigstens in 
Paris, wo der Komponist lebt und seine Gegenwart im Konzert 
angenommen werden durfte. Ebenso stand auch der Klang 
der Instrumente nicht im Vergleich mit ihren unnatürlichen 
Kolossen. Das Ganze hatte eine etwas gedämpfte und bis 
zum Extrem kurz abgerissene Klangwirkung. In der Aus 
führung von Tänzen und Defiliermärschen, Potpourris rc. 
haben die Oesterreicher eine Meisterschaft erreicht, wie wohl keines 
der anderen anwesenden Musikkorps. Was darüber hinausgeht, 
namentlich klassische Musik, wird, gleich wie die Tanzmusik, 
in allen Situationen ans das kürzeste Stackato basiert. Im 
übrigen ist ihre Milttärmufik charakteristisch und ihrem Zwecke 
entsprechend. Auch die Oesterreicher wurden mit vielem Bei 
fall seitens des Publikums beglück:. Jetzt traten die Belgier 
hervor, wunderbarerweise wie die Bayern und Holländer 
mit großen Streichkontrabässen und Kesselpauken ausgerüstet. 
Sie begannen mit einer Phantasie über Themata der Oper 
„Tell", deren Schlußsatz das Allegro der Tell-Ouverture 
bildete. Das Publikum hatte das Vergnügen, die Tell- 
sowie die Oberon-Ouverture zweimal hintereinander zu genießen. 
Die belgische Militärmusik, welche ich vor 25 Jahren kennen 
gelant und deren Konkurrenz mir am gefährlichsten erschien, 
ging hier sonderbarerweise bedeutungslos vorüber, obwohl 
mir bekannt, daß ihre Hautboisten insgesamt durchgebildete 
Musiker sind: es fehlte derselben der militärische Charakter, 
den sie ganz aus den Augen verlor, was durch die Ver 
wendung von Streichinstrumenten und Kesselpauken seine 
Begründung findet. Die Bayern schlossen sich hieran mit 
einer Phantasie über Heimatslüfte, die das Längenmaß sehr 
überschritt, so daß sich im Publikum gleich wieder die erfor 
derliche Ruhe verlor. Die Oberon-Ouverture wurde nicht 
mit der Delikatesse und dem poetischen Ergüsse vorgetragen, 
wie es das Weik erfordert. Die Holländer folgten jetzt mit 
dem Vortrage einer Phantasie über Themata aus Gounods 
Faust. Die Aufmerksamkeit des Publikums für den Gegen 
stand halte sich hier schon dermaßen abgeschwächt, daß ihre 
Lelstungsfähigkeit nicht diejenige Anerkennung fand, die sie 
wohl verdiente; überhaupt waren die Tonstücke nach freier 
Wahl im Zeitmaße alle zu lang gehalten. Jetzt traten die 
Russen hervor. Ihr Aeußeres, was Bekleidung und Deko 
rierung mit ihren geharnischten Helmen anbelangt, machte 
eine imposante Wirkung und frischte das Interesse des Publi 
kums einigermaßen wieder auf. Sie spielten nach freier 
Wahl eine Phantasie: „Lebensouvertüre für den Kaiser" von 
Glinka. Diese Ouvertüre halte mehr die Form einer Phan- 
taste über russische Nationalliedcr, die in echt nationaler 
Weise wundervoll vorgetragen wurden. Die Gesamtwirkung 
dieser Musik war militärisch charakteristisch, obgleich der Vor 
trag ihrer Mufikpiecen mehr Wärme hätte ausdrücken können. 
Namentlich darf dies von der Oberon-Ouverture gesagt werden, 
welche auch in einent überaus langsamen Tempo exekutiert 
wurde. Die Leistungsfähigkeit dieses Mufikkorps überraschte 
in der That um so mehr, als die allgemeine Meinung herrschte, 
daß die Russen in der Jnstrumentaltonkunst noch nicht so weit 
vorgeschritten seien, wie andere Nationen. Endlich erschien 
der Moment, wo die Eifindungen des Instrumentenmachers 
Sax bei diesem Konkurse ihre Sanktion vor der ganzen 
Welt erhalten sollten. Es traten als Repräsentanten 
dieser Erfindungen die beiden Korps „Guide de la garde
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.