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Periodical volume 8. Mai 1897, No. 19

Full text: Der Bär Issue 23.1897

drr Mark Krackenburg und der llugrenstuden Gebiete. 
Unter Mitwirkung von 
Dr. Ernst G Dardorf, Dr. R> Köringuier, Professor Dr. Krortfor, Dr. H. Krondtcke, Ttfoadar Fontane, Stadtrat 
V. Friede!, Richard George, Ferd. Merfer, Symnafialdirektor a. D. Dr. M. Sctrwarh und G. rr. Witdendrucis 
herausgegeben von 
Friedrich Zillessen. 
XXIII. !! Der „Bär" erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch jede Postanftalt (tlo. 809), Buchhandlung und Zeitungs- " 8. Mai 
Jahrgang. !. fpedition für 2 Ulk. 60 Pf. vierteljLhrl. zu beziehe». Auch die Geschäftsstelle — Berlin N. 5>8,Schönh. Alleelll—nimmt jgyj 
•M 19. |j Bestellungen entgegen. Jnseraten-Aufträge find an die letztere zu richten. Die viergesp. Petitzeile kostet 40 Pf. 
Finte Poloniae. 
Historischer Roman von M. Grundier. 
(17. Fortsetzung.) 
<Mm Herrenhause zu Krummensee war der Spätsommer in 
02 banger Sorge um deu Erstgeborenen verlaufen. Seit 
Monaten war keine Nachricht von ihm eingetroffen, und man 
wußte nicht, ob er noch lebe oder bereits als Opfer seines 
Berufs gefallen sei. Auch über den Gang der Kriegsereignisse 
war man sehr im Unklaren. Zeitungen gab es nur wenige, 
und die standen unter scharfer Censur. Man mußte hauptsächlich 
zwischen den Zeilen lesen. Aber der unglückliche Rückzug aus 
Frankreich hatte doch nicht verheimlicht werden können. 
Am meisten litt Magdalene Olearius. Ihre starke Seele 
hatte die Liebe zum ersten Male mit voller Kraft erfaßt. Seit 
Karls Fortgang war sie wie umgewandelt. Sie verrichtete 
ihre Obliegenheiten ebenso pünkllich wie zuvor, doch war sie 
nicht mehr mit ganzer Seele dabei. Auch war sie von einer 
Weichheit, fast Schwermut, die man an dem thatkräftigen 
Mädchen sonst nicht gewohnt war. Neben der Sorge um den 
so heiß Geliebten quälten sie bange Zweifel. War seine Liebe 
auch wirklich das, was sie erhoffte? Oder war es mehr 
brüderliche Zuneigung? Beständig stand ihr der letzte Abend 
ihres Zusammenseins vor Augen. Er hatte sie nicht ausdrücklich 
zum Weibe begehrt, das war richtig. Aber sonst hatte er ihr 
seine Neigung auf die unzweideutigste Weise zu erkennen 
gegeben. So quälte sie sich täglich mit Hoffnungen, Sorgen, 
Zweifeln und Grübeln, bis sie darüber ganz elend wurde. 
Ihre Wangen verloren die gesunde Farbe, und sie schlich wie 
eine Kranke umher, so daß es auch ihrem Vater auffallen 
mußte. Auf seine Fragen erhielt er immer die Antwort, daß 
sie ganz wohl sei, nur etwas müde. Aber oem erfahrenen 
Manne konnte nicht lange verborgen bleiben, wo das Uebel 
saß. Durch allerlei Gespräche, die er herbeizuführen wußte, 
entdeckte er, daß seine Tochter eine heftige Neigung für Karl 
von Krummensee gefaßt hatte. Er ließ sich jedoch nichts merken. 
Glaubte er auch annehmen zu dürfen, daß Hans Wilhelm 
vorurteilsfrei genug sein werde, seine Einwilligung nicht zu 
versagen, so hielt er es doch aus mehrfachen Gründen nicht 
für gut, daß diese Verbindung zustande komme. Karl brauchte 
unbedingt eine Frau, die so viel Vermögen besaß, daß er 
seine beiden Geschwister auszahlen konnte, ohne sich selbst mit 
Schulden übermäßig zu belasten. Seine Tochter war aber 
arm. und das Elend würde gleich beginnen. Zudem konnte 
eine Heirat erst nach Jahren stattfinden. Magdalene war dann 
ein altes Mädchen geworden, während Karl noch ein junger 
Mann war. Und wenn er ihm auch soviel Ehrenhaftigkeit 
zutraute, ein gegebenes Wort zu halten, so fragte er sich doch, 
ob sie ihm mit ihren geschwundenen Reizen noch ebenso sehr zu 
sagen könne, wie zuletzt, und ob ihm nicht vielleicht bei seinem 
Wanderleben weibliche Wesen begegnet seien, die sein leicht 
entzündliches Gemüt in Fesseln geschlagen hätten. Er hielt 
sich deshalb für berechtigt, eine kleine List anzuwenden, um 
seine Tochter von einer Leidenschaft zu heilen, von der er 
nichts Gutes voraussah. Als er eines Tages das Gespräch 
wieder auf Karl von Krummensee gebracht hatte, bedauerte er, 
daß derselbe unter steter Lebensgefahr in der Welt umherziehe 
und fügte dann hinzu: Das Vernünftigste wäre, er gäbe seine 
militärische Laufbahn bald auf und kehrte heim, um seine 
mütterliche Scholle zu bebauen. Er könnte dann ein adeliges
        
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