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Periodical volume 1. Mai 1897, No. 18

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Kleine Mitteilungen. 
Grosiherzog Friedrich ftrmt* 
ibuttgK Am 10. April d. I 
(Mit AvbMungs. Am 10. April b. I. ist Großherzog Friedrich 
Franz III. von Mecklenburg-Schwerin zu Cannes in Frankreich seinem 
langjährigen Leiben erlegen. Der Großherzog war. obgleich ihn sein 
Laub nur selten sab unb er eigentlich nur bem Namen nach regierte, 
weil er eben seines Gesunbheitszustanbes wegen zumeist im fernen Süden 
zu leben gezwungen war hoch seines vornehmen unb lauteren Charakters 
wegen bei seinem Volke sehr beliebt, unb auch im weiteren Deutschen 
Reiche hat man sein frühes Hinscheiben lief bebauert. ba Friebrich Franz 
allezeit eine gut beutschc Gesinnung bethätigte. 
Friebrich Franz III, ein Sohn bes Großherzogs Friebrich 
Franz II, der sich im bcutsch-französischen Felbzuge als Heerführer, 
namentlich in ben Kämpfen gegen bie Loire-Armee, einen hervorragenben 
Nauien erworben, ein Enkel ber Großherzogin Alexanbrine, ber Schwester 
Kaiser Wilhelm I., hat nur ein Alter von 46 Jahren erreicht. Am 
24. Januar 1879 vermählte er sich mit Anastasia Michailowno, Tochter 
bes Großfüisten Michael von Rußlanb, welcher Ehe brei Kinber ent 
sprossen sinb: Prinzessin Alexanbrine, ber jetzige Großherzog Friebrich 
Franz IV. unb Prinzessin Cäcilie.'* Am 15 April 1883 bestieg er nach 
bem Ableben seines Vaters ben Thron. In ber preußischen Armee be- 
kleibete er ben Rang eines Generals ber Kavallerie. Autzerbem war er 
Chef bes Infanterieregiments Großherzog Friebrich Franz II. von 
Mecklenburg-Schwerin (4. Branbenburgisches) Nr. 24, b->s 1., 3. unb 
4. Bataillons bes Großherzoglich-Mecklen 
burgischen Grenabierrcgimenis Nr. 89, bes 
1. Großherzoglich-Mecklenburgischen Dra 
goner-Regiments Nr. 17 unb bes Hanno 
verschen Husaren-Regiments Nr. 15. 
Tragisch war bas Enbe bes erlauchten 
unb geliebten Fürsten. In ber entsetzlichsten 
Atemsnot verließ er am Abenb des 10. April 
sein Krankenzimmer, um braußen in bem 
zur Villa Wenben, in der er wohnte, ge 
hörigen Garten besser Luft schöpfen zu 
können. Hier ist er, schon lange äußerst 
schwach, von einer Ohnmacht befallen 
worben unb dabei von einer Terrasse herab 
auf die unten vorbeiführende Straße ge 
stürzt. Als er von Gärtnern, die auf 
seinen Hilferuf herbeigeeilt waren, gefunden 
war, äußerte er wiederholt: „Was ist ge 
schehen? Wie bin ich hierhergekommen?" 
Durch den Sturz wurde die von den 
Aerzten für dienächsten 24 Stunden ohnehin 
erwartete Herzlähmung nur beschleunigt, so 
daß der Tod bald, nachdem der hohe Kranke 
wieder in seine Wohnung gebracht war, 
eintrat. Die Leiden desselben müssen in 
der letzten Zeit über alle Maßen qualvoll 
gewesen sein. Der Generalmajor Fritz Frei- 
berr von Maltzahn, der sich seit einiger 
Zeit in der Umgebung des Großherzogs be 
fand, berichtet darüber: „Jcb hätte nie ge 
dacht, daß ein Mensch mit gleicher Geduld 
und Ruhe so qualvolle Leiden ertragen 
könne. Noch in Ictzier Nacht hörte ich ihn 
wiederholt beten: „Lieder Gott, schenke mir 
doch etwas Ruhe, nur aus kurze Zeit 
Schlaf, und wenn es gar nicht anders 
geht, gieb mir das Ende!" 
Der Nachfolger des Heimgegangenen 
ist Großherzog Friedrich Franz IV., 
geboren den 9. April 1882. Da er noch minderjährig ist — 
er besucht seit einem halben Jahr das Vizthumsche Gymnasium in 
Dresden —, so hat brr jüngere Bruder des verstorbenen Großherzogs, 
Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, für ihn bis zu seiner 
Großjährigkeit die Regentschaft übernommen. Die nächste Anwartschaft 
hierauf hätte eigentlich der Herzog Paul Friedrich von Mecklenburg ge 
habt, der aber durch seine Heirat mit der Prinzessin Windischgraetz und 
durch seinen damit zusammenhängenden liebertritt zum katholischen Glauben 
auf alle Rechte an den Thron verzichtet hat. 
M er Wilhelm I. als Erzieher. Aus der Feder von H. Wal- 
MMr^>är","Ä^rg. l891, Nr. 26 einen Zug aus dem 
Leben Kaiser Wilhelms I. mit, den wir, weil ganz besonders schön, 
unseren Lesern gern in Erinnerung rufen möchten. H. Waldemar erzählt: 
Es war im Beginn der achtziger Jahre. Kaiser Wilhelm war, 
wie damals alljährlich, zum Kurgebrauche nach Wiesbaden gekommen. 
Zu bestimmter Stunde erschien er am Sprudel, nahm von der knicksen 
den Wasscrjungfrau das Glas entgegen, dankte ihr mit einigen Scherz 
worten, ehrte diesen und jenen mit einer Ansprache und bezauberte alle, 
die ihn sahen und ihm begegneten, durch sein leutseliges, ungemein 
liebenswürdiges Wesen. Dann begab er sich, nur von einem Kavalier 
begleitet, (besten Namen mir entfallen), auf die vorschriftsmäßige Prome 
nade, die er, der Abwechslung halber, nach dem Kurgartcn ausdehnte. 
Vorsorglich die nächste Umgebung des Kurhauses vermeidend, schritt er 
immer weiter, während er sich angelegentlich mit seinem Begleiter unter 
hielt. Plötzlich blieb er stehen, jenem die Hand auf den Arm legend, 
zum Zeichen, daß er schweigen solle, und so hörten sie ganz deutlich die 
helle Stimme eines Mädchens, das in französischer Sprache mit ungemein 
großer Zungenfertigkeit zu einer zweiten Person sagte: 
„Ich will aber nicht, Mademoiselle, und Mama hat gesagt, Sie 
wären dafür da und würden dafür bezahlt. Wenn Mama wüßte, daß 
Sie verlangen, ich sollte den Ball selbst ausheben und mir die Hand 
schuhe beschmutzen, würde sie sehr böse sein." 
„Aber Felicie!" wehrte eine sanfte, traurige Stimme. 
„Lassen Sic mich in Ruhe, Mademoiselle, Sie langweilen mich! 
Holen Sie den Ball, und dann gehen w:r nach Hause." 
„Der Arzt hat verordnet, daß Sie bis gegen 10 Uhr in der Luft 
bleiben, wir dürfen noch nicht ins Hotel zurückkehren." 
„Ich will aber nicht bleiben und lasse mich von Ihnen nicht 
halten! Sie sind abscheulich und verderben mir alles Vergnügen!" 
Bei diesen Worten stampfte das kleine Fräulein hörbar mit dem 
Fuße auf 
Kaiser W lhelm, auf dessen edlem Antlitze sich die Entrüstung ab 
gespiegelt, die er bei der erlauschten Szene empfunden, und dem nichts 
so sehr zuwider war, als wenn ein Mensch den Gehorsam verweigerte, 
trat nun mit raschen Schritten hinter dem Boskett hervor, das ihn bis 
her verborgen hatte, faßte die Kleine derb an der Schulter und sagte 
ebenfalls in fließendem Französisch, aber 
in energisch verweisendem Tone: 
„Willst Du, ungezogenes Kind, sofort 
thun, was das Fräulein befiehlt? Pfui, 
schäme Dich! Wer wird so ungeberdig, so 
widerspenstig sein, wenn man solch kleines 
Dämchen vorstellt! Gleich gehst Du dort 
hin, holst den Ball und bittest Dein Fräu 
lein um Verzeihung, daß Du hr mit Dei 
nen Worten wehe gethan hast! Bist Du 
reicher Leute Kind, so solltest Du ihr, die 
das Geschick in abhängige Stellung ge 
bracht, doppelt liebreich entgegenkommen, 
denn sie verließ Elternhaus und Heimat 
und giebt Dir das Beste, was sie geben 
kann, eine gute Erziehung." 
Unter dem Banne der in höchster Ent 
rüstung blitzenden Augen des greisen Mo 
narchen, der dem Kinde gänzlich unbe 
kannt war, vollbrachte Felicie wirklich ohne 
Murren, was von ihr verlangt wurde. 
Dann stand sie scheu zur Seite, den Blick 
der großen, dunklen Augen auf den Kaiser 
gerichtet, während dieser sich nach den Ver 
hältnissen des blassen, jungen Geschöpfes 
erkundigte, das in seiner Sanftmut so gar 
nicht geeignet schien, diesen Brausekopf zu 
lenken und zu erziehen 
Schließlich erklärte er: „Morgen, kleines, 
heftiges Fräulein, werde ich mich erkun 
digen, ob Du beflissen bist. Deiner Er 
zieherin nur Freude zu bereiten. Du bist 
alt genug, um zu wissen, daß niemand 
unartige Kinder gern mag, wenn sie auch 
noch so hübsch und noch so reich sind. 
©Mliljeipg Friedlich Iran? m. von Mechlenvnrg-Schiverin f. mein Kin?.^unb"b^j°nig? dem' ^zuge 
fallen, sollte es als unverdientes Geschenk 
dankbar hinnehmen, anstatt sich über andere 
zu erheben und sie ihre Abhängigkeit fühlen lassen. Wirst Du daran 
denken?" 
Felicie sah scheu, aber nachdenklich in das edle Antlitz, das sich 
ihr wohlwollend zuneigte; dann sagte sie ernst: „Om, monsieur.“ 
Kaiser Wilhelm nickte ihr herzlich zu, grüßte die Erzieherin, die 
sich tief verneigte und ging. 
Von diesem Tage an lenkte der Kaiser fast täglich seine Schritte 
zu jenem Boskelt. Und wenn auch Felicie das nächste Mal sehr ver 
legen und zurückhaltend war, — hatte ihr die Erzieherin doch mitgeteilt, 
wer der alte Herr gewesen, der sie so scharf getadelt — so gewann sie 
doch bald Zutrauen, da des greisen Herrschers Art und Weise, mit ihr 
zu verkehren, so überaus einfach war. Nach und nach verlor sie die 
alte Scheu, sprang ihm entgegen, begrüßte ihn mit freilich mühsam ein 
studiertem Knicks und erwartete geduldig seine Anrede, wie man ihr 
dies jedesmal neu einschärfte; wenn sie aber diesen Ermahnungen genügt 
hatte, sprudelte aus ihr alles heraus, was ihr durch den Sinn kam, 
und sie ergötzte Kaiser Wilhelm nicht wenig mit ihrem treuherzigen 
Geplauder, das so unaufhaltsam über ihre rosigen Lippen strömte. 
Freilich war Felicie nicht so rasch gebessert; gar oft verfiel sie 
noch in den alten Fehler; cs bedurfte aber dann nur eines Hinweises 
auf den deutschen Kaiser, um sie saust und gefügig zu machen. 
In dem Grade aber, als Felicie sich Mühe gab, anders zu werden, 
blühte die junge Erzieherin auf; der Druck, der auf ihr gelegen, daß
        
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