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Periodical volume 1. Mai 1897, No. 18

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Verbündeten war durch den glücklichen Ausgang des Gefechts 
bei Bois le Comte alles mit neuem Mute erfüllt. 
Karl von Krummensee hatte bei dem Vorstürmen plötzlich 
einen heftigen Schlag gegen die Brust erhalten, der ihn bei 
nahe vom Pferde geworfen hätte. Da er aber keinen Schmerz 
fühlte, achtele er nicht sonderlich darauf und stürmte weiter. 
Als späier zum Sammeln geblasen war. knöpfte er den Amla 
auf, um nachzusehen. Da fiel ihm eine Flintenkugel entgegen, 
die gerade in der Herzgegend durch die Uniform gedrungen 
war. Dann war sie aus die dick gefüllte Brieftasche aufge 
schlagen. die Karl beim Abschied von Magdalene zum Geschenk 
erhalten halle. Dadurch war ihreKrafi abgeschwächt worden. Der 
Inhalt der Brieftasche war ziemlich unversehrt, nur das große 
rote Herz, welches Magdalene so künstlich auf dem Deckel 
gestickl hatte, war milten durchbohrt. — 
Dumouriez war weiter zurückgegangen und hatte den 
General Kellermann zur Verstärkung herangezogen. 
Die preußische Armee folgte so schnell wie möglich. Ihre 
einzige Besorgnis war, ob es ihr gelingen werde, den leicht 
füßigen Feind einzuholen. Bei der Eile des Nachrückens war 
nicht abgekocht worden, und es herrschte ziemlicher Mangel 
im Lager. Sowohl der Kronprinz als auch Göche erzählen 
in ihren Tagebüchern recht drastische Beispiele, wie jeder be 
müht gewesen, sich Nahrungsmittel zu verschaffen. Die Dörfer 
wurden gänzlich ausgeleerr, unv manches wurde mit fortge 
schleppt. was hernach wieder fortgeworfen wurde. 
Doch hören wir den Kronprinzen in seinem Tagebuch 
vom 20. September wörtlich: „Da es sehr trüb war und immer 
fort regnete, konnten wir aus unserm Marsch fast gar nicht 
um uns sehen. Rechter Hand Sommetombe erreichten wir die 
Hauptarmee. Der Prinz von Hohenlohe hatte sich bereits 
mit der Avantgarde engagiert, und wir hörten viel Kanonieren. 
Er suchte sich der Höhe von La Lune zu bemeistern, welches 
ihm auch ohne große Mühe gelang. Nun bekamen wir Ordre, 
die Gewehre zu revidieren und zu laden. Da unsre Leute 
merkten, daß es ernst wurde, so fing manchem an das Gewissen 
zu schlagen, und sie warfen allmählich alles geraubte Gut von 
sich. Mancher eifrige Katholik unter unsern Oberschlesiern 
suchte wohl gar im Stillen seinen Rosenkranz hervor, um sich 
mit dem heiligen Nepomuk abzufinden. Die Direktion unseres 
Marsches ging mit der Spitze auf die Windmühlenhöhe vor 
Valmy, die stark mit Artillerie besetzt war, und wo der Feind 
seine Hauptstärke konzentriert hatte; allmählich fing man an. 
die Gegenstände mehr zu unterscheiden, und bald konnte man, 
obgleich nur teilweise, die Position der vereinigten großen 
Armee erblicken, die sich zu beiden Seilen der das ganze 
Terrain dominierenden Valmyer Höhe ausbreitete, wovon beide 
Flügel etwas zurückgebogen zu sein schienen, und die eine zahl 
reiche Kavallerie in der Plaine vor sich aufmarschiert hatte. 
Als die Spitzen der Kolonnen ungefähr bis gegen den 
nachherigen linken Flügel unserer Aufmarschlinie gekommen 
waren, wurde wieder ein langes Halt gemacht. Alles dieses 
kam mir noch so revue- und manövermäßig vor, daß ich bei 
ganz heiterer Laune und Zuversicht blieb, zu den Grenadieren 
von des Herzogs Regiment heranritt und ihnen scherzhaft „den 
Butterberg bei Cörbelitz" wies, den wir angreifen sollten, 
welches sie mit tröstlichem Gesicht und einem freundlichen 
Lächeln erwiderten. Da ich den König nicht weit davon auf 
einer kleinen Anhöhe hallen sah, so ritt ich dorthin, um zu 
hören, was es denn geben werde. Niemand aber wußte mir 
etwas zu sagen, jedermann zuckte die Achsel und machte lange 
Gesichter. Der König war noch unentschlossen, was er thun 
wollte. Er und der Herzog waren gespannt zusammen, denn 
keiner wollte die große Frage des Angriffs und seiner Folgen 
entscheiden; jeder rekognoszierte und beratschlagte für sich. In 
dieser Ungewiffenheit standen die Sachen im allerentschcioendsten 
Augenblicke. — Mil eins hieß es: Gewehr auf! Marsch! 
Indem kommt der General Manstein mit den Worten ans 
mich zu galopiert: „Der König Hai befohlen, daß die Armee 
aufmarschieren soll, wir werden angreifen. Ihre Hoheit folgen 
der ersten Brigade mit Ihrem Treffen. Ich hoffe, es wird 
alles glücklich gehen." Dies war also unsere ganze Disposition, 
und damit Gott befohlen. Nach und »ach hatte man sämi- 
liche Batterien der Armee hervorgeholt, um sie teils bei La 
Lune, teils vor unserer Froni nach dem Terrain zu verteilen, 
und obgleich das einzelne Kanonieren noch gar nicht aufgehört, 
so fing doch nun erst die eigentliche unv lebhafteste Kanonade 
von beiden Seiten an. — Wir waren noch nichl lange auf 
marschiert, so wurden die Fahnen zum Avancleren vorgenommen, 
und die ganze Armee trat an. Da ich nirgend Marsch schlagen 
hörte, so befahl ich meinen Tambours zu schlagen, und nichl 
gar lange, so folgten alle Tambours in der ganzen Armee. 
Wir hatten nicht über 200 Schrille mit klingendem Spiel 
avanziert, was bis dahin noch mit ziemlicher Ordnung gegangen 
war. da wurde Halt gemacht. Es war wohl auch das Beste, 
denn was wollten wir eigentlich hier thun? Die Kanonade 
ging ununterbrochen fort. wir waren nur unseren Batterien 
näher gerückt und verloren deshalb um so viel Menschen mehr 
unnützer Weise, indem die Feinde unsere Kanonen zum Schweigen 
bringen wollten. Vor uns im ersten Treffen stand das Re 
giment Thadden, an dieses ritt ich heran, nachdem wir Halt 
gemacht. Kaum hatte ich einige Worte hinter der Front mit 
einigen schließenden Offizieren gewechselt, als wir ewige Kugeln 
sehr nahe pfeifen hörten, und indem fährt eine unter das achte 
Peloton. Da lagen drei Musketiere und ein Tambour von 
des Obersten Hundt Kompagnie hingestreckt mit zerschmetterten 
Schenk, ln und Beuren und wimmerten jämmerlich. Wie ich 
mich dorthin wende, so schlägt auch schon eine andere Kugel, 
ganz nahe, wo ich gehalten, in das vierte Peloton und blessiert 
12 Mann von des Major Massow Compagnie. Ich leugne 
nicht, daß mich dieser Anblick heftig erschütterte, und daß mir 
anfing etwas wunderlich ums Herz zu werden. Dies unmelo 
dische Pfeifen und Heulen der französischen Kanonen-Kugeln. 
die, weil sie alle geschltffen sind. einen eigenen, hellklingenderen 
Ton haben, als die unseligen, wenn sie durch die Luft fliegen, 
währte von mittag 12 bis nachmittag 4 Uhr." 
Das war die große Kanonade von Valmy. das 
Ende des Feldzugs! 
Die lässige Kriegführung soll zum Teil ihren Gruno darin 
gehabt haben, daß Dumouriez von Anfang an mit den Preußen 
und den Emigranten in geheime Unterhandlungen getreten 
war. Er spiegelte ihnen heuchlerischerweise vor. er werde sich 
für den konstitutionellen König erklären, sobald die 
Verhältnisse in Paris es gestatteten. Damit aber veranlaßte 
er sie nur zur Unthäligkeil und bewirkte, daß sie die günstige 
Gelegenheit zum Angriff verpaßten, während er selbst 
Zeit gewann, die seitwärts stehenden Korps von Kellermann 
und Beurnonville heranzuziehen.
        
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