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Periodical volume 17. April 1897, No. 16

Full text: Der Bär Issue 23.1897

so abweisend. Von Herzen ist er gut. ein wenig heftig viel 
leicht. Ich glaube, er ginge für mich durchs Feuer. Wir 
sind eigentlich Milchgeschwister." fügte sie lächelnd hinzu, 
„seine Mntter war meine Amme. Sein Vater war unser 
Gärtner. Jetzt ist er eine Waise, beide Eltern sind tot. Es 
lebt nur noch seine alte Großmutter, deren Mann Waldwärter 
bei uns war. Sie wohnt allein tief im Walde, in dem 
kleinen Häuschen, das sie mit ihrem Manne bewohnt hatte. 
Wir wollten sie immer veranlassen, ins Dorf oder in das 
Försterhaus zu ziehen, welches Papa am Waldessaum gebaut 
hat, sie will aber die alte Wohnung nicht verlassen und in 
ihr sterben. Sie begreifen nun wohl, daß wir den jungen 
Menschen nicht fortschicken können, zumal er fleißig und an 
stellig ist. Er hilft unserm Gärtner im Garten. Uebiigens 
hat er eine bessere Schulbildung genoffen, als Kindern seines 
Standes sonst zu teil wird. Unser verstorbener Ours, 
der ihn als einen aufgeweckten, wißbegierigen Knaben sehr 
ins Herz geschloffen, hat sich viel mit ihm abgegeben." 
„Nun, für mich hat er jedenfalls keine Liebe." 
„Ach. das kommt Ihnen wohl nur so vor. Was sollte 
er denn für einen Grund haben? Ihre Eigenschaft als Preuße 
kann es nicht sein. Unsere streng royalistische Gesinnung kennt 
er und teilt sie auch sicherlich. Und Sie kommen doch auch 
eigentlich nicht als Feinde, sondern als Freunde zu uns, nur 
um unsern König zu schützen!" 
„Nun. seine Abneigung kann ich verschmerzen, da mir 
von anderer Seite so viel Güte und," fügte er leise hinzu, 
da die Gesellschafterin gerade ein paar Schritte zurückgeblieben 
war, „vielleicht auch einige Freundschaft zu teil wird." 
Arabella wollte ihm ihren Arm entziehen, er aber hielt 
ihn nur um so fester und flüsterte flehend: „Bitte, bitte, nicht 
böse sein, wenn meine Hoffnungen zu kühn waren!" Laut 
setzte er dann hinzu: „Die Freundschaft ist ein ebenso 
seltenes wie kostbares Gut. das man nicht leichtsinnig aufs 
Spiel setzen soll. Ich habe einen Freund, er ist zwar älter, als 
ich, dem liegt meine ganze Seele offen, und ich glaube auch, 
ihn durch und durch zu kennen. Bis jetzt haben wir noch 
kein Geheimnis vor einander gehabt." 
„Und sind Sie sicher, daß niemals ein Konflikt zwischen 
Ihnen ausbrechen wird?" 
Sie waren in dem waldartigen Park weiter gewandert 
und kamen jetzt an einen Teich, umgeben von hohen Bäumen, 
auf der einen Seite Buchen und Birken, erglühend unter 
den Strahlen der scheidenden Sonne, auf der andern Seite 
Fichten und Kiefern, unter denen schon tiefes Dunkel herrschte. 
Der Schein des Abendrotes und leichte, rosenfarbene Wölkchen 
spiegelten sich auf dem ruhigen Wasser und verliehen dem 
Bilde einen Abglanz von tiefem Frieden. 
Eine Bank stand am Wege, und sie ließen sich alle drei 
instinktiv auf ihr- nieder, ohne daß von einer Seite eine Auf 
forderung dazu ergangen wäre. 
„Die Freundschaft zwischen Männern will ich gelten 
lassen", nahm nun Fräulein äs läesois das Wort, „obwohl 
es auch da mancherlei Punkie giebt, über die sie sich nicht 
vereinigen können."' 
„Und die wären zum Beispiel?" 
„Die Ehre, die politischen Ansichten." 
„Ein Freund wird nie der Ehre seines Freundes zu 
nahe treten, die auch die seinige ist. Und was die politischen 
Ansichten anbelangt, so geht es da wie mit dem Glauben. 
Es giebt wohl selten zwei Menschen, die genau denselben 
Glailben oder dieselben politischen Meinungen haben. Das 
bleibt eben ein noli me tangere und bildet kein Thema zu 
Erörterungen. — Dagegen scheinen Sie die Freundschaft 
zwischen zwei weiblichen Wesen schon für schwieriger zu halten?" 
„Allerdings! Beim Weibe gieb! es erst recht manche 
Charaktereigenschaften, Eitelkeit, Eifersucht und dergleichen, 
die leicht verletzt werden können. Wahre Freundschaft ist des 
halb auch unter Frauen nur selten." 
„Sie vergeffen ja aber ganz uns beide, Fräulein Julie!" 
rief die Comtesse. 
„Ja, Sie, liebes Kind, Sie sind auch eine Ausnahme!" 
„Und Sie find das liebste, herzigste Geschöpf, was ich 
kenne!" rief die Comtesse, indem sie Julie um den Hals fiel 
und sie küßte. 
„Glauben Sie denn auch an eine Freundschaft unter 
Personen verschiedenen Geschlechts, Comtesse?" fragte Karl. 
„Ich? — ich habe noch nicht darüber nachgedacht." 
„Oder nehmen Sie an, eine solche könne nicht bestehen, 
weil das Verlangen nach einem Mehr in dem andern Teile 
unfehlbar erwachen müsse?" Dabei suchte er sich leise ihrer 
Hand zu bemächtigen. 
Sie aber entzog ihm dieselbe und erwiderte aufstehend: 
„Darin habe ich wirklich nicht die geringste Erfahrung, Herr 
Leutnant. Im übrigen wird es Zeit, umzukehren. Papa wird 
schon warten!" 
Sie stand auf, nahm den Arm ihrer Gesellschafterin und 
setzte den Weg fort. 
Jetzt war es an Karl, nebenher zu gehen. Man kehrte 
nach dem Schlosse zurück und erreichte es an der Seite, wo der 
alte Turm stand. 
„Merkwürdig!" rief Karl, vor demselben stehen bleibend, 
„ein ähnlicher Turm befindet sich auch an meinem väterlichen 
Hause. Nur ist er noch besser erhalten und wird bewohnt. 
Es ist in ihm das Justizamt und die Wohnung des Amt 
manns, sowie das Gerichtsgefängnis. Wozu wird denn dieser 
Turm benutzt?" 
„Ich glaube, er wird gar nicht benutzt. Ich war nie in 
ihm. Ich weiß nicht einmal, ob er eine Thür hat. Von 
hier unten kann man nicht hinauf kommen. Ich habe mich 
als Kind immer schrecklich vor dem weiten, dunklen Gewölbe 
gefürchtet, und jetzt möchte ich auch nicht hineingehen. Es ist 
stets sehr unsauber darin und voll alten Gerümpels, sodaß 
man überall hängen bleibt. Lassen Sie uns weitergehen!" 
„Da oben muß eine schöne Aussicht sein," bemerkte Karl 
im Fortgehen. 
Er verabschiedete sich von den Damen und suchte sein 
Zimmer auf. 
Einige Zeit darauf kam ein gräflicher Diener und. fragte, 
um welche Zeit der gnädige Herr den Thee befehle. Man 
wünschte also offenbar heute seine Gesellschaft nicht. Arabella 
war ihm die letzte halbe Stunde auch sehr verändert vor 
gekommen. Sie war eben so freundlich gewesen wie früher; 
aber eine gewisse Zurückhaltung, die Allüren der vornehmen 
Dame waren mehr hervorgetreten. Sollte er sie beleidigt 
haben? War er zu kühn gewesen? Er glaubte nicht nötig zu 
haben, sich einen Vorwurf zu machen. Seinen Blicken ver- 
mochte er doch nicht zu gebieten.
        
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