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Periodical volume 10. April 1897, No. 15

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Begrüßungen, die zum Teil in poetischer Form Mir zugegangen sind, 
haben Mich mit inniger Befriedigung ersehen lassen, daß bei den 
mannigfachen festlichen Veranstaltungen, welche die Bewohner von Stadt 
und Land, die staatlichen und kommunalen Behörden, die Krieger-, 
Schützen-, Gesang-, Turn- und sonstige Vereine, besonders auch die 
deutschen Vereine im Auslande in diesen Tagen zusammengeführt haben, 
auch Meiner in treuer Liebe gedacht worden ist. Durch diese Beweise 
vertrauensvoller Zuneigung bin Ich hoch beglückt worden, und ist es 
Mir Bedürfnis, allen, welche zur Verherrlichung dieses nationalen Fest 
tages beigetragen haben. Meinen wärmsten Dank hiermit auszusprechen. 
Mein besonderer Dank gebührt denen, welche das Andenken des Großen 
Kaisers durch die Errichtung von Standbildern und hochherzigen 
Stiftungen an Seinem Geburtstage verherrlicht haben. Die schönste 
Ehrung des Entschlafenen, wie sie Seinem schlichten und demutvollen 
Sinne am meisten entspricht, erblicke Ich aber in dem gemeinsamen 
Gelöbnis, allezeit mit unermüdlicher Pflichttreue Seinem erhabenen 
Vorbilde nachzueifern, Seine heiligen Vermächtnisse zu bewahren und 
die volle Kraft für die Größe und das Wohl des durch Ihn neu 
geeinten deutschen Vaterlandes einzusetzen. Auch Meine Kräfte gehören 
dem Vaterlande, und hoffe Ich zu Gott, daß Er auch Mir und Meiner 
Regierung Seine Gnade zu teil werben lassen und das deutsche Volk 
auf friedlichen Bahnen zu einer gesunden Wciterentwickelung führen wird. 
Ich ersuche Sie, diesen Erlaß zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. 
Berlin, den 26. März 1897. Wilhelm, I. R. 
An den Reichskanzler. 
Die neue Reichskokarde. Als 1870 die Versailler Verträge 
geschlossen wurden, war eine gemeinsame Kokarde, wie so manches 
andere, das aus dem deutschen Heere ein streng einheitliches gemacht 
hätte, nicht zu erreichen. Auch späterhin verwirklichten sich die darauf 
gerichteten Wünsche nicht. Um so mehr ist es anzuerkennen, daß 
gelegentlich der Feier des Hundertjährigen Geburtstages Kaiser 
Wilhelms I. sämtliche deutsche Fürsten, wie es heißt, auf Anregung 
Bayerns hin, sich zu diesem bedeutenden Fortschritt in national 
politischer Hinsicht entschlossen haben. Alle teutschen Soldaten 
werden hinfort neben rer Kokarde ihres engeren Heimatlandes 
die schwarz-weiß-rote Kokarde tragen. Wir begrüßen 
mit Freuden das Opfer, das die deutschen Fürsten hierdurch freiwillig 
auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt haben. Ihr patriotisches 
Beispiel wird von unschätzbarem Segen für den nationalen Gedanken 
sein, und das neue Symbol deutscher Einbeit gehört ohne Frage mit zu 
den schönsten Erinnerungen an den hundertjährigen Geburtstag Kaiser 
Wilhelms I.. „Die Reichskokarte an den Helmen aller deutschen Soldaten 
wird mit ewig sich verjüngender Kraft ein tüchtiger Werber für den 
Reichsgedanken sein." 
Aus dem täglichen Lebe» Kaiser Wilhelms I. Immer ist Kaiser 
Wilhelm I. ein pflichttreuer Arbeiter gewesen; mit den steigenden Jahren 
nahm seine Kraft und Ausdauer im-Arbeiten sogar noch zu. Schon in 
den Achtzigern, war er früh um 7 Uhr regelmäßig an seinem Schreib 
tische. Die Tasse Thee nebst Gebäck mußte ihm der Diener auf einem 
hölzernen Brette auf den Schreibtisch stellen. Gegen 9 Uhr stieg er die 
eiserne Wendeltreppe zum Zimmer der Kaiserin empor, um deren Frühstück 
eine Viertelstunde lang beizuwohnen und mit ihr bas Tagesprogramm 
zu besprechen. Dann begab er sich wieder hinunter und empfing die ver 
schiedenen Kabinetts-Chefs und Minister zum Vortrage, einen nach dem 
andern, was oft bis 1 Uhr dauerte. Einen kleinen Imbiß nahm er in 
dieser Zeit wiederum nur hastig vom ungedeckten Tische. Dann erfolgte 
bei gutem Wetter eine kurze Ausfahrt. Erst zum Mittagessen nahm er 
mit der Kaiserin an gedeckter Tafel Platz; dies war die einzige Mahlzeit, 
die er in Ruhe und mit einigem Behagen einnahm. Abends besuchte er 
die Oper oder das Schauspielhaus. Rach 10 Uhr abends saß er wieder 
an seinem Schreibtische, und dort arbeitete er stets bis Mitternacht, oft 
noch darüber hinaus, so daß die Dienerschaft, wenn sic hohe Aktenstöße 
auf dem Pulte aufgestapelt sah, oft seufzend ausrief: „Heute wird es 
wieder lange dauern: Majestät haben sich wieder einen hübschen Haufen 
zurecht legen lassen." 
Kaiser Wilhelms l. Wohlthätigkeit. Wer die Menge der öffentlich 
und im geheimen geübten Wohl- nnd Liebesthaten Kaiser Wilhelms I. 
aufzählen wollte, so entnehmen wir dem zum 22. März t>. I. erschienenen 
Erinnerungsblatt des „Berliner Lokal-Anzeigers", der müßte ein Buch 
schreiben; seine Hand war eben so schnell erschlossen wie sein Herz, und 
dabei blieb er sparsam in seinen eigenen Angelegenheiten und ein vor 
sichtig wägender Hausvater. Als ihm der Hosjuwelier einen sehr schönen 
Halsschmuck für die Kronprinzessin anbot und den Preis von 14 000 
Thalern nannte, lehnte der Kaiser den Ankauf mit den Worten ab: 
„DaL können wir nicht, lieber F., wir sind nicht reich genug dazu, es 
ist bei uns nicht wie bei den Bourbonen, denen brachte das Regieren 
mehr ein als uns." Seine Güte und Nachsicht gegen seine Umgebung 
war unerschöpflich; nie entfuhr ihm ein hartes Wort, ein Ausruf der 
Ungeduld. Als er einmal früher, als er erwartet wurde, aus dem 
Viktoriatheater heraustrat, mußte er mehrere Minuten auf seinen Leib- 
jäger warten, der den kaiserlichen Wagen verlassen hatte, um sich in einem 
nahe gelegenen Bierlokal zu stärken. Als der Gerufene erschien und in 
höchster Bestürzung Worte der Entschuldigung stammelte, beruhigte ihn 
der Kaiser: „Was machst Du für Aufhebens von der Sache? Du hast 
oft genug auf mich warten müssen; heut habe ich einmal auf Dich ge 
wartet — wir sind quitt." 
Zarte Rücksichtnahme Kaiser Wilhelms I. In der Zeitung „Das 
Volk" teilt Julius Lohmeyer verschiedene Züge von der zarten Rücksicht 
nahme, Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit Kaiser Wilhelms I. mit, 
die noch nicht allgemein bekannt sein dürften. Ei-ws Tages, heißt es 
da z B., erhielt der berühmte Archäologe Professor Lepsius von dem 
ihm befreundeten General-Postmeister Dr. Stephan eine Lichtdruck- 
Nachbildung jener eben wieder zurückgelangten Korresvondenz-Karte, die 
in 26 Tagen um die Welt gegangen war. Lepsius hatte am gleichen 
Tage eine Audienz bei dem Kaiser, au deren Schluß er Sr. Majestät 
auch die Stephansche Karte gelegentlich vorlegte. Der Kaiser interessierte 
sich lebhaft für dieses schlagende Dokument präziser Beförderung im 
Weltpostverkehr und war dabei voll Lobes für seinen General-Postmeister, 
der sich um die Ausbildung dieses Verkehrs so große Verdienste er 
worben hatte. Er ließ sich über alle Umstände und den Weg, den die 
Karte genommen, auf das eingehendste unterrichten. — Drei Tage darauf 
begegnete Lepsius Dr. Stephan auf der Straße. „Ich hatte," sagte 
er, „Audienz bei Sr. Majestät, bei der ich auch die Ehre hatte, die 
weitgereiste Karte im Original vorzulegen." „So — und was sagte 
Ihnen der Kaiser?" „Nun, er geruhte sich sehr gnädig zu äußern und 
sich über alle Umstände und den Weg, den die Karte genommen,. ein 
gehend von mir berichten zu lassen " „Und hat Ihnen denn Se. Majestät 
nicht gesagt, daß ihm die Karte schon durch mich vorgelegt worden ist?" 
„Nein, mit keinem Wort!" — „Ja, das sieht unserem alten Herrn 
ähnlich: er wollte Sie nicht um die Freude bringen, und Sie sollten 
das volle Maß an Anerkennung erhalten, das Ihnen zukam." 
Ein anderes Beispiel: Professor Dr. Schottmüller war in dem 
letzten Lebensjahre des Kaisers zu einer Berichterstattung berufen worden. 
Sichtlich leidend und sehr ermattet lehnte der Monarch während des 
Vortrages in seinem Sessel; plötzlich überkam ihn eine Ohnmacht, er 
sank mit geschlossenen Augen in die hohe Lehne des Sessels zurück. 
Schottmüller sprang erschrocken auf, um den Kammerdiener zu rufen. 
In diesem Augenblick aber öffnete sich die Thür des Fahnenzimmers, 
und die Kaiserin erschien. Bei eem Klang ihrer Stimme erhob sich der 
Kaiser, indem er sich mit beiden Händen fest und scheinbar ungezwungen 
auf die Stuhllehne stützte, nahm mit freundlichem Kopfnicken die Wünsche 
feiner Gemahlin entgegen, sank aber, kaum daß sich die Thür wieder 
hinter ihr schloß, von der Anstrengung nun völlig ermattet, in den 
Sessel zurück, indem er die Worte flüsterte: „To durfte mich die Kaiserin 
nicht sehenl" . . — Ganz von der gleichen zarten Rücksichtnahme zeigte 
sich die Kaiserin ihrem hohen Geniahl gegenüber beseelt. Auch unter 
den heftigsten Schmerzen erhob sie sich, wenn der Kaiser bei ihr eintrat, 
um nach ihrem Befinden zu fragen, mit einem leichten Lächeln und in 
scheinbar sicherer Haltung und gab dann stets ohne ein Klagewort 
beruhigende Auskunft. 
Eine Erinnerung an den Fürste» und die Fürstin Hatzfeld. Vor 
70 Jahren starb Fürst Ludwig Hatzfeld, der Generalgouverneur in 
Berlin war, als 1806 die Franzosen dasselbe besetzten. Als treuer 
Diener seines Königs unterhrelt er ein geheimes Einverständnis mit 
dem Fürsten Hohenlohe, der damals preußischer Gouverneur der fränkischen 
Fürstentümer war. Unglücklicherweise wurde ein Brief des Fürsten 
Hatzfeld aufgefangen und gelangte in Napoleons Hände, der die 
Korrespondenz für Hochverrat erklärte und den Fürsten vor ein Kriegs 
gericht stellte. Sein Tod war unvermeidlich. Alles verzweifelte an 
seiner Rettung; nur die Fürstin von Hatzfeld, eine geborne Gräfin von 
Schulenburg-Kehnert, eine der edelsten Frauen der damaligen Zeit, 
verzweifelte nicht. Vor Eröffnung der Sitzungen des Kriegsgerichts 
drang sie bis zum Kaiser und erhielt eine Audienz; sie bat um die 
Begnadigung ihres Gatten, den sie für unschuldig hielt. „Unschuldig?" 
entgegnete ihr der Kaiser und überreichte ihr das aufgefangene Schreiben. 
„Hier lesen Sie selbst, und sehen Sie, daß ich bei solchen Beweisen Ihren 
Gemahl nicht begnadigen kann!" Mit einem staunenswerten Mute er 
griff die Fürstin das Papier und warf cs in die Flamme des Kamins. 
Nach einer andern Version hielt sie den Brief rasch entschlossen über ein 
nebenstehendes Licht und vernichtete so den einzigen Zeugen des statt 
gehabten Verhältnisses. Diese Kühnheit und Aufopferung machte 
den Kaiser staunen, und er sprach gelassen: „Nun freilich mangeln die 
Beweise. Ihr Gatte ist begnadigt." Und er wurde es. Die Fürstin 
von Hatzfeld begleitete ihren Gemahl später noch auf mehreren 
diplomatischen Sendungen nach Paris, den Niederlanden und zuletzt 
nach Wien, wo er im Jahre 1827 starb. F. B. 
Märkischer Jägerhnmor. Bet den Hofjagden in Setzlingen nahe 
Gardelcg n in der Altmark, ferner in Hubertusstock rc. gelangt ab und 
zu ein aller Trinkbecher, der für gewöhnlich in dem Kaiseizimmer des 
Jagdschloss s Setzlingen aufbewahrt wird, zur Verwendung. Er stammt 
vom König Friedrich Wilhelm III. her und besteht aus dem Geweih- 
stangen-Ende eines starken Hirsches, dessen Geweihkrone ausgehöhlt ist, um 
darin einen silbernen Becher, der etwa eine halbe Flasche Champagner 
aufnehmen kann, festzuhalten. Der Rand dieses Bechers befindet sich 
zwischen der Gabel des Geweihes, und nur dadurch, daß man das Gesicht 
zwischen diese Gabel klemmt, wird es möglich, aus dem Becher zu trinken. 
Wer einen dicken Kopf hat oder sonst ungeschickt ist, begießt sich beim 
Trinken. Dieser Becher wird nun bei der Jagdtafel regelmäßig den 
jüngsten Jagdgästcn des Kaisers überreich«, welche sich vor den Monarchen 
hinstellen und unter Aufmerksamkeit der Jagdgesellschaft den Becher auf 
das Wohl der Kaiserin leeren müssen. Geschieht dies, ohne daß etwas 
von dem Wein vorbeiläuft, so wird dies von dem Kaiser und seinen 
Gefährten rühmend anerkannt, im andern Falle werden die ungeschickten 
Trinker — und dies sind bei der abnormen Form des Bechers die
        
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