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Periodical volume 10. April 1897, No. 15

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Berlin am 22. Mar) 1797. 
Es war am 22. März 1797, so heißt es in einem zur 
Hundertjahrfeier geschriebenen Artikel von Gerhard von 
Ampntor, als im Palais am Zeughausplatze, das heule die 
Kaiserin Friedrich bewohnt, und das damals den preußischen 
Kronprinzen Friedrich Wilhelm und dessen märchenhaft schöne 
Gemahlin Luise beherbergte, ein Prinzlein. als zweiter Sohn 
des kronprinzlichen Paares, geboren wurde. Der Ort, an 
dem der dereinstige erste deutsche Kaiser das Licht der Welt 
erblickte, war schon damals ein geschichtlich denkwürdiger, denn 
er war geweiht durch einen großen Ahnen, durch den größten 
König, der je auf Preußens Thron gesessen hatte: als Friedrich 
der Große sich mit der Herzogin von Braunschweig-Bevern 
vermählte, hatte er das Palais von seinem Vater zum Ge 
schenk bekommen. In einer 
bescheidenen hölzernen Wiege 
wurde das neugeborene 
Prinzlein gebettet; es ahnte 
ebenso wenig, wie seine El 
tern, daß diese Wiege heute 
eines der kostbarsten Heilig 
tümer des Hohenzollern- 
Museums bilden würde. 
Im übrigen ging dieser Ge 
burtstag vorüber, wie alle 
Festtage in einer Residenz vor 
über zu gehen pflegen: der 
eherne Mund der Geschütze 
verkündete den Bewohnern 
der damals noch kleinen, un 
bedeutenden und spieß 
bürgerlichen Residenz das 
frohe Ereignis, und die 
guten Berliner sprachen da 
von in den Trinkstuben 
und genossen ein Krüglein 
mehr als gewöhnlich, indem 
sie auf das Wohl der hohen 
Wöchnerin, die als gefeierte 
Schönheit und als ein Muster 
von Anmut und Frauen 
güte den Stolz jedes Spree 
atheners bildete, begeistert 
anstießen. 
Es war ein Mittwoch, und in der fünften Nachmittags 
stunde, als man das neugeborene Prinzlein dem überglücklichen 
Vater endlich in den Arm legen durfte; die Märzsonne stand 
schon tief am wolkenbedeckten Himmel, und die Dämmerung, 
die rn den engen und winkeligen Gassen der alten Residenz 
schon dichtere Schleier webte, lag eigentlich Tag und Nacht 
über dem Lande Preußen und dem gesamten deutschen 
Vaterlande. Auf Preußens Thron saß Friedrich Wilhelm II., 
der noch am 15. November desselben Jahres, erst 53 Jahre 
alt, den Qualen der Wassersucht erlag. Dieser König war 
ein „seelenguter" Mann. weichherzig und wohlwollend, leut 
selig und menschenfreundlich; aber die Schlagschatten dieser 
Tugenden waren zu stark in ihm entwickelt, sein Charakter 
neigte zur Schwäche, und er gab dem unheilvollen Einflüsse 
der Günstlinge, unter denen sich Bischofswerder, Wöllner und 
Haugwitz eine traurige Berühmtheit erwarben, allzu leicht 
nach. Wie ganz anders sollten sich unter dem Prinzlein. das 
da am Zeughausplatze noch unbewußt in der Wiege lag, einst 
die Verhältnisse gestalten! Auch Wilhelm der Große sollte 
sein Dreigestiru haben, dessen Licht ihm leuchten würde auf 
vielverschlungenen, schwierigen und dornenreichen Pfaden; aber 
diese drei hießen Bismarck, Moltke und Roon, und wenn er 
ihnen auch Zeit seines Lebens viel herzlichen Dank und viel 
kaiserliche Gunst erweisen sollte, — Günstlinge im schlimmen 
Sinn des Wortes find sie ihn, nie gewesen, und Günstlinge 
hat der hochherzige und ritterliche Kaiser überhaupt zu keiner 
Zeit an seinem Throne geduldet. 
Unter Friedrich Wilhelm II. hatte sich das Heer zwar 
auch glanzvoll in den Feldzügen gegen die französische Revo 
lution geschlagen und die 
Namen Kaiserslautern, Kir. 
weiler und der Weißen- 
burger Linien prangten frisch 
eingetragen in seinen Fahnen; 
auch unter jenem schwachen 
Könige hatte das Land einen 
Zuwachs von 2000Ouadrat. 
meilen mit über drei Mil 
lionen Einwohnern gewon 
nen und nebst den pol 
nischen Erwerbungen, die 
als Neu-Ostpreußen zu 
sammen gefaßt wurden, sich 
die Länder Ansbach und 
Baireuth mit der alten 
Reichsstadt Nürnberg ange 
gliedert; ober die Freude 
über dieses Wachstum des 
aufstrebenden Königreiches 
konnte nicht in jubelnden 
Akkorden ausklingen, denn 
wie ein Dämpfer lag auf 
ihr die Erinnerung an jenen 
eist vor zwei Jahren ab 
geschlossenen Frieden von 
Basel, und im geheimen ballte 
mancher Patriot die Faust, 
und Zorn und Scham ließ auf 
mancher Stirn die Röte aufflammen. Hatte Preußen doch 
in jenem Baseler Frieden den Franzosen das von ihnen be 
setzte linke Rheinufer überlassen müssen! Nun war die Groß- 
machlstellung des Friedrichschen Staates, der einst ganz 
Europa zur Bewunderung und Anerkennung gezwungen hatte, 
wie mit einem Schlage erschüttert und der Kampfpreis der 
kostspieligen und nicht rühmlosen Rheinfeldzüge völlig ver 
loren. Die Kunst der preußischen Diplomatie war so tief 
gesunken, das stolze Selbsibewußsein der Berliner Staats 
männer so schwach und hinfällig geworden, daß nicht nur 
charakterlose Stümper wie Haugwitz, Lombard und Lucchesini, 
sondern selbst ein Hardenberg, der immer noch als Mann von 
Kopf und Herz gegolten hatte, die Schmach jenes Friedens 
nicht empfanden, ihn vielmehr als vorteilhaft und ehrenvoll 
anerkennen zu müssen glaubten. Der neugeborene Prinz 
sollte diese Schmach einst mit seinem Siegsriedschwerte rächen;
        
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