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Periodical volume 10. April 1897, No. 15

Full text: Der Bär Issue 23.1897

die uns gesandt haben. Fragt auch der Adler danach, ob es 
recht oder unrecht ist, wenn er auf die Taube stößt?" 
„Der Vergleich paßt nicht, Llouoisur, der Adler geht 
seiner Nahrung nach und ist von dem Schöpfer darauf angewiesen. 
Aber Menschen sollten sich gegenseitig nicht nutzlos zerfleischen. 
Könnten sie nicht miteinander in Frieden leben und sich allein 
den Aufgaben der Gesittung und der Civilisation hingeben?" 
„Ja, Mademoiselle, mit allen philanthropischen Ideen 
werden wir wohl die Kriege nicht aus der Welt schaffen." 
Unter diesen und ähnlichen Gesprächen war es spät 
-geworden. Der Graf mahnte, mit Rücksicht darauf, daß sein Gast 
der Ruhe bedürftig sein werde, zum Aufbruch. Man schied, aller 
seits befriedigt von den Eindrücken, die der Abend hinterlassen. 
Als Karl auf sein Zimmer kam, fand er Christian beim 
Scheine einer Talgkerze noch auf dem Rande seines breiten 
Bettes fitzend und behaglich aus seiner kurzen Thonpfeife 
schmauchend. 
Beim Eintritt richtete er sich stramm auf und nahm die 
Pfeife aus dem Munde. 
„Wie, Christian, Du bist noch auf? Warum hast Du 
Dich nicht schlafen gelegt?" 
„Zu Befehl, Herr Leutnant. Det hat Zeit. Wenn 
der Herr Leutnant noch wat haben wollten! Ick 
traue mir jar nich, mich in det schöne Bett zu legen. 
In so wat habe ick mein Lebetage nich inne gelegen." 
„Na, riskier es nur einmal, und lege Dich zur Ruhe! Morgen 
ist wieder ein scharfer Tag. Ich brauche Deine Hülfe nicht, ich 
kaun mich allein entkleiden." 
Damit nahm er den schweren Silberleuchter und begab 
sich in sein Schlafzimmer. Trotz der Ermüdung lag er noch 
lange wach. Welch ein Mädchen! Welches Feuer, gepaart mit 
unendlicher Anmut und Grazie! Sie kam ihm so bekannt vor, 
als hätte er sie schon früher gesehen. 
Aufs neue zermarterte er vergeblich sein Hirn, wo er 
einer ähnlichen Erscheinung schon begegnet sei. War es nur das 
Ideal, welches ihm unbewußt vor der Seele geschwebt hatte, 
und welches bestimmt war, sein eigenes Selbst zu ergänzen? 
Unter solchem Grübeln, und eingelullt von den raffelnden 
Schnarchtönen Christians, die trotz zweier Thüren zu ihm 
hinüber drangen, schlief er endlich ein. 
Auch Arabella konnte die Ruhe lange nicht finden. Nie 
war ihr ein Mann begegnet, der bei so vollendet schöner Ge 
stalt so viel edlen Charakter gezeigt hatte. Sie sah ihn 
immer vor sich, wie sein Gesicht, von heiliger Begeisterung 
entflammt, sich ihr zugewendet hatte, wie seine treuen Augen 
sie angeblickt. 
Der kleine neckische Gott Amor hatte gut gezielt! 
(Fortsetzung folgt.) 
Schloß Wilyelmsburg. 
Ein gleichsam neu entdecktes und vom Untergang bedrohtes 
Bau-Denkmal aus dem 16. Jahrhundert. 
Von Friedrich Bücker. 
(Mit drei Abbildungen.) 
(Fortsetzung.) 
In der langen Kette der Räumlichkeiten von Schloß 
Wilhelmsburg (der Chronist erzählt von hundert Gemächern) 
nimmt die Schloßkirche mit ihrem Fürstenstande und ihrer hoch 
über der prachtvollen Orgel liegenden Kanzel den ersten Platz 
ein. Auf diese Schloßkirche war bereits im Jahre 1877 auf 
merksam gemacht worden und zwar von seiten Wilhelm 
Lübkes, der die Wilhelmsburg zu Nutz und Frommen seines 
Werkes: „Deutsche Renaissance" in Augenschein genommen 
hatte. Wenn im allgemeinen die katholischen Kirchen hin. 
sichtlich des Reichtums und der Schönheit ihrer Raumgestaltung 
die protestantischen Kirchen weit hinter sich ließen, so sollte 
doch die protestantische Schloßkapelle der Wilhelmsburg 
wenigstens in Bezug auf die künstlerische Durchbildung des 
Raumes und mit ihrem plastischen Bilderschmuck nach dem 
Willen des Landgrafen „zu einem prächtigen Denkmal aus 
gebaut werden, das fernen Jahrhunderten seinen Ruhm 
kündete." Um so recht seinen Protestantismus zu zeigen, 
stellte er die Kanzel nicht an einem Pfeiler des Längsschiffes 
auf. wie es in den katholischen Kirchen der Ueberlieferung 
gemäß unerläßlich war, sondern er ließ Altar, Kanzel und 
Orgel — letztere auf einem Sängerchor — über einander im 
Angesicht der Gemeinde aufbauen. Die Orgel wurde auch 
so prächtig und künstlerisch ausgestattet (das Volk hielt den 
Landgrafen selbst für den Erbauer der Orgel, doch gelang es 
der Forschung, zu ermitteln, daß der berühmte Orgelbauer 
Daniel Mayer in Götlingen das Werk vollbracht), daß z. B. 
zur Schonung des Werkes bei ruhendem Spiel ein Prospekt- 
Verschluß angebracht war, dessen Deckel musizierende Frauen- 
gestalten und Engelfiguren in herrlicher Malerei zeigten. Eine 
Choranlage, wie sie die katholische Kirche als sichtbares Zeichen 
des von der Gemeinde abgesonderten Priestertums liebt, suchte 
man in der Kirche vergebens; im Gegenteil, der Altar stand 
vor der Gemeinde als einfacher „Tisch des Herrn". Der der 
Kanzelwand gegenüberliegende Teil der obersten Empore galt 
als „landgräfliche Belstube", oder Fürstenstand; sie war für 
die landgräflichen Herrschaften und ihren fürstlichen Besuch 
vorbehalten uno demzufolge durch Holzwände von den beiden 
Galerien und durch Glaswände in den Arkaden von dem 
Mittelktrchenraum abgetrennt; auch war in ihr ein reich mit 
ornamentalem und figürlichem Schmuck versehener Ofen an 
gebracht. Dieser Vorbehalt wirkte keineswegs befremdend, 
denn auch die übrige Kirchengemeinde konnte sich leicht nach 
Ständen gliedern, was bei dem ausgeprägten Zunft-, Rang, 
und Slandesbewußtsein tn jener Zeit (nach Emführung des 
festen Gestühls) sich von selbst verstand uno besonders in einer 
Hofkirche geradezu Notwendigkeit war. Eine ganze Reihe von 
Tafelbildern, die jedenfalls „der dogmatischen Anschauung der 
Reformation künstlerischen Ausdruck gaben", schmückie früher 
die Schloßkirche, und in Bezug auf die jetzt kahlen Flächen 
heißt es in der Denkschrift über Schloß Wilhelmsburg: „Diese 
ganze Bilderreihe ist später von dem ihr angewiesenen Platze 
entfernt worden. Das hängt wohl damit zusammen, daß im 
Laufe der Zeit, nachdem der helle Kampfeseifer der Protestanten 
gegen das Papsttum sich genug gethan und die neue Lehre 
in heißem Ringen furchtbarer Kriege sich die Daseinsberechtigung 
erkämpft hatte, die weitere Hervorkehrung der Gegensätze in 
den Anschauungen der Protestanten und Katholiken mehr und 
mehr zurücktrat. So begann man es schließlich als verletzend 
zu empfinden, daß gerade an der Stätte kirchlichen 
Friedens die Anschauungen und Satzungen der Gegner öffent 
lich satyrisch behandelt wurden. Was die Bilder darstellten, 
ist für die Farbenharmonie des Raumes gleichgiltig; daß sie
        
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