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Periodical volume 20. März 1897, No. 12

Full text: Der Bär Issue 23.1897

anderer öffentlicher Gebäude zur Darstellung gelangte, wecken eine ernste 
und wehmutsvolle Erinnerung. Auf Seite 140 bringen wir mit Ge 
nehmigung des Verlages einen Probedruck der erwähnten vortrefflichen 
Blätter. 
Ein Jugeudbrief Kaiser Wilhelms des Großen. Ein interessanter 
Jugendbrief Kaiser Wilhelms des Großen an seinen Bruder Karl, der 
den Bericht des siebzehnjährigen Prinzen isber seine Feue, taufe bei 
Bar-sur-Aube enthält, ist kürzlich zum ersten Mas veröffentlicht worden. Dem 
neu erschienenen, glänzend ausgestatteten Prachtwerk „Deutsche Helden 
aus der Zeit Kaiser Wilhelms des Großen von Hans Kraemer" 
(Berlin, Deutsches Verlagshaus Bong & Co.), das eine große Reihe 
wertvoller historischer Reminiscenzen enthält, ist eine getreue Facsimile- 
Nachbildung des drei enggeschriebene Seiten füllenden Schreibens bei- 
gegcben. Der Brief lautet wörtlich: 
„Chaumont, den 2. März 1814. 
Vielen Dank für Deine beiden Briefe vom 1. und 12. Februar. 
Ich habe sie unmöglich früher beantworten können. Die Rechnung von 
Henoch für die Achselbänver habe ich nicht gefunden, da ich doch alle 
Quittungen gesammelt habe. Mithin kann ich nicht sagen, ob sie quittirt 
ist. Mein Tagebuch setz ich noch fort, aber nur sehr kurz. Anliegende 
kleine Relation von dem letzten Gefecht bei Bar-sur-Aube gehört in das 
Tagebuch; ich bitte also sehr, nachdem Du sie den Uebrigen mitgetheilt 
hast, sie mir zurückzuschicken. Es ist das Format meines Tagebuchs. 
In den letzten Tagen haben wir ziemlich starke Fatiguen gehabt. Den 
27. waren wir von 7 Uhr Morgens bis */,8 Ubr Abends im Freien 
und fast beständig zu Pferde. Um l l 2 l Abends tranken wir Caffee in 
Bar-sur-Aube. Dm ganzen Tag hatte ich nichts als 2 Butterbrote 
gegessen, mich hungerte aber auch fast garnicht. Denn in der Spannung, 
in welcher man während des Gefechts ist, vergißt man alles übrige. 
Papa war von den drei Regenten der Einzige bei der Affaire; die 
beiden anderen waren schon am 25. hicrhergegangen. Papa wollte es 
aber abwartm. Bei dieser Affaire habe ich zum Erstenmahle die Bekannt 
schaft der kleinen Kugeln gemacht. Wir erhielten eine Ladung voll auf 
80 Schritt. Nachher waren wir wieder sehr exponirt, als die Kavallerie 
geworfen wurde; wir waren sehr nahe dabei. Der schönste Augenblick 
des Gefechts war, als der Feind auf einem Punkt, acht Bat. stark, reis 
aus nahm. Den 28. beritten wir das Schlachtfeld; es war sehr belegt 
mit Todtm. Einige waren fürchterlich zerschossen. Auch lag ein einzelner 
Fuß da. Von dort rittm wir über die Brücke bei Arconvall 
gegen Vandomvre, wo wir dem Flanquiren zusahen. Auch hier pfiffen 
uns die kleinen Herren einzeln um die Ohren. Morgen oder Uebermorgcn 
gehen wir wieder vor. Gestern ist Wittgenstein in Vandoeuvre einge 
rückt. Blücher stand am 28. vor Mcaux; heute oder morgen vor Paris. 
Vor sich hat er Marmont und Mortier 8000 M. Er selbst ist ganz 
conccntriert mit Park, Kleist und Sacken. Bülow geht von Soissons 
grade auf den großen Sünden Pfuhl. Blücher will, wenn er hin kommt, 
nicht in die Stadt, weil er voraussieht, gleich raus zu müssen, da N. 
(Napoleon) ihm angeblich mit 40 T. M. folgt (wahrscheinlich mehr) 
und er ihm Bataille geben wird. Gen. Jagow mit dem Blockade Corps 
von Erfurt 18 T M. vereinigt sich mit St. Priest 6000 M. und folgt 
N. Wenn wir hier rasch nachgehen, so kann das sehr gut werden. 
Nun adieu. Empfehlungen an Menü und die Uebrigen. Wie gefallen 
Dir die beiden Groß-Fürsten? 
Sr. König!. Hoheit Dein 
dem Prinzen Carl von Preußen, dritten Wilhelm. 
Sohn Sr. Maj. des Königs, zu Berlin. 
Kaiser Wilhelms I. Lieblingsblume. Im „Bär" ist schon häufig 
von der LieMngsblumc Kaiser Wilhelms I., der blauen Kornblume, 
die Rede gewesen. Auch da« ist schon ausführlich mitgeteilt worden, daß 
diese Vorliebe des Kaisers für die blaue Kornblume aus der Zeit der 
Flucht nach Ostpreußen und von den Kornblumenkränzen herstammt, die 
seine Mutter, die hochselige Königin Luise, damals ihren Kindern wand. 
Nunmehr sind wir in die Lage versetzt, den eigenen Bericht Kaiser 
Wilhelms 1. darüber, wie er dazu gekommen, gerade diese Blume als 
Lieblingsblume zu erwählen, unseren Lesern vorführen zu können. Er 
findet sich in dem Werke „Der große Kaiser in seiner menschlichen 
Größe" von Paul Pasig (Leipzig, Beruh. Richters Verlag) und lautet 
folgendermaßen: 
„Als meine Mutter mit mir und meinem Heimgegangenen Bruder 
nach Königsberg floh in jener schweren Zeit zu Anfang unseres Jahr 
hunderts, traf uns das Mißgeschick, daß ein Rad des Wagens im freien 
Felde zerbrach. Ein Ort war nicht zu erreichen, wir setzten uns an einen 
Grabenrand, während der Schaden, so gut es eben gehen wollte, ausgebessert 
ward. Mein Bruder und ich wurden durch diese Verzögerung müde 
und hungrig, und besonders ich, der ich ein kleiner, schwächlicher, zarter 
Bursche war, machte meiner teuren Mutter viel No: mit meinen Klagen. 
Um unserm Gedanken eine andere Richtung zu geben, stand die Mutter 
auf, zeigte uns die vielen schönen blaum Blumen in dm Feldern und 
forderte uns auf, davon zu sammeln und ihr dieselben zu bringen. 
Dann wand sie Kränze davon, und wir schauten mit Freudm ihren 
geschickten Händen zu. Dabei mochte der Mutter wohl die ganze traurige 
Lage des Landes, ihre eigene Bedrängnis und die Sorge um der Söhne 
Zukunft wieder einmal schwer aufs Herz fallen, denn langsam rann aus 
ihren schönen Augen Thräne um Thräne und fiel auf den Kornblumen- 
kranz. Mir ging diese Bewegung meiner treuen Mutter tief zu H-rzen; 
meinen eigenen kindlichen Kummer vergessend, versuchte ich sie durch 
Liebkosungen zu trösten, wobei sie den von ihren Thränen glänzenden 
blaum Kranz mir aufs Haupt setzte. Ich war damals zehn Jahre alt; 
doch ist mir diese rührende Scene, unvergeßlich geblieben, und erblicke 
ich jetzt im hohen Alter die liebliche blaue Blume, so glaube ich, die 
Thränen der treuesten aller Mütter darin erglänzen zu sehen, und liebe 
sie deshalb wie keine andere." 
Kaiser Wilhelm als Prinz von Preußen im Jahre 1848 in 
England und seine Rückkehr nach Preußen. Ueber die Flacht des 
Piinzen von Preußen cbie freilich insofern mit Unrecht als Flucht be 
zeichnet wird, als der Prinz damals auf ausdrücklichen Befehl des 
Königs Preußen verlassen hat) machte Herr Kammcrgerichtsrat Dr. 
Metzel in der Sitzung des Pereins für die Geschichle Berlins am 
27. Februar d. I. höchst interessante Mitteilungen. Denselben entnehmen 
wir folgendes (ck. Nr 3 der Mitt. des Pereins für die Geschichte 
Berlins): 
Am 2. April 1848 wurde zu Berlin der zweite vereinigte Landtag 
eröffnet. An demselben Tage besuchte der Prinz von Preußen den 
Gottesdienst in der Savoykirche zu London. Dort wurde ein Kirchen 
lied gesungen, welches auf den Prinzen einen solchen Eindruck machte, 
daß er in dem Hannoverschen Kirchengesangbuche, welches ihm damals 
vom Prediger Steinkopf geschenkt wurde und welches lange Zeit auf 
dem Schreibtisch des Prinzen in Schloß Babelsberg gelegen ha«, den 
dritten Vers anstrick und mit dem eigenhändigen Vermerk versah: „Bei 
meinem ersten Pesuche des Gottesdienstes in der Savoykirche zu London 
am 2. April 1848 gesungen." Dieser Vers möge auch hier seine Stelle 
finden, er lautet: 
„Da siehst du Gottes Herz, 
Das kann dir nichts versagen, 
Sein Mund, sein teures Wort 
Vertreibt ja alles Zagen. 
Was dir unmöglich dünkt, 
Kann seine Vatcrh'and 
Noch geben, die von dir 
Schon soviel Not gewandt!" 
Während der Prinz in England eine bange, aber doch auch in 
mannigfacher Beziehung an Anregungen reiche Zeit verlebte, erschienen 
in Berlin die schandvollstcn Schmähschriften gegen ihn. Die Miß 
stimmung gegen den Prinzen war so weit verbreitet, daß selbst Geistliche 
ihn in der herkömmlichen Fürbitte unerwähnt ließen, und auch der 
Landtagsmarschall seiner nicht gedachte. Aber in den Provinzen begann 
bereits eine Umstimmung sich anzubahnen. Hier und da wurden im 
Lande Stimmen laut, welche die Zurückberufung des Prinzen von 
Preußen forderten, und nicht lange, so wurde sein Name der Mittel 
punkt und das Panier aller, die mit Treue an dem Königtum 
von Gottes Gnaden festhielten. Namentlich aber sprach sich diese 
Sympathie für den Prinzen in dem preußischen Heere aus. 
Schließlich nahm die Stimmung für den Prinzen von Preußen 
so überhand, daß das Staatsministerium selbst am 10. Mai 1848 dem 
Könige die Zurückberufung desselben anriet, wobei es erklärte, es erachie 
es für unerläßlich, daß Seine Königliche Hoheit als der Nächste am 
Throne während der Beratung und bei der feierlichen Anerkennung der 
zu vereinbarenden Staatsverfassung zugegen sei. Pereits am folgenden 
Tage, den 11. Mai, erließ der König eine Kabinettsordre, durch welche 
er den Major Laue zum ersten Adjutanten des Prinzen von Preußen 
ernannte und ihn beauftragte, Seiner Königlichen Hoheit die Aufforde 
rung zur Rückkehr zu überbringen. Am 27 Mai wurde dem Prinzen 
dieser Befehl übermittelt, und er trat sofort über Brüssel die Heimreise 
an. Am 4. Juni bcttat er in Wesel, wo ihm ein festlicher Empfang 
bereitet wurde, den preußischen Poden. Von Wesel bis Magdeburg 
glich seine Reise einem wahren Triumphzuge, auf allen Bahnhöfen 
wurde er von Veteranen, Landwehrvereinen und Schützengilden mit 
jubelnden Hurrahs empfangen. Am 7. Juni, am Todestage seines 
Vaters, traf der Prinz in Potsdam ein, und noch an demselben Tage 
begab er sich in das Mausoleum z, Charlottcnburg an die Ruhestätte 
der unvergeßlichen Eltern, um dort dem Herrn, dem L-nker der Völkcrge- 
schicke, seinen inbrünstigen und demüligcn Dank darzubringen. 
Die erÜL Peteilianiia des nachmaligen Kaisers Wilhelm l. am 
parlamentarischen Leben! Zn'den 'erstcn^FebrMirragen'dieses Jahres ist 
cs ein halbes Jahrhundert geworden, daß der nach malige Kaiser Wiihelm 
die Ocffentlichkeit als Parlamentarier zu beschäftigen begann. Als 
erstes Mitglied des Staatsministcriums hatte Prinz Wilhelm am 3. Fe 
bruar 1847 das Patent unterschrieben, das auf Geheiß des Königs den 
Vereinigten Landtag auf den 11. April nach Berlin einberief. Diesem 
für die weitere Entwickelung Preußens so beteutungsvollen Akte stand 
der Prinz auch insofern nahe, als er an der Gesetzgebung und den damit 
zusammenhängenden Erlassen sich direkt beteiligte. Für diese Beteiligung 
liefern die stenographischen Berichte des erben Pereinigten Landtages das 
Material zur Beurteilung der parlamentarischen Thätigkeit des Prinzen. 
Es ist Aussicht vorhanden, daß das Staatsarchiv aus den Stenogrammen 
über die Sitzungen des Vereinigten Landtages die Reden des Prinzen 
Wilhelm demnächst zur Veröffentlichung herleihen wird. Diese Steno 
gramme würden, abgesehen von ihrem Gehalt, auch deshalb allgemeines 
Interesse erregen, weil sie die Verbesserungen tragen, die der Prinz gleich 
jedem anderen Deputierten vor der Veröffentlichung mit eigener Hand vor 
genommen hat. Ein Zeitgenosse äußert sich über den Prinzen als 
Parlamentarier: „Der Prinz zeigte eine reiche und vielseitige Geistesbildung. 
Seine Aeußerungen tragen das Gepräge eines gesundes Perstandes, reiner 
Gesinnungen ued edler Anschauungen. Kurz und bündig sprach er seine 
Ansichten ails, immer mit direkter Bezugnahme auf die schwebende 
Frage der Verhandlungen, mochten dieselben das sogenannte Bescholtcn- 
heitsgesetz betreffen oder das Differential-Zoll-System und den Frei 
handel, für den er sich erklärte, oder die Pattimonial-Gcrichtsbarkeit, für
        
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