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Periodical volume 2. Januar 1897, No. 1

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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Da die vorerwähnte Jacht auf der winterlichen Fahrt 
'Schaden', erlitten hatte und einer Reparatur halber kurze Zeit 
von der Weiterfahrt zurückgehalten wurde, so mußte ihr kost 
barer Inhalt auf dem Landwege wetterbefördert werden. Der, 
Kaiser von Rußland wünschte sich sobald als möglich im Be 
sitze der fürstlichen Freundesgabe zu sehen, der er in seinem 
alten, am Kanal und der „großen deutschen Straße" belegenen 
Wintervalais ein prächtiges Gemach einräumte. 
Bis zum Jahre 1755 blieb das Bernsteinztmmer in 
Petersburg. Dann ließ Kaiserin Elisabeth, die Tochter Peters 
des Großen, das Kunstwerk nach Zarskoje-Sselo überführen, 
da der Neubau des Winterpalastes die Sicherheit des Schatzes 
gefährdete. 
Der kaiserlich russische Bernsteinmeister Martelli. ein. kunst 
begabter Italiener, erhielt den Auftrag, die Aufstellung zu 
übernehmen. 
Er ßntledigte sich desselben in mustergültiger Weise. Auch 
die prunkvollen Spiegelrahmen aus Bernstein, welche Friedrich 
der Große im Jahre 1745 zur Vervollständigung des Bernstein- 
kabinetts an Elisabeth Petrowna von Rußland gesendet hatte, 
wurden dem Ensemble einverleibt. 
' Im königlichen Schlosse zu Berlin hatte das seltene 
Gemach nur einen kleinen Eckraum im dritten Stockwerk 
-(Lustgarten und Schloßfreiheit) in Anspruch genommen. In 
Zarskoje-Sselo^ beherrscht es einen 36 Meter breiten und 
34 Meter tiefen Saal. Durch drei hohe Fenster vermag das 
Sonnenlicht den weiten Raum zu durchstrahlen. Wie ein 
Meer von Glanz und Gold flutet es alsdann vor den 
Blicken des Beschauers. j 
Das edle Harz, welches Jahrtausende lang auf dem: 
Grunde der Ostsee von den Wellen bespült wurde, has der 
Sturm mit den Meeralgen aufwühlte und mit diesen zugleich > 
an die Oberfläche führte, das unverdroffene Taucher in der 
Tiefe hoben oder unermüdliche Bergleute mit der Spitzhacke 
— / 
im dunklen Schacht dem Erdreich abrangen, das preußische 
Gold, ist hier von Künstlerhand zu unvergleichlicher Schönheit 
umgeprägt worden. 
Es würde zu weit führen, alle künstlerischen Einzelheiten 
der Ausstattung des seltenen Raumes zu schildern. Die russische 
Kaiserkrone und das preußische Wappen, die Friedensgöttin 
mit Kriegs- und Friedensemblemen, Reichsinsignien und be- 
deutungsvolle Allegorien wechseln mit Blumen und Korallen 
ästen ab. Meergötter und Nymphen und allerlei Seegetier, darunter 
eine Sirene, dte mit einem Delphin kämpft, heben sich in 
wunderbarer, erhabener Schnitzarbeit aus dem massigen und 
dennoch durchsichtigen Bernstein des Grundes ab. Weder Edel 
metall noch auserlesene Juwelen, Mosaiken, Skulpturen und 
Gemälde find gespart worden, um den märchenhaften Zauber 
dieses Gemaches zu erhöhen. . 
- Mein Heimatland?) 
Du stille Mark mit deinem Kiefernwald, 
Mit deinen dunklen, schilfumkränzten Seen, 
, Mit deinen morschen Eichen, sagenalt. 
i. Mein Heimatland, ich kann dich ganz verstehn! 
Wie bist du schlicht und doch so reich und schön. 
Wie tönt aus dir erhabne Poesie, 
Du läßt so mild durch meine Lieder wehn 
/Den sanften Odem reiner Harmonie. 
Du sprichst zu mir auf Bergen, tief im Thal. 
Bei Blütenduft, bei Herbstes Klagewind 
i . Wie eine Mutter, die zum letzten Mal 
In Wehmut segnet ihr geliebtes Kind. 
• , Ernst Zeisiger. 
*) Aus den „Märkischen Klängen". Berlin, Verlag von Julius 
Bohne (Otto Klacger). 
Kleine Mitteilungen. 
> Die Königin Luise lebt im Herzen des deutschen Volkes vor 
allem auch als Vorbild für eine deutsche Mutter. AIS solche hat sie 
• Professor G. Btermann in seinem Gemälde dargestellt, von welchem 
wir auf Seite 9 eine verkleinerte Nachbildung nach 4>cr im Verlage 
von G. Heuer u. Kirmse in Berlin erschienenen Photogravure bringen. 
Der Liebreiz der unvergeßlichen Mutter unseres großen Kaisers, der ver- 
ehrungswürdigstcn Jdealgestalt, welche die deutsche Geschichte kennt, ist aus 
diesem Bilde mit vollendeter Meisterschaft wiedergegeben worden. Dtejugend- 
liche Mutter tritt in natürlicher Anmut und königlicher Würde vor unS; 
keine theatralische Pose stört die Darstellung; es sind die milden, durch 
geistigten GesichtSzüge der historischen Königin Luise, welche die 
' Meisterhand dcS Künstlers hervorgezaubert hat. Die edle KönigS- 
rose steht vor unS, die der Sturm brach, welcher dereinst,- 
einem Gottesgerichte gleich, über unser Vaterland herniedersaustc. Neben 
der jugendlichen Mutter steht die Knabengestalt des späteren Hohenzollcrn- 
kaiserS, drsien hundertsten Geburtstag All-Deutschland in einigen Wochen 
feiern wird. Einen besonderen Wert erhält die Darstellung Professor 
G. Biermanns durch die historische Treue, deren sich der Künstler be 
fleißigt hat: nur authentische, zeitgenössische Gemälde und Bildwerke haben 
ihm zur Unterlage gedient, wodurch sich seine Kompofllion vor allen 
Luisenbildcrn auszeichnet. 
Dte Reproduktion deS Biermannschen BildeS im Phojogravurc- 
Vcrfahrcn, welche im Verlage von G. Heuer u. Kirmse jn Berlin 
erschienen ist, entspricht den höchsten Anforderungen, die man an die 
moderne Technik stellen darf. Die Kupferätzung ist auf China-Papier 
im Format von 69:96 cm Blattgröße gedruckt und ist im Kunsthandel 
zum Preise von 15 Mark käuflich. Es wird hier rin Zimmerschmuck 
edelster Art geboten, an welchem jeker Kunstfreund und Patriot seine 
Freude haben wird. 
DaS Brustbild der Königin Luise allein, das wir auf S. 1 
in einer Verkleinerung wiedergegeben haben, ist als Ovalbild im Kunst- 
handel erschienen; cs kostet 3 Mk., in feinster engltcher Rahmung (grün 
mit Gold) 8 Mk. DaS Bild dürfte sich ganz besonders als Festgeschenk 
für Damen eignen. — 
Karvarossa-Ntsrhe und Neiterstarrddiid arn 
Kyfstrauser-Donkmal. (Mit Abbildungen auf S. 4 und 5.) 
Der „Bär" hat -schon im 18. Jahrgang, Seite 377, eine Abbildung des 
Kyffhäuser-DenkmalS, das am 18. Juni v. I. in Gegenwart 
Sr. Majestät des Kaisers und zahlreicher deutscher Fürsten enthüllt 
worden ist, gebracht. Jn diesem gewaltigen Denkmal hat die Erfüllung 
des deutschen Kaisertraums, die Thatsache des wiedererstandenen deutschen 
Reiche« einen überaus herrlichen, weithin sichtbaren und künstlerisch 
vollendeten Ausdruck gefunden Ein einzelnes Standbild genügte hierzu 
nicht, es mußte eine figurenreiche Darstellung geschaffen werden. Vor 
allem sind es zwei mächtig wirkende, koloffale Gruppenbilder, welche 
die vorgenannte Idee zum Ausdruck bringen: Das Barbarossa- 
Denkmal in der varbaroffa-Nischc und da« Reiterstandbild Kaiser 
Wilhelms I. vor dem 57 Meter hohen Turm, der auf seiner Spitze 
eine gewaltige Kaiserkrone und an seinen oberen Seiten die Namen 
«.ller deutschen Staaten und freien Städte trägt. 
Steigen wir — so entnehmen wir einer Beschreibung des Denkmals 
in Nr. 24 der „Parole" v. v. Jahre — von der Ringterrassc (der 
in einem Halbkreis von 96 Metern Durchmesser hergestellten Plattform) 
welche etwa die räumliche Ausdehnung des Platzes vor dem Branden 
burger Thor in Berlin hat, die Stufen der großen Freitreppe hinan, so 
gelangen wir auf die Burghofterrasse, von welcher drei in das 
Gestein des Berges eingesprengte gewölbte Portaldcgen auf kurzen 
Säulenstümpfen durch schwer lastende romanische. Gewölbe hindurch i» 
daS unterirdische Schloß Barbarossas führen. Sehr sinnig hat 
man diesen Raum als Burghof aufgefaßt, in welchen das Licht des 
Tages mit dem Glanz des neuen Reiches hineinleuchtet. Hier erblicken 
wir an der Hauptstirnwand, die aus dem natürlichen Felsen aufragt, 
unter reichgcschmücktem romanischem Bogen die Kolossalfigur des
        
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