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Periodical volume 27. Februar 1897, No. 9

Full text: Der Bär Issue 23.1897

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„Hurra!" rief er. „es geht los!" 
Alles sprang auf. selbst die Civilisten, die im Cafe waren. 
„Ja," fuhr er ruhiger, aber mit dröhnender Stimme 
fort, „ich sage Euch. es geht los! Lange genug hat der 
Pallasch in der Scheide gerostet. Ich komme eben von der 
Kommandantur. Vor einer Viertelstunde langte ein Kurier 
aus Polsdam vom Könige an. Frankreich hat uns den Krieg 
erklärt. Die Armee soll eiligst auf Kriegsfuß gebracht werden." 
„Hurra, hurra!" scholl es von allen Seiten. „Es lebe 
der König! Hoch, hoch, hoch!" 
Alle Anwesenden bildeten einen engen Kreis um den 
Kürasfier. Er sollte erzählen, Genaueres berichten. 
„Weiteres ist vorläufig noch nicht bekannt. Genug, daß 
wir ausrücken werden; so bald als möglich, denke ich!" 
„Gar^on! Noch ein paar frische Flaschen! Auf diese 
Freudenbotschaft müssen wir anstoßen!" 
„Wir werden den franzöfischen Wein an der Quelle trinken!" 
„Und die franzöfischen Mädchen küssen!" 
„Den Franzmann mag ich nicht leiden, aber seine Weine 
trinke ich gern." 
So scholl es von allen Seilen wild durcheinander. 
„Mon Dieu, mon Dieu!“ seufzte der Franzose. „Was 
find diese Prussiens für eftige Leut!" 
Die Flaschen wurden gebracht, die Gläser klangen jubelnd 
zusammen. Tausend Fragen wurden aufgeworfen und besprochen. 
Welche Regimenter zum Ausmarsch bestimmt seien? Wer das 
Oberkommando erhalten werde? Ob der König die Armee 
ins Feld begleiten werde? Ob auch der Kronprinz mitziehen 
werde? Wie fich Prinz Heinrich zur Kriegsfrage stelle? u. s. w. 
Der kleine Marquis kam gar nicht mehr zu Wort. Es 
wurde ihm förmlich unheimlich unter diesen aufgeregten 
Marssöhnen. 
Er stand plötzlich auf. „Pardon, Messieurs, da drauß 
geht ma belle charmante, die kleine Balletteuse; ich muß ihr 
geben dies schöne Bouquet und fragen, wie fie hat geschlafen 
diese Nacht." Damit nahm er sein Veilchensträußchen und 
tänzelte unter zahllosen Verbeugungen hinaus. 
„Da geht er hin, dieser französische Windbeutel," brummte 
Rochow. „Und für solch eine Bande sollen wir uns schlagen!" 
„Nicht für diese Bande, Herr Rittmeister. Auf Befehl 
des Königs schlagen wir uns," warf Karl Agidius ein. 
„Was kümmerp uns die Politik? Der Monarch muß am 
besten wissen, wofür er das kostbare Blut seiner Soldaten 
aufs Spiel setzt. Wir gehorchen einfach und thun unsere 
Pflicht, ohne lange zu fragen, warum." 
„Gewiß!" erwiderte Rochow. „Ich möchte übrigens 
wissen, wo die Grafschaft dieses Harlekins liegt. Auf der 
Landkarte wird man fie sicher vergeblich suchen." 
„Ja, da laufen eine Menge französischer Grafen und Barone 
umher," setzte Miltiz hinzu, „scharwenzeln und schmarotzen, 
verzehren unser schönes Geld und verführen unsre Weiber! 
Und am Ende sind sie nichts weiter, als bankerotte Perücken 
macher oder davongelaufene Kammerdiener!" 
„Und wenn's ans Schlagen geht, machen fie fich aus dem 
Staube und lasten andere die Kastanien aus dem Feuer holen!" 
So verhandelte man noch längere Zeit. bis man endlich 
in sehr erregter Stimmung schied. 
Am Abend hatten viele Häuser in Berlin illuminiert. 
(Fortsetzung folgt.) 
,.,MKWL^Mk^^MfrkiMDirrlege. 
Mitgeteilt und erläutert von Gebhard Zerwin. 
Zu Anfang des Jahres 1813 war besonders im nörd 
lichen Preußen die Stimmung gegen Kaiser Napoleon bis 
zum äußersten Grade der Erregung gestiegen. Sechs Jahre lang 
halte bereits auf dem Lande der schwere Druck des feindlichen 
Ueberwinderers und Eroberers gelastet, und fast unaufdringlich 
waren die Opfer geworden, welche fortwährend dem fast völlig 
ausgesogenen Volke durch den Uebermut des Feindes zu 
gemutet wurden. Endlich schien aus dem fernen Osten ein 
erster Strahl von Hoffnung dem armen, geknechteten Lande zu 
leuchten: Napoleons Heere waren auf den Eisfeldern 
Rußlands beinahe gänzlich aufgerieben worden, der Soldaten 
kaiser selbst hatte in schimpflicher Flucht das feindliche Land 
und seine eigenen Truppen verlassen und war heimgekehrt. 
Gottes Strafgericht schien den übermütigen Korsen ereilt zu 
haben. Von dem Niemen bis zur Oder, von der Ober bis 
zur Spree und Elbe atmeten alle Unterdrückten in Preußen 
neu auf und faßten wieder frische Hoffnung, und in der 
That sollten diese neubelebten frohen Gedanken an bessere 
Zustände nunmehr ihrer Verwirklichung näher geführt werden. 
Zu jener Zeit machte sich vornehmlich in Berlin zuerst 
eine mächtige nationale Gegenströmung gellend. Vater 
ländisch gefilmte Männer wie Fichte und Jahn verstanden 
es. den Gedanken sür Preußens Macht und Größe wieder 
wachzurufen und die längst im geheimen fich regenden 
Pläne einer Abschüttelung des feindlichen Joches in jeder 
Richtung zu fördern; es mehrte fich die innere Gärung, und 
Tieferblickende sagten mit Sicherheit das Ausbrechen eines 
neuen gewaltigen Krieges mit dem trotz seiner in Rußland 
erlittenen Niederlage stets noch so mächtigen Gegner voraus. 
Selbst der etwas unentschlossene König Friedrich Wilhelm III. 
hatte — nach den Worten Leopold von Rankes — als 
Soldat von Profession den Krieg gegen Frankreich unter dem 
Gesichtspunkt eines militärischen Wettstreits angesehen, in 
welchem er unterlegen war. „Wie Napoleon auf sein 
Glück pochte, so sürchlete der König, daß ihn persönlich ein 
unglückliches Gestirn verfolge, was jedoch seine Seele niemals 
niederbeugte; er war immer mit einer stolzen Bitterkeit er 
füllt. Nie verschwand ihm der Gedanke, wieder zu einer selb 
ständigen Militärmacht zu gelangen, aus welche die Unab 
hängigkeit des Staates allein gegründet werden könnte." Und 
er sollte in hohem Grade recht mit seiner Zuversicht behalten. 
Angespornt durch das Vorgehen von Männern wie 
Stein, Scharnhorst, Gneisen au u. a., entwickelte 
fich das nationale Bewußtsein in der zwar sehr verkleinerten, 
aber so zu sagen purifizierten Monarchie zu einer seltenen 
Blüte. Zn jener Zeit war es auch, als in Berlin ein die 
Stimmung sehr genau bezeichnendes deutsches Spottgedicht 
auf den Kaiser Napoleon entstand, gedruckt, veröffentlicht 
und im geheimen möglichst verbreitet wurde. Dieses Gedicht 
ist uns nur durch einen glücklichen Zufall in die Hände gefallen; 
es gehört heute zu den größten litterarischen Seltenheiten, so daß 
es unseren Lesern wohl ganz unbekannt sein dürfte. Wenn wir 
es im nachstehenden wieder an das Licht der Ocffentlichkeit ziehe,', 
so glauben wir damit am besten den Charakter der allgemeinen 
Meinung zu kennzeichnen, die damals in Berlin herrschte.
        
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